REVIEW MEINE OHREN
Januar 2010
OHL-KRIEG DER KULTUREN-CD 
OHL sind wie das öffentlich-rechtliche Fernsehen: eine immerwiederkehrende Wiederholung alter Kamellen. Was OHL früher in einen einzigen Song gepackt haben, wälzen sie nun auf einer ganzen Platte breit, wiederholen sich dabei aber doch nur selbst. Auf Dauer so ermüdend und eintönig wie die gesamte Thematik des Rechtsrocks (Soldaten, Krieg, Kameradschaft, Heimat, blabla), nur heißen die Themen bei OHL hier eben  „Krieg, Freiheit, Krieg, Heimat, Krieg, Gottesstaat, blablabla“, der vorgetragene Pathos ist derselbe. Damit wir uns nicht falsch verstehen, es liegt mir fern, OHL in eine politische Ecke zu stellen, es geht mir einzig und alleine darum, dass immer dieselben Sprüche auf Dauer einfach stinklangweilig sind. Allerdings kann man ein Stück wie „Mich belügst Du nicht“ auch problemlos auf jedem Kameradschaftsabend auflegen, jede tumbe Fleischmützenkapelle wäre mehr als stolz auf diesen Text. Da addiert auch das gönnerhafte Bekenntnis zur demokratischen Grundordnung, „ich glaube an Dein System, ich bekämpfe all die Fehler, die ich tagtäglich seh ...“, nichts zum bisherigen OHL-Universum, in dem es wie in einem Ego-Shooter in allen Ecken und Winkeln vor bösen Feinden nur so wimmelt. Wäre Deutscher W nicht beim Bund gewesen, er hätte den perfekten Zivi für den damaligen Innenminister Schäuble abgegeben. Inhaltlich vor allem wertkonservativ, spannend wie eine Staatsanleihe, textlich so abwechslungsreich wie die Bücher von Rosamunde Pilcher oder Hera Lind, musikalisch metallisch-polierter Hoppeldipoppelhardcorepunk, der kein bisschen dreckig klingt, ab in die Tonne. (sunnybastards.de)

BLONDIE-BLONDIE SINGLES COLLECTION: 1977-1982 2xCD
Lausig aufgemachte Drittverwertung der ehemals 2004 als 15er-Singles-CD-Box veröffentlichten Sammlung als simple Doppel-CD ohne Linernotes, schöne Aufmachung oder sonst was, das die Anschaffung WIRKLICH lohnen würde, denn es gibt zum Einen nur eine handvoll Single-/Maxi-B-Seiten von Blondie, die nicht schon auf den regulären LPs enthalten sind (oder bereits auf deren Reissues recycelt wurden), zum Anderen fehlen bei dieser kargen Kollekte auch noch ein paar der wirklich raren Versionen, wie „Call me“ als Instrumentalversion dasselbe Lied in der spanisch gesungenen Version oder „Heart of glass“, das es ebenfalls auf Spanisch gibt. Wer so etwas veröffentlicht, der gehört ohne Kreditkarten an einen mexikanischen Rasthof ausgesetzt. Für’n Arsch! (EMI)

FUTURE OF THE LEFT-LAST NIGHT I SAVED HER FROM VAMPIRES-CD
Ich zitiere hier einfach mal einen Teil des kurzen Begleittextes: “This album exists to fulfill two purposes, mainly to document the live expierience of our band but also to give us an object to sell from behind the merchandise desk, something which isn’t a cheap clothing or fashion item with “future of the left” stencilled apologetically in the middle. …” Aha! Querschnitt durch zwei Shows und die bisher veröffentlichten Platten der Band, die früher mal jeder mit halbwegs existentem Geschmack als „McLUSKY“ kannte und zu 2/3 immer noch identisch mit ihr ist. Klingt nach wie vor sehr gut, die Texte suchen in ihrem Zynismus ihresgleichen, und was Gitarrennoise angeht, reichen den Jungs nur sehr wenige Mitbewerber das Wasser. Gibt’s aber zum Glück nicht nur am Merchandise-Stand, sondern mit etwas Suche über die bekannten Internetmarktplätze. (4AD)

