REVIEW MEINE OHREN
Februar 2006
INTERPOL-REMIX 4x12“
Booh, das wohl überflüssigste Stück Vinyl, das ich mir je für viel Geld gekauft habe. Ok, sieht chic aus, diese völlig weiße Vierfach-LP-Box, in der vier Maxisingles schlummern, aber braucht man das? Braucht man einen Humvee oder einen Cayenne, um seine zwei Blagen in den 150 Meter entfernten Kindergarten zu fahren, oder reicht nicht auch ein völlig normaler kompakter Kleinwagen? Vier Maxis, auf denen die vier Originalversionen der LP-Songs zu hören sind, und auf der Rückseite gibt es dann den Remix, die allesamt auf der De-Luxe-Edition von Antics (nach der Erstveröffentlichung vom Label herausgebracht, wofür sie mit Schwitzfüßen geschlagen werden sollen) enthalten waren, bzw. auf diversen Maxi-CDs. Hätte ebenso locker auf eine 12“ gepasst, oder man hätte es auch einfach bleiben lassen können. Wie sagte jemand vor kurzem nicht ganz unrichtig: „Wenn eine Band kein neues Material hat, dann sollen sie auch keine Platten veröffentlichen!“ Da ist was dran. Schön, aber unnötig wie Siamesische Drillinge an den Arschbacken (Matador).

ZEKE-Die when you die-7“
Tour 7“, die sich offenbar nicht komplett verkauft hat und nun in einigen Mailordern auftaucht. Ok, die GG Allin-Coverversion lasse ich mir gefallen, so amtlich klang der Mann mit dem kleinen Schniedel zu Lebzeiten jedenfalls nie. „Die when you die“ von Zeke ist auf jeden Fall eine der besten GG-Coverversionen, die es jemals gab. „Lords of the highway“ und „King and Queens“ sind laut Label zwei neue eigene Songs, klingen aber so verflucht nach sleazy Kotelettenhardrock, dass mir da nur Bands wie MC5, Hawkwind oder frühe Black Sabbath einfallen. Immerhin sind sie von dem Motörhead-Trip runter. Wer braucht schon eine Kopie, wenn’s die Originale noch gibt? 70er-Jahre-Retrosound, aber dafür ganz schön Cinemascope produziert! Allerdings weiß ich auch nicht so recht, ob ich eine Band wie Zeke in ihre Stonerphase folgen will, denn die wird hiermit eingeläutet. (Relapse)

FRANZ FERDINAND-YOU COULD HAVE IT SO MUCH BETTER-CD+DVD
Tja, das lobe ich mir, ein Label, das in der Erstauflage die belohnt, die nicht ewig brauchen, um zu entdecken, dass es eine neue Platte gibt und dann die mit einem Bonus bescheren, die es eigentlich nicht verdient haben. Schöne Aufmachung in der De-Luxe-Version mit dem kleinen Buch und der Extra-DVD (mit Making-Of und zwei Videos). Nun, Franzens Ferdinand  halten den hohen Standard ihrer ersten Platte, ohne sich zu verbiegen oder zu verkrampfen. Eine Platte voller großer Songs, die den Vergleich zum Debüt nicht scheuen müssen und mir sogar ein wenig augenzwinkernd erscheinen. Zum Beispiel das grandiose „Wake Up“, das innerhalb von 30 Sekunden Kraftwerks „Model“ und Morrisseys Gesang zitiert, ohne den Originalen allzu nahe zu kommen. Herzerfrischende Platte mit der nötigen Härte und Reife. Der Weltherrschaft dieser Band steht nicht mehr viel im Wege. (Domino)

ABWÄRTS-BREAKING NEWS-2xCD
Diese Best-Of entspricht ca. zu 70% dem Material, das Abwärts auch live zum Besten geben. Da alle Releases berücksichtigt wurden, gibt es auch ein paar Songs der späten Werke, die nicht immer voller Hits waren, wie die V8. Aber da es die Platten zwischen 1983 und 2002 sowieso nur noch auf Börsen und bei Ebay gibt lohnt es sich, aus diesem Material das Beste herauszufiltern (wobei eine Platte wie die Alkohol-Mini-LP oder die „Ich seh die Schiffe“ gut und gerne komplett hätten aufgenommen werden können). Keine leichte Aufgabe, die sich Weird System da gestellt haben, denn wenn es um den Titel der Band mit den meisten Labelwechseln geht, dann ist Frank Z mit Abwärts ganz vorne dabei. Rechtetechnisch sicher eine Puzzlearbeit ohnegleichen, von den Masterbändern und Aufnahmen mal ganz zu schweigen. Für jemanden wie mich, der alles von dieser Band hat (damit dürfte Dir auch klar sein, was ich von Abwärts halte), gibt es leider nichts was mich überrascht, bis auf die wirklich gute Bandstory von Frank Z. himselbst. Aber immerhin ist es eine sehr gute Compilation, die alle Phasen der Band abdeckt und für die Nichtkomplett-Sammler wenigstens ein paar rare Tracks übrig hat, wie „Olympia“ oder „Grab Dich selber ein“ in der 7“-Version. Bei ein paar Stücken bin ich nicht ganz mit der Auswahl einverstanden, aber das ist bei Best-Of-Mixtapes ja schon normal, dass da jeder andere Sachen aufnimmt. Nur bei einem Song muss ich WIRKLICH protestieren! Der „Sonderzug zur Endstation“ ist in der 12“-Version um Lichtjahre besser als die hier vertretene LP-Version, meine Herren! Ansonsten kann und will ich nicht meckern, Abwärts gehören seit Jahrzehnten in jede Sammlung! Hm, warum hat Herr Z. in seinen Erinnerungen nur das legendäre Konzert in Sindelfingens Klosterseeehalle ausgelassen?! Spätestens seit diesem Abend war ich Abwärts-Fan für’s Leben. Wie immer bei Weird System, exzellente Aufmachung, guter Sound und ein echter Gegenwert für Deine sauer verdiente Kohle. (Weird System)

FLIEHENDE STÜRME-LICHT VERGEHT-LP
Aus dem portugiesischen Exil meldet sich H. Löhr aka Fliehende Stürme mit einer neuen Platte zurück, die zum Glück wieder ein wenig besser als der Vorgänger geraten ist, der bei mir irgendwie überhaupt nicht hängen blieb. Hm, Mix und Mastering ist von Manne Praeker, doch nicht etwa der von Spliff? Wie auch immer, soundtechnisch hat er einen guten Job gemacht. Die Scheibe klingt wohlig satt, im „typischen“ Fliehende Stürme-Gewand. Eine Gitarre, die man so eigentlich nicht spielt, schnurgerade Songs, ohne Hektik, Muskeln oder Effekthascherei. Allerdings fällt die Platte nach der A-Seite deutlich ab. Auf der B-Seite gibt es nur ein Stück, das wirklich herausragt (Siebzehn Zoll), der Rest ist so unauffällig wie unspektakulär („Stille nicht berührt“ plätschert z.B. bis auf den Refrain richtig gruselig vor sich hin und bei „Wenn Du raus gehst“ fragt man sich anschließend, ob das Stück überhaupt gelaufen ist), egal wie laut ich die Anlage auch aufdrehe (und meine Nachbarn klopfen schon an die Wände). Aber selbst mit nur 50% ist die Platte ihr Geld wert. Songs wie „Das Nullsignal“ oder „Status“ sind dort, wo allzu viele Pennälerkapellen niemals hinkommen werden. Düster und reif ... (Majorlabel)

SPERMBIRDS/GENEPOOL-SPLIT-7“
Picture-Single, bei dessen Motiven ich mich wirklich frage ob das unbedingt sein musste. Eine normale Single hätte es vielleicht auch getan, denn soo grandios sind die Bilder nun wirklich nicht. Bei Genepool möchte man fast von „einfallslos“ sprechen. Naja, egal. Die Spermbirds halten das Niveau der letzten Platte, holen mit etwas Fleiß aber auch noch den Trainingsrückstand gegenüber ihren Klassikern sicher noch auf. Genepool hingegen gefallen mir musikalisch richtig gut. Klingt sehr frisch und angenehm, dieser Mix aus krachigem Punk, der schleifenden Gitarre und dem abgehobenen Gothic-Gesang, der mich ein wenig an Bauhaus erinnert. Stellenweise erinnert es mich gesanglich sogar an die Misfits mit Graves (vor seiner Gehirnamputation). Ob’s von denen wohl noch mehr gibt? (Rookie/Boss Tuneage)

V.A. DEUTSCHLAND IN DECLINE-7“
Eine Single, die man entweder gleich, sofort und jetzt nagelneu kauft, oder nie! Second-Hand ist hier Frevel, denn die extra bedruckte Plastikhülle wirst Du in mint nur schwerlich kriegen. Feines Artwork auch, mit der Bad Brains-Anleihe, die um den Deutschen Reichstag aktualisiert wurde, und das Coverzitat, nicht unähnlich dem KZ 36 II-Sampler, dürfen nur (Exil)-Berliner ungestraft. Flo hat für diese feine Compilation eine herzige Auswahl an aktuellen deutschen Bands zusammengetrommelt, die allesamt nicht lange fackeln und sich durch sieben Songs hacken, die sicherlich keinen Melodie- und Harmoniepreis gewinnen werden, aber wer will sowas auch? Die Besetzung: Amen 81, Bombenalarm, Burial, The Now Denial, Chainbreaker, Solid Decline und Doowmtown.  Einer den wenigen Sampler, für die man Geld ausgeben sollte! (Heart First)

THE CHALETS-CHECK IN-CD
THE CHALETS-NO STYLE-MCD
THE CHALETS-FEEL THE MACHINE-MCD
Die große Überraschung bei Art Brut war für mich die Vorgruppe, die mit den Chalets wirklich exquisit besetzt und auf eine andere und angenehme Weise sogar ein wenig „besser“ als Art Brut selber war. Die fünf Iren (zwei Frauen und drei Typen) vereinen den Charme der Go Go’s mit dem Indiesound von guten Veruca Salt, nach denen sie auch ziemlich klingen. Und weil Veruca Salt seit Jahren nichts mehr Anständiges auf die Beine bekommen haben (gibt’s die überhaupt noch?), lass ich mir das gerne gefallen. Der zweistimmige Gesang gibt der Sache zudem auch noch ein wenig mehr Fülle. Wunderschönes Artwork bei allen Veröffentlichungen, vor allem bei der „Check in“ CD, bei der das kleine CD-Bordbuch-Booklet in einer Pilotenhemdtasche steckt. Sehr schön, sehr poppig. Sollte mich wundern, wenn wir von dieser Band nicht noch viel mehr hören sollten! Oh, die Webseite ist einen Blick wert!  (www.thechalets.com/Setanta)

STROKES-FIRST IMPRESSION OF EARTH-CD
Viel Lob und Zuspruch hat diese Platte ja schon geerntet, meiner Meinung nach zu Unrecht, denn da ist sie, die verflixte dritte Platte. Immerhin, schön sieht sie aus! Das Artwork und die Verpackung sind wirklich klasse, die Platte klingt soundtechnisch exquisit, so weit so gut. Virtuos soll sie sein, und das ist sie. Aber wollen wir das von einer Band wie den Strokes wirklich hören? Komplizierte frickelige Gitarrensolis, Gesangseskapaden oder komplexe Songstrukturen? Die ersten beiden Platten waren aufgrund ihrer musikalischen Schlichtheit so beliebt und nicht wegen ihrer Virtuosität. Lassen wir lieber die guten Stücke für sich sprechen, zählen mal kurz durch, holen 1x Luft und dann haben wir gerade mal 50% Material, das wirklich klickt. Die ersten Stücke sind wirklich gut, dann kippt die Platte mit dem Arsch nach hinten ab, um sich von einem halbwegs guten Song zum nächsten zu hangeln. Was lernen wird draus? Gute Musik muss nicht virtuos sein, und eine hübsche Verpackung ist längst nicht alles. Eine Mini-LP hätte vollauf genügt, mehr richtig gutes Material gibt diese Platte nämlich gar nicht her. Die Tatsache, dass die Strokes inzwischen mitten im Mainstream angekommen sind, wird durch die Verwendung des ersten Stücks (eines guten) in der ARD-Sportschau nicht gerade leichter zu bestreiten sein. Und was die Masse kauft, wird früher oder später auch günstig bei Ebay zu bekommen sein. Solange sollte man durchaus warten können. (RCA)

GLISS-KICK IN YOUR HEART-CD/RUGBY ROAD-MCD
Noch eine bemerkenswerte Vorgruppe, die zum Tonträgerkauf animierte und vor den Editors zu überraschen wusste, nicht nur weil die drei Bandmitglieder munter ihre Instrumente durchtauschten. Sexy lasziver Sound, der durchaus in der einen oder anderen Stripbar laufen könnte. Düster, hypnotisch, prickelnd gotisch und irgendwie anders als das meiste Zeug, das derzeit diese Attribute bemüht. Die Gitarren lassen sich richtig Zeit zwischen den einzelnen Anschlägen, das Schlagzeug hat Wucht, der Bass ist teilweise derb verzerrt und alles zusammen hat die nötige Tiefe, um einen zu berühren. Der Opener zum Beispiel könnte direkt aus einem David Lynch-Film stammen, denn so hätte Julee Cruise sich mit einer richtigen Band anhören können. Ganz im Ernst, großartige Musik, um sich entweder Leder- und Latexphantasien hinzugeben, einen gemütlichen Abend bei Absinthmissbrauch oder munteren Fesselspielchen zu veranstalten. Tanzen kann man dazu natürlich auch, aber nur mit schmutzigen Gedanken! Sehr, sehr genial! (Mountain Lo-Fi Recordings/www.gliss.tv)

BOMBENALARM-SAME-LP
Ok, fettes Brett und richtig amtlich, aber ich sach’s mal geraderaus: Hör Dir Zerstörte Jugend, VKJ und meinetwegen auch noch die erste Vellocet-Single an, dann ziehst Du die zwanzig Jahre (Studiotechnikentwicklung, Kohl zieht in ein Altenheim, Marssonde, Erfindung von Viagra, Merkel wird Kanzlerin, der Papstjob wird neu besetzt, etc.) dazwischen ab und ... es kommt auch Dir alles seltsam vertraut und nicht wirklich neu vor. Dummerweise muss ich aber eingestehen, dass es neben dieser Band derzeit kaum eine andere gibt, die derart tight und breitschultrig daherkommt! Ja doch, gute Platte, nur in das Covermotiv hätte man einen oder zwei Cent mehr investieren können, da rettet auch das Klappcover nicht mehr viel. (Buried Alive)

 

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