NOUVELLE VAGUE-3-CD
Aaah, die Platte, auf die sich alle Musikredakteure stürzen müssen,
weil die Band ausgemachter Konsens ist und man eigentlich alle Stücke
kennen müsste, wenn nicht, disqualifiziert man sich automatisch als
Horst. Wer zuviel auf sich hält, schreib einfach einen gnadenlosen
Verriss, weil seine nachträglich verklärten Heiligtümer
Schaden nehmen könnte. Beliebte Floskeln für den Verriss wären
hier: Kitschig, belanglos oder auch „Fahrstuhlmusik“ in allen Varianten,
auch wenn das so billig ist, dass man dann doch lieber einfach vornehm
die Klappe halten sollte. Im Vergleich zur letzten Platte erweitern die
Franzosen den Umsetzungshorizont ihrer Coverversionen wieder um ein paar
Schritte und überraschen mit ein paar gelungenen Neuinterpretationen
der zumeist hinlänglich bekannten Originale. Es gibt auch ein paar
Stücke, die nicht hätten sein müssen, weil es bereits grandiose
Interpretationen anderer Leute gibt. Oder eine Vorlage wie Depeche Modes
„People are people“ von Götz Alsmann, nach dem man sich zweimal überlegen
sollte, ob man überhaupt noch mal etwas von der Band überarbeiten
sollte. Eingermaßen freuen dürfen sich die Virgin Prunes, Talk
Talk, die Go Go’s, Psychedelic Furs und die Talking Heads über zuckersüß-relaxte
Vergoldungen ihrer Stücke – manchen wird’s aber auch einfach zu belanglos
sein. „Ca plane pour moi“ vom Plastischen Bertrand enttäuscht auf
ganzer Linie, weil der Ska so naheliegend war, ebenso „God save the queen“
der Pistols, das man so von jedem Stimmlegastheniker mit Holzgitarre in
der U-Bahn hören kann. Sehr edel dafür „Say hello wave goodbye“,
das einen Hauch Amy Winehouse abbekommen hat und natürlich „So lonely“
von Police, das zum allerersten Mal so klingt, wie es sich für das
Stück dem Text nach gehört. Auch Minimal Compacts „Not Knowing“
klingt als Flamenco richtig klasse. Melancholie und Relaxen kann so dicht
beieinander liegen. Es ist zwar nicht alles wirklich gelungen, aber immer
noch meilenweit besser als alles was 2Raumwohnung seit der 2. Platte gemacht
haben. Die Gastmusiker zu deren eigenen Stücken verkneif ich mir,
die schicken sich wahrscheinlich zum Geburtstag auch Blumen mit Floraldi.
(PIAS)
THE SUNDAY REEDS-DROWNING IN HISTORY-CD
Heiße Anwärter auf den “Psychocandy-Gedächtnispokal”
der Jesus & Mary Chain-Epigonen. Endlich mal eine Band, die es annähernd
schafft, in die großen Fußstapfen der Reid-Brüder zu treten,
ohne gleich hinzufallen. Allerdings ist das auch nicht unbedingt schwer,
wenn man sich wie beim ersten Stück an ein Originalriff von Jesus
hält und einfach einen Joy Division-Basslauf dazu gibt. Da aber die
Herren Reid keinen Feedbacklärm mehr produzieren und auf Konzerten
schon lange nicht mehr nach 30 Minuten die Bühne verlassen, klafft
hier eine riesige Lücke, die man ruhig einmal füllen kann. Die
Sunday Reeds entfernen sich gerade so weit wie es nötig ist, um nicht
als Coverband durchzugehen, sind aber mindestens so nah dran, dass man
als Besitzer einer durchgescheuerten „Psycho“-LP frisches Blut riecht.
Das monotone Schlagzeug, die fiesen Feedbacks, der einfühlsame (hier
weibliche) Gesang, der dem Ganzen die nötige Melodie gibt, es ist
alles da was das Herz eines melancholischen Teenagers (und meines) erfreut.
So nah war bisher kaum einer am Original wie dieses Duo. (Squirrel Records
/ squirrelrecords.co.uk)
JANE’S ADDICTION-A CABINET OF CURIOSITIES-3xCD+DVD-BOX
Ende der 80er machte ich Bekanntschaft mit einem Amerikaner, der ohne
mit der Wimper zu zucken bereit war, seine Misfits-Originalsingles gegen
europäische Promos, Bootlegs und Mitschnitte von Jane’s Addiction
zu tauschen. Ein mehrfach einträglicher Deal, zumal ich so nebenbei
die Bekanntschaft mit einer der aufregendsten Bands machen konnte, die
mich seinerzeit aus dem Punk-Rock-Einerlei rissen, denn wenn jemand derart
verrückt nach einer Band war, dann musste etwas Besonderes dran sein.
Ohne Jane’s Addiction würde die Musikwelt heute ein wenig anders aussehen.
Auch wenn die Kohle andere gemacht haben, wurden die neuen Standards durch
Perry Farrell, Eric Avery, Dave Navarro und Stephen Perkins gesetzt, wenn
nicht durch Jane’s Addction, dann durch die Lollapalooza-Festivals, die
von Farrell initiiert wurden. Crossover durch alle möglichen Musikstile,
einer riesigen Portion Groove, Style und alles mit Punk im Herzen, nie
wieder hat eine Band das so vereint. Als Hinterlassenschaft gibt es hier
nun einen edelst aufgemachten kleinen Holzschrein mit drei CDs und einer
DVD, einem edlen dicken Booklet, Tarotkarten und vier kleinen Voodoo-Puppen,
definitiv nichts für Grobmotoriker. Die randvollen CDs beherbergen
jede Menge unveröffentlichte Aufnahmen, Demos, Livematerial, Single-B-Seiten
und Promo-only-Stuff, das man als Fan zwar von zahlreichen Bootlegs kennt,
nun aber erstmals in einwandfreiem Sound hören kann. Auf der DVD befindet
sich das komplette Soul Kiss-Video, sämtliche Videos und ein MTV-Special.
In jedem Fall das am schönsten aufgemachte Release der letzten Jahre
und eines der schönsten Geschenke, das man sich machen kann. Bin hin
und weg! Einziger Nachgeschmack: In den USA gibt es eine ultralimitierte
Version mit einer weiteren kurzen Bonus-Live-CD. (Rhino / rhino.com)
THE MANHATTAN LOVE SUICIDES-BURNT OUT LANDSCAPES-CD
Hmm, erinnert sich noch jemand an Fuxxbox oder frühe Primitives?
Drumbox (ufta, ufta), zuckersüßer Gesang und schrammelige Gitarre
drauf, fertig?! In diesem Fall nur die halbe Wahrheit, denn den Rest füllen
die Damen und Herren mit den Gitarren und Kratzgeräuschen von Jesus
& Mary Chain auf. Passen gut zu den Labelkollegen „SUNDAY REEDS“ und
können gemeinsam auf ihre Schnürsenkel starren, falls sie mal
zusammen auftreten sollten. Klingt auch auf CD äußerst kratzig
und staubig, wie eine abgenudelte Platte, aber in jedem Fall äußerst
sympathisch. Bei der Platte handelt es sich übrigens um eine Sammlung
rarer Tracks, B-Seiten und Restmaterialen, die trotzdem wie aus einem Guss
klingen. Wer die Primitives mit etwas mehr Lärm und Spielvermögen
mag, der kann hier getrost zugreifen. (Squirrel Records / squirrelrecords.co.uk)
OFFICIAL SECRETS ACT-UNDERSTANDING ELECTRICITY-CD
Die Platte krankt an derselben Krankheit wie ihr Liveauftritt: sind
die drei bis vier wirklich guten Stücke aufgebraucht, driftet das
Ganze sehr schnell in die Belanglosigkeit ab. Dummerweise haben sie die
drei Singletracks auch gleich an den Anfang der Platte gesetzt, danach
möchte man erst einmal an den Kühlschrank gehen, um dort nach
dem Rechten zu sehen. Ist man rechtzeitig zurück, kommt mit „Hold
the line“ noch mal ein gutes Stück, danach wird’s albern bis unerträglich
schmalzig. So oft kann ich nicht auf’s Klo, so viele Pflanzen hab ich nicht
