INTERPOL-REMIX 4x12“
Booh, das wohl überflüssigste Stück Vinyl, das ich mir
je für viel Geld gekauft habe. Ok, sieht chic aus, diese völlig
weiße Vierfach-LP-Box, in der vier Maxisingles schlummern, aber braucht
man das? Braucht man einen Humvee oder einen Cayenne, um seine zwei Blagen
in den 150 Meter entfernten Kindergarten zu fahren, oder reicht nicht auch
ein völlig normaler kompakter Kleinwagen? Vier Maxis, auf denen die
vier Originalversionen der LP-Songs zu hören sind, und auf der Rückseite
gibt es dann den Remix, die allesamt auf der De-Luxe-Edition von Antics
(nach der Erstveröffentlichung vom Label herausgebracht, wofür
sie mit Schwitzfüßen geschlagen werden sollen) enthalten waren,
bzw. auf diversen Maxi-CDs. Hätte ebenso locker auf eine 12“ gepasst,
oder man hätte es auch einfach bleiben lassen können. Wie sagte
jemand vor kurzem nicht ganz unrichtig: „Wenn eine Band kein neues Material
hat, dann sollen sie auch keine Platten veröffentlichen!“ Da ist was
dran. Schön, aber unnötig wie Siamesische Drillinge an den Arschbacken
(Matador).
ZEKE-Die when you die-7“
Tour 7“, die sich offenbar nicht komplett verkauft hat und nun in einigen
Mailordern auftaucht. Ok, die GG Allin-Coverversion lasse ich mir gefallen,
so amtlich klang der Mann mit dem kleinen Schniedel zu Lebzeiten jedenfalls
nie. „Die when you die“ von Zeke ist auf jeden Fall eine der besten GG-Coverversionen,
die es jemals gab. „Lords of the highway“ und „King and Queens“ sind laut
Label zwei neue eigene Songs, klingen aber so verflucht nach sleazy Kotelettenhardrock,
dass mir da nur Bands wie MC5, Hawkwind oder frühe Black Sabbath einfallen.
Immerhin sind sie von dem Motörhead-Trip runter. Wer braucht schon
eine Kopie, wenn’s die Originale noch gibt? 70er-Jahre-Retrosound, aber
dafür ganz schön Cinemascope produziert! Allerdings weiß
ich auch nicht so recht, ob ich eine Band wie Zeke in ihre Stonerphase
folgen will, denn die wird hiermit eingeläutet. (Relapse)
FRANZ FERDINAND-YOU COULD HAVE IT SO MUCH BETTER-CD+DVD
Tja, das lobe ich mir, ein Label, das in der Erstauflage die belohnt,
die nicht ewig brauchen, um zu entdecken, dass es eine neue Platte gibt
und dann die mit einem Bonus bescheren, die es eigentlich nicht verdient
haben. Schöne Aufmachung in der De-Luxe-Version mit dem kleinen Buch
und der Extra-DVD (mit Making-Of und zwei Videos). Nun, Franzens Ferdinand
halten den hohen Standard ihrer ersten Platte, ohne sich zu verbiegen oder
zu verkrampfen. Eine Platte voller großer Songs, die den Vergleich
zum Debüt nicht scheuen müssen und mir sogar ein wenig augenzwinkernd
erscheinen. Zum Beispiel das grandiose „Wake Up“, das innerhalb von 30
Sekunden Kraftwerks „Model“ und Morrisseys Gesang zitiert, ohne den Originalen
allzu nahe zu kommen. Herzerfrischende Platte mit der nötigen Härte
und Reife. Der Weltherrschaft dieser Band steht nicht mehr viel im Wege.
(Domino)
ABWÄRTS-BREAKING NEWS-2xCD
Diese Best-Of entspricht ca. zu 70% dem Material, das Abwärts
auch live zum Besten geben. Da alle Releases berücksichtigt wurden,
gibt es auch ein paar Songs der späten Werke, die nicht immer voller
Hits waren, wie die V8. Aber da es die Platten zwischen 1983 und 2002 sowieso
nur noch auf Börsen und bei Ebay gibt lohnt es sich, aus diesem Material
das Beste herauszufiltern (wobei eine Platte wie die Alkohol-Mini-LP oder
die „Ich seh die Schiffe“ gut und gerne komplett hätten aufgenommen
werden können). Keine leichte Aufgabe, die sich Weird System da gestellt
haben, denn wenn es um den Titel der Band mit den meisten Labelwechseln
geht, dann ist Frank Z mit Abwärts ganz vorne dabei. Rechtetechnisch
sicher eine Puzzlearbeit ohnegleichen, von den Masterbändern und Aufnahmen
mal ganz zu schweigen. Für jemanden wie mich, der alles von dieser
Band hat (damit dürfte Dir auch klar sein, was ich von Abwärts
halte), gibt es leider nichts was mich überrascht, bis auf die wirklich
gute Bandstory von Frank Z. himselbst. Aber immerhin ist es eine sehr gute
Compilation, die alle Phasen der Band abdeckt und für die Nichtkomplett-Sammler
wenigstens ein paar rare Tracks übrig hat, wie „Olympia“ oder „Grab
Dich selber ein“ in der 7“-Version. Bei ein paar Stücken bin ich nicht
ganz mit der Auswahl einverstanden, aber das ist bei Best-Of-Mixtapes ja
schon normal, dass da jeder andere Sachen aufnimmt. Nur bei einem Song
muss ich WIRKLICH protestieren! Der „Sonderzug zur Endstation“ ist in der
12“-Version um Lichtjahre besser als die hier vertretene LP-Version, meine
Herren! Ansonsten kann und will ich nicht meckern, Abwärts gehören
seit Jahrzehnten in jede Sammlung! Hm, warum hat Herr Z. in seinen Erinnerungen
nur das legendäre Konzert in Sindelfingens Klosterseeehalle ausgelassen?!