DICKIES-KILLER CLOWNS-MCD
Da hatte ein Label offenbar endlich ein Einsehen. Die viel zu rare und unterbewertete Mini-LP mit dem Filmsong gibt’s nun wieder für schmales Geld, allerdings nur als CD. Enthält  trotzdem fünf der besseren Dickies-Songs, die sonst nirgends zu finden sind und leider auch viel zu selten live gespielt werden. (Rykodisc)

HZERO-CANA ANTIGUA-LP
Schön, dass aus Spanien auch immer wieder interessante Bands kommen, die nicht nach Krustentieren klingen. Beim Anhören der acht Stücke wird man nur vom spanischen Gesang davon abgehalten, gedanklich zeitlich etwas zurück über den Teich zu schippern. Klassischer US-Hardcore, der durch die dreckigen sehr dichten Vocals eine Menge dazugewinnt. Nicht sehr weit von den Labelkollegen Muletrain entfernt, die mir explizit gut gefallen. Dreckig und gut heruntergeknüppelter Old-School-Hardcore mit zwei Gitarren, einer ordentlichen Portion Rock, könnte ein Klassiker werden, wird aber leider wieder einmal an der Sprachbarriere scheitern. Ich find’s jedenfalls klasse! (selloursouls.com)

THERAPY?-CRROKED TIMBER-CD
Fast unbemerkt von der breiten Öffentlichkeit veröffentlichen THERAPY? seit Jahren stetig weitere Tonträger, fast jedes Mal auf einem neuen Label, mit neuem Glück. Stilistisch hat sich dabei seit den ersten Platten kaum etwas verändert (das Cover ziert diesmal denn auch das kleine Logo aus den Anfangstagen), nur kann man heute eben etwas mehr auf den Instrumenten und weiß, wie es im Studio klingen muss. Vertrackter Gitarrensound mit ziemlich genialen Schlagzeugrhythmen und bitterbösen Texten, denen nur der Wille zu alten Refrainhits fehlt. Dabei wollen sie nur nicht, sie könnten schon, wie das Stück „The head that tried to strangle itself“ und einige andere andeuten. Dafür gibt es mehrere kleine Hits einer Band, die live immer wieder erlebenswert ist. (DR2 Records)

RICKY WARWICK-BELFAST CONFETTI-CD
Der Mann, der im Vorprogramm von THERAPY? solo auftrat (und zuuufällig auch auf dem selben Plattenlabel ist), hat sich für diese CD so viele Musiker mit ins Boot geholt, dass es zu jeder Minute nach einer Band-Platte klingt. Irischer Folk trifft Kopfpunk, wird getragen von einer leicht verrauchten mit Whiskey geölten Stimme, viel Blues, jeder Menge erdiger Bodenständigkeit und jahrelangem Reifeprozess. Grandiose Platte, die viele Tugenden großer Einzelkämpfer wie Louis Tillett, Nick Cave, Jackie Leven oder auch Tom Waits mit einem wunderbaren Gespür für Popmelodien an den richtigen Stellen paart. Klingt dann mal nach Pogues, Hank III oder auch ein wenig Mike Ness. Wenn der Mann dann live nur auf seiner Akustikgitarre „Ace of spades“ spielt, dann nimmst Du ihm auch das ohne zu zögern voll und ganz ab. Eine Platte mit einem Arsch voller Hits, keinem einzigen Durchhänger, so abwechslungsreich, so dreckig. Ähnliche Gefühle hat bei mir seinerzeit nur eine Platte wie „White light, white heat, white trash“ ausgelöst. Wer hier aufhorcht, sollte spätestens jetzt ... Angst vor einem Klavier, einer Geige oder Banjo an manchen Stellen sollte man allerdings nicht haben. Selten hat eine Konzertscheibe so anhaltend meinem Player blockiert wie diese CD, und ich habe das sichere Gefühl, dass sie das auch noch eine Weile tun wird. (DR2 Records)

PRESS GANG/SNIFFING GLUE-SPLIT-7” 
Zwei Bands, bei denen man absolut gar nichts falsch machen kann. Press Gang mit zwei ihrer besten Stücke bisher, Sniffing Glue nähern sich auf Platte langsam aber sicher ihrem Live-Mayhem an, Killer! Kauf Dir die Single, oder stirb dumm, aber stirb!!! (Search for fame)