zu gießen. Spätestens bei „Bloodsport“ denkt man an Kajagoogoo
und weiße Discoklamotten. Als 4-Track-Maxi eine klasse Sache, aber
als CD wie Sex auf Viagra. Am Anfang freut man sich noch über den
Ständer, aber spätestens, wenn man pissen muss, wird’s ziemlich
lästig. Musikalisch im Kielwasser von Boxer Rebellion, 80er-Retro,
UK-Indie-Pop und sehr viel Pressehype. (One Little Indian / indian.co.uk)
WE HAD A DEAL-THE WORLD OWES YOU NOTHING-CD
Ich muss mich wohl damit abfinden, dass man bei der richtigen Suche
im Netz zuerst einmal etwa zehn Seiten bekommt, auf denen man die Platte
von irgendwelchen Servern herunterladen kann, statt auf die Bandseite zu
gelangen. Nicht gut, andererseits postet kein Schwein Platten, die nix
taugen. Und „the world owes“ taugt richtig. War ich live schon von den
jungen Herren aus dem Nachbarstädtchen äußerst angetan,
weil der Sound sich auf Anhieb von der breiten Screamo-HC-Masse deutlich
abhebt, ist die CD nochmal eine Überraschung. Ich entdecke keine Leichtsinnsfehler,
keine der üblichen Kinderkrankheiten und keinen Platz für
lahme Entschuldigungen, denn die Platte klingt großartig, die Stücke
ausgereift, sie lassen sich an den richtigen Stellen Zeit und geben bei
denen Gas, an denen es sein muss, keine Machoposen, metalfrei, reiner,
purer Hardcore, kein überhasteter Erstling mit Krupphusten, kein Frühchen,
das zuerst noch in den Brutkasten muss. We Had A Deal sind erst am Anfang
und schon jetzt so erwachsen, dass es fast weh tut, angesichts der Massen
an Bands, die es über Jahre nicht schaffen, etwas Besonderes herauszuarbeiten,
dass sie von anderen unterscheidet. Klasse Texte, stimmiges Gesamtkonzept,
und sie haben etwas, was vielen anderen Bands derzeit fehlt: Tiefe! Außerdem
haben sie ihre Punklektionen gut gelernt, was man von manchen Screamobands
nicht behaupten kann. Das Beste, was seit langer Zeit aus dem Großraum
Stuttgart kam, ohne Scheiß! Live geht da noch viel mehr ... Übrigens
auch nach dem zehnten Durchlauf immer noch klasse! Ich kann nur deswegen
keine zehn Punkte geben, weil ich einfach weiß, dass da noch mehr
schlummert. (Deaf Cult Records / deafcult.org)
GLASSES-SAME-LP
Schon nach den ersten Takten wippt man mit, bis einen der erste Blast
aus dem Rhythmus wirft. Gnadenloser Parcours, den die Jungs hier abspulen.
Fast wie eine Wildwasserfahrt, bei der man auf ein Schlauchboot gebunden
wurde. Langsame Parts münden in gnadenlosem Geballer, bis irgendwer
mit einem Ruck die Handbremse anzieht, um dann in den zweiten Gang zu schalten,
Groove, Doom, alles, nur keine Grenzen (außer Metalgepimpe, das bleibt
draußen). Der Shouter hat rostige Nägel gefressen und durchläuft
hier definitiv eine Therapie auf der Platte. Heiße Scheiße
von einer Band, die absolut fit an ihren Instrumenten ist und das Zeug
gnadenlos rausprügelt. Einseitig bespielt mit Siebdruck auf der Rückseite,
stilvolles Cover, extremst geil und satt! Beim Auflegen dieser Scheibe
wird die Sonne spürbar dunkler, so düster ist dieses Stück
Vinyl. (Vendetta / vendettarecords.de)
HATEPINKS-LIVE AT THE STORK CLUB-LP
Liveplatte der sich eben verabschiedenden Hatepinks, die in jedem der
beiden Cover edelst aussieht. Transparentes Vinyl hinter einer bedruckten
klaren Plastikscheibe. Erstklassiger Livesound mit den meisten Hits der
Franzosen, die hier noch mal richtig Spaß haben und zwischen den
Stücken sehr unterhaltsam unter anderem ihr Gastland beschimpfen.
Mit dem Ableben der Hatepinks wird was fehlen. (P.Trash / ptrashrecords.com)
SNIFFING GLUE-I’M NOT ALRIGHT-MLP
Nach ihrem furiosen Gig mit EA 80 in Darmstadt haben die Jungs einen
dicken Stein im Brett, vor allem, weil ich weiß, dass man dieses
Material hier live noch eine Spur härter hören wird. Wer Circle
Jerks, Reagan Youth und frühe Black Flag mag, der wird Sniffing Glue
lieben, denn sie transportieren die Angepisstheit dieser Bands 1:1 in eine
Zeit, die voller Kapellen ist, die lieber nur gefallen wollen, anstatt
auf die Kacke zu hauen. Nur das Zwischenformat der Mini-LP macht es etwas
schwer, denn für den vollen Genuss zu kurz, für eine Single zu
lang, verschwindet dieses Format immer sehr schnell aus den Plattenkisten.
Zehn Songs, wobei der Bonussong nur mittels aufstehen und Nadel platzieren
zu erreichen ist, machen vor allem Lust auf ein weiteres Konzert mit der
Band. (Barfight Records / myspace.com/sniffinggluepunk)
AUTISTIC YOUTH-I WANT TO SEE EVERY TOWER FALL-7”
Unglaublich produktive Band, die immer noch nach den von mir hochgeschätzten
Stick & Stones und klassischem 80er Hardcorepunk klingt, nur ohne dessen
Produktionsschwächen. Vier gute Songs, schöne Textbeilage mit
Farbposter auf der Rückseite, bleiben keine Wünsche offen! (Rock
Bottom / autisticyouth.com)
CIVIL VICTIM-MEHR KRIEG-7”
Schön angepisster und in einem Affenzahn heruntergespulter Hardcorepunk
ohne viele Schnörkel, der nicht so geradlinig ist, dass es stumpf
wäre. Einziger Kritikpunkt: das Cover, obwohl das gestalterisch noch
um Längen besser aussieht als das der letzten EP. (Loud Punk / myspace.com/civilvictim)
KRIEGSHÖG-HARDCORE HELL EP
Ja, so klang es in Japan, bevor das Haarspray und Metalsolis von der
Nippon-Regierung erfunden wurden, um die Szene zu schwächen. Brutaler
Sound, Rückkopplungen, kratzig, Discharge auf 45 und an manchen Stellen
so, als würde das Schlagzeug die Treppe runterfallen, dazu ein bissiger
Shouter, der mehr bellt als brüllt. Killer! Natürlich Retro,
weil klassischer Japcore wie Gauze, Outo, Zouo, Confuse, Lipcream und Konsorten,
nur eben 2009. Hardcore, so wie er sein muss!!! Stilsichere Aufmachung
(nur der Schlagzeuger hat keinen Patronengurt), 6x in die Fresse. (HeartFirst
/ heartfirst.net)
THE MISSING SHADOWS-WRECKED EMOTIONS E.P.-7”
Mit verbundenen Augen (und wegen des Akzents) hätte ich die Jungs
ohne zu zögern nach Dänemark verortet, aber da läge ich
wohl falsch. Ähnliches Kaliber wie die Idle Hands oder Aggravation.
Klassischer US-Punk-Rock-Sound mit leichtem Wipers-Einschlag. Sechs kleine
Perlen, sehr gut, sicher sehr schnell weg und morgen schon so gesucht wie
ein Hocker aus dem Bernsteinzimmer. (Timme Heie Humme Records / myspace.com/timmeheiehummerecords)
HATEPINKS/CHINESE LUNGS-SPLIT-7“
Wunderschönes buntes Vinyl mit einer Hälfte klarem gesprenkeltem
(gelb) Vinyl und einer Hälfte milchig-gesprenkeltem (pink). Sieht
sehr schön aus und macht was her. Von den Hatepinks und den Chinese
Lungs gibt es jeweils zwei Songs, die zumindest bei den Hatepinks extrem
ausgereift klingen. 2x 77er-Punk der besseren Sorte auf einem wunderschönen
Stück Plastik. (TKO Records / tkorecords.com)
HAUNTED GEORGE-THE BUZZARDS ATE HIS FLESH-7”
Geil, auf 33 klingt die A-Seite eirig und völlig untertourt, wird
aber auf 45 nicht besser, außer dass die Vocals da zu Blackmetal
mutieren. Eiern tut es auf jeden Fall, was offenbar gewollt ist, vielleicht
um den Spooky-Faktor zu erhöhen. Die B-Seite kann man anhören,
klingt fetter als sonst, weil eine zweite Gitarre dabei ist. Gewohnter
Sound vom gejagten Schorsch, der hier wissentlich eine zur Hälfte
undelektierbare Single produziert hat. (Savage records / savagemagazine.com)
GASLIGHT ANTHEM-THE ’59 SOUND-7”
So, damit müsste nun auch die letzte Single aus der LP rausgequetscht
sein. Auf der B-Seite gibt’s als Pearl Jam-Cover „State of love and trust“
live in NY, das aber irgendwie nicht zündet und unter dem dünnen
Sound leidet wie Wassereis in der Sonne. Klares Vinyl, und eindeutig die
schwächste Single der `59 Sound Auskoppluns-Reihe. (Side One Dummy
/ sideonedummy.com)
I WALK THE LINE-BLACK WAVE-7”
Hrm, normalerweise heißt die Devise bei Punk-Singles ja “all
killers, no fillers”, aber die B-Seite hier ist eine klassische B-Seite,
die den – zudem teuren – Kauf der Single nicht wirklich rechtfertigt, denn
der Titeltrack ist zwar gut, aber auch auf der letzten LP und hätte
dort locker Platz gehabt, wäre dann aber einer der schlechteren Songs
gewesen. (Combat Rock Industry / combatindustry.net)
OFFICIAL SECRETS ACT-SO TOMORROW + THE GIRL FROM THE BBC 7”s
Zwei Singles, die in alter Pop-Tradition veröffentlicht wurden.
Soll heißen, dass die B-Seiten aus Studioresten bestehen, die gegen
die A-Seiten meilenweit abstinken und eigentlich nur eine Fußnote
am Rande des Gesamtwerks darstellen. Auch hier hätten beide B-Seiten
locker auf den aktuellen Tonträger gepasst, aber Vinylsingles sind
auf der Insel scheinbar immer noch ein Zeichen für Indiecredibilität.
Dabei haben nur die EDITORS in den letzten Jahren wirklich brauchbare B-Seiten
produziert. So unnötig wie ein Schoko-Nikolaus zu Ostern. (One Little
Indian / myspace.com/officialsecretsact)
PRESS GANG-SEXSATAN-7“
Auf Platte klingt das gegen das, was die vier Jungs auf der Bühne
abfackeln, geradezu zahm. Solider frühachtziger Hardcorepunk aus Übersee
wurde seit über zwanzig Jahren nicht mehr so erfrischend aus den Boxen
gerotzt wie von den Münsteranern. Fünf nihilistische Kracher
auf einer weißen EP, die das Beste aus LA und SF von damals vereinen.
Alles durch eine Zeitmaschine gequirlt, den Staub abgebürstet, fertig.
So gut, dass es nicht eine Sekunde lang nach Retro riecht, und live sowieso
eine Klasse für sich. (Hardware Records / hardware-records.com)
BEN RACKEN-+-CD
Beurteile ein Buch nie nach dem Umschlag und eine CD nie nach dem Cover,
auch wenn meistens ein Zusammenhang zwischen Artwork und Musik besteht.
Die drei Herren in fortgeschrittenem (meinem) Alter täuschen das Auge,
denn trotz freier Oberkörper gibt es keinen Muckibudenhardcore und
kein Wechseljahretestosteron, sondern überraschend guten Punk,
bei dem man nicht umhin kommt, den Namen einer Mönchengladbacher Band
als Referenzpunkt zu nennen. Das Original bleibt zwar das Original (wer
hat’s erfunden?), aber Ben Racken machen sich sehr gut zwischen den anderen
Infizierten, ob sie nun Die Strafe, LSK oder wie auch immer heißen,
außerdem machen sie nicht die Fehler der jüngeren Epigonen,
1:1 sein zu wollen oder zuviel Pathos aufzutragen. Ben Racken geben einfach
so viel eigenes Profil dazu, dass es passt. Da ist noch ein bisschen Hamburg,
ein wenig Fliehende Stürme, mit im Spiel, außerdem macht das
mitunter einfache Vermaß, auf das man in Magdeburg meistens nicht
verzichten will, einen Unterschied. „Fluss“ ist ein verdammter Hit, auch
sonst gibt es keinen Durchhänger, sondern bis auf das Cover (ein Punkt
Abzug) eine sehr gute erwachsene Platte. Eine weitere Scheibe ist in Planung.
Wo die Optimierungsmöglichkeiten liegen, sticht sofort ins Auge, alles
andere kann so bleiben, ich bin jedenfalls gespannt und angenehm angetan.
(myspace.com/benracken) |