Spätestens seit diesem Abend war ich Abwärts-Fan für’s Leben.
Wie immer bei Weird System, exzellente Aufmachung, guter Sound und ein
echter Gegenwert für Deine sauer verdiente Kohle. (Weird System)
FLIEHENDE STÜRME-LICHT VERGEHT-LP
Aus dem portugiesischen Exil meldet sich H. Löhr aka Fliehende
Stürme mit einer neuen Platte zurück, die zum Glück wieder
ein wenig besser als der Vorgänger geraten ist, der bei mir irgendwie
überhaupt nicht hängen blieb. Hm, Mix und Mastering ist von Manne
Praeker, doch nicht etwa der von Spliff? Wie auch immer, soundtechnisch
hat er einen guten Job gemacht. Die Scheibe klingt wohlig satt, im „typischen“
Fliehende Stürme-Gewand. Eine Gitarre, die man so eigentlich nicht
spielt, schnurgerade Songs, ohne Hektik, Muskeln oder Effekthascherei.
Allerdings fällt die Platte nach der A-Seite deutlich ab. Auf der
B-Seite gibt es nur ein Stück, das wirklich herausragt (Siebzehn Zoll),
der Rest ist so unauffällig wie unspektakulär („Stille nicht
berührt“ plätschert z.B. bis auf den Refrain richtig gruselig
vor sich hin und bei „Wenn Du raus gehst“ fragt man sich anschließend,
ob das Stück überhaupt gelaufen ist), egal wie laut ich die Anlage
auch aufdrehe (und meine Nachbarn klopfen schon an die Wände). Aber
selbst mit nur 50% ist die Platte ihr Geld wert. Songs wie „Das Nullsignal“
oder „Status“ sind dort, wo allzu viele Pennälerkapellen niemals hinkommen
werden. Düster und reif ... (Majorlabel)
SPERMBIRDS/GENEPOOL-SPLIT-7“
Picture-Single, bei dessen Motiven ich mich wirklich frage ob das unbedingt
sein musste. Eine normale Single hätte es vielleicht auch getan, denn
soo grandios sind die Bilder nun wirklich nicht. Bei Genepool möchte
man fast von „einfallslos“ sprechen. Naja, egal. Die Spermbirds halten
das Niveau der letzten Platte, holen mit etwas Fleiß aber auch noch
den Trainingsrückstand gegenüber ihren Klassikern sicher noch
auf. Genepool hingegen gefallen mir musikalisch richtig gut. Klingt sehr
frisch und angenehm, dieser Mix aus krachigem Punk, der schleifenden Gitarre
und dem abgehobenen Gothic-Gesang, der mich ein wenig an Bauhaus erinnert.
Stellenweise erinnert es mich gesanglich sogar an die Misfits mit Graves
(vor seiner Gehirnamputation). Ob’s von denen wohl noch mehr gibt? (Rookie/Boss
Tuneage)
V.A. DEUTSCHLAND IN DECLINE-7“
Eine Single, die man entweder gleich, sofort und jetzt nagelneu kauft,
oder nie! Second-Hand ist hier Frevel, denn die extra bedruckte Plastikhülle
wirst Du in mint nur schwerlich kriegen. Feines Artwork auch, mit der Bad
Brains-Anleihe, die um den Deutschen Reichstag aktualisiert wurde, und
das Coverzitat, nicht unähnlich dem KZ 36 II-Sampler, dürfen
nur (Exil)-Berliner ungestraft. Flo hat für diese feine Compilation
eine herzige Auswahl an aktuellen deutschen Bands zusammengetrommelt, die
allesamt nicht lange fackeln und sich durch sieben Songs hacken, die sicherlich
keinen Melodie- und Harmoniepreis gewinnen werden, aber wer will sowas
auch? Die Besetzung: Amen 81, Bombenalarm, Burial, The Now Denial, Chainbreaker,
Solid Decline und Doowmtown. Einer den wenigen Sampler, für
die man Geld ausgeben sollte! (Heart First)
THE CHALETS-CHECK IN-CD
THE CHALETS-NO STYLE-MCD
THE CHALETS-FEEL THE MACHINE-MCD
Die große Überraschung bei Art Brut war für mich die
Vorgruppe, die mit den Chalets wirklich exquisit besetzt und auf eine andere
und angenehme Weise sogar ein wenig „besser“ als Art Brut selber war. Die
fünf Iren (zwei Frauen und drei Typen) vereinen den Charme der Go
Go’s mit dem Indiesound von guten Veruca Salt, nach denen sie auch ziemlich
klingen. Und weil Veruca Salt seit Jahren nichts mehr Anständiges
auf die Beine bekommen haben (gibt’s die überhaupt noch?), lass ich
mir das gerne gefallen. Der zweistimmige Gesang gibt der Sache zudem auch
noch ein wenig mehr Fülle. Wunderschönes Artwork bei allen Veröffentlichungen,
vor allem bei der „Check in“ CD, bei der das kleine CD-Bordbuch-Booklet
in einer Pilotenhemdtasche steckt. Sehr schön, sehr poppig. Sollte
mich wundern, wenn wir von dieser Band nicht noch viel mehr hören
sollten! Oh, die Webseite ist einen Blick wert! (www.thechalets.com/Setanta)
STROKES-FIRST IMPRESSION OF EARTH-CD
Viel Lob und Zuspruch hat diese Platte ja schon geerntet, meiner Meinung
nach zu Unrecht, denn da ist sie, die verflixte dritte Platte. Immerhin,
schön sieht sie aus! Das Artwork und die Verpackung sind wirklich
klasse, die Platte klingt soundtechnisch exquisit, so weit so gut. Virtuos
soll sie sein, und das ist sie. Aber wollen wir das von einer Band wie
den Strokes wirklich hören? Komplizierte frickelige Gitarrensolis,
Gesangseskapaden oder komplexe Songstrukturen? Die ersten beiden Platten
waren aufgrund ihrer musikalischen Schlichtheit so beliebt und nicht wegen
ihrer Virtuosität. Lassen wir lieber die guten Stücke für
sich sprechen, zählen mal kurz durch, holen 1x Luft und dann haben
wir gerade mal 50% Material, das wirklich klickt. Die ersten Stücke
sind wirklich gut, dann kippt die Platte mit dem Arsch nach hinten ab,
um sich von einem halbwegs guten Song zum nächsten zu hangeln. Was
lernen wird draus? Gute Musik muss nicht virtuos sein, und eine hübsche
Verpackung ist längst nicht alles. Eine Mini-LP hätte vollauf
genügt, mehr richtig gutes Material gibt diese Platte nämlich
gar nicht her. Die Tatsache, dass die Strokes inzwischen mitten im Mainstream
angekommen sind, wird durch die Verwendung des ersten Stücks (eines
guten) in der ARD-Sportschau nicht gerade leichter zu bestreiten sein.
Und was die Masse kauft, wird früher oder später auch günstig
bei Ebay zu bekommen sein. Solange sollte man durchaus warten können.
(RCA)
GLISS-KICK IN YOUR HEART-CD/RUGBY ROAD-MCD
Noch eine bemerkenswerte Vorgruppe, die zum Tonträgerkauf animierte
und vor den Editors zu überraschen wusste, nicht nur weil die drei
Bandmitglieder munter ihre Instrumente durchtauschten. Sexy lasziver Sound,
der durchaus in der einen oder anderen Stripbar laufen könnte. Düster,
hypnotisch, prickelnd gotisch und irgendwie anders als das meiste Zeug,
das derzeit diese Attribute bemüht. Die Gitarren lassen sich richtig
Zeit zwischen den einzelnen Anschlägen, das Schlagzeug hat Wucht,
der Bass ist teilweise derb verzerrt und alles zusammen hat die nötige
Tiefe, um einen zu berühren. Der Opener zum Beispiel könnte direkt
aus einem David Lynch-Film stammen, denn so hätte Julee Cruise sich
mit einer richtigen Band anhören können. Ganz im Ernst, großartige
Musik, um sich entweder Leder- und Latexphantasien hinzugeben, einen gemütlichen
Abend bei Absinthmissbrauch oder munteren Fesselspielchen zu veranstalten.
Tanzen kann man dazu natürlich auch, aber nur mit schmutzigen Gedanken!
Sehr, sehr genial! (Mountain Lo-Fi Recordings/www.gliss.tv)
BOMBENALARM-SAME-LP
Ok, fettes Brett und richtig amtlich, aber ich sach’s mal geraderaus:
Hör Dir Zerstörte Jugend, VKJ und meinetwegen auch noch die erste
Vellocet-Single an, dann ziehst Du die zwanzig Jahre (Studiotechnikentwicklung,
Kohl zieht in ein Altenheim, Marssonde, Erfindung von Viagra, Merkel wird
Kanzlerin, der Papstjob wird neu besetzt, etc.) dazwischen ab und ... es
kommt auch Dir alles seltsam vertraut und nicht wirklich neu vor. Dummerweise
muss ich aber eingestehen, dass es neben dieser Band derzeit kaum eine
andere gibt, die derart tight und breitschultrig daherkommt! Ja doch, gute
Platte, nur in das Covermotiv hätte man einen oder zwei Cent mehr
investieren können, da rettet auch das Klappcover nicht mehr viel.
(Buried Alive) |