THE UNHOLY TWO-PORKYS/KUTTER-7”
Herrlich lärmige Version der Drunks Withs Guns, Brainbombs und Flipper im Schweinsgalopp. Bemerkenswert, dass es in diesem Tempo immer noch so kaputt und krank klingt, wie besagte Bands. Keine Chance, die Single jemals in einer Plattenkiste zu finden, bei einem Cover ohne jeden Bandnamen. (columbusdiscountrecords.com)

EL JESUS DE MAGICO-KLIP AUGHT-7”
Interessant, obwohl ich mir die EP nun schon 5x angehört habe, wird sie weder langweilig, noch komme ich zu wirklich  passenden Attributen. Minimaler Feedback-Effekt-Sound in betörender Schönheit. Im Titelsong treffen eine wabernde Gitarre auf entrückte, völlig relaxte Pavement mit Jesus and Mary Chain, Shoegaze meets Garage. Zwei sehr coole Songs und ein Lärmer zum Abschluss, definitiv interessant und verdammt cool. Mehr davon!!! (columbusdiscountrecords.com)

SPITS-PAIN-7”
Die aktuellen Cover des Slovenly-Labels sehen nicht nur extrem chic aus, sie passen auch zur Musik. Viermal psychedelischer Düsterpunk aus dem Hause Spits, wie immer in gewohnt hoher Qualität. (slovenly.com)

ARSENE OBSCENE-PARTIR A LA GUERRE-7“
Klingt eine ganze Weile ziemlich cool nach einer Mischung aus One-Man-Band, die auf den Krach der Fatals abfährt, könnte aber ein oder zwei Gitarrensoli weniger vertragen. Schönes Cover, wie immer bei diesem Label. (slovenly.com)

LIBERTY MADNESS / DERBY DOLLS-SPLIT-7”
Schnieke Split-EP von zwei Bands, die zwar um die Ecke (Tübingen) bzw. nebenan (Ludwigsburg) wohnen, mir bisher aber nicht aufgefallen sind. Ha, wer bei den ersten Takten von LM nicht an Sgt. Landry denkt, der ist wohl zu jung. Frühe NO FX (so um 89) treffen auf junge Spermbirds (ca. 86), nicht übel. Die Derby Dolls spielen guten poppigen Punkrock mit Tiefe und haben eine wirklich gute Sängerin. Kurzweilig und sehr schön! (myspace.com/thatlooksgoodrecords)

EERIE VON: Misery Obscura – The photography of Eerie Von (1981-2009) – BUCH 
Ein feuchter Jugendtraum hat Gestalt angenommen, jedenfalls sofern man zu den Misfits-Fans des Original-Lineups gehört, Danzig von 1988 bis 1995 delektiert oder sich jedes Halloween zu Ehren von Samhain mit Kunstblut übergießt, um anschließend halbnackt über den Friedhof zu rennen. Eerie Von, Gründungsmitglied von Samhain und Danzig hat seine umfangreiche Fotosammlung endlich aufgearbeitet und präsentiert in wunderschöner Buchform erstmals viele ungesehene Bilder der Misfits ab 1981, dokumentiert seine eigene Band „Rosemary’s Babies“, den Aufstieg und Fall von Samhain, sowie Danzig in der Urbesetzung. Damit Eerie auch auf den Fotos zu sehen ist, hat er die Bilder von anderen hochkarätigen Fotografen eingebunden, die mindestens ein so gutes Auge wie er besitzen. Dazu plaudert Eerie Stellmann munter aus dem Nähkästchen, und man muss schon genau zwischen den Zeilen lesen, um die Spitzen zu erkennen, denn verbittert klingt anders, obwohl der Mann allen Grund dazu hätte, denn er war weder bei der Samhain-Reunion eingeladen noch hat Glenn Anzalone Danzig mehr als einen Scheiß auf seine langjährige Freundschaft gegeben. Ein optischer Augenschmaus für viele, die nie die Gelegenheit hatten, die Bands in Originalbesetzung zu sehen. Einen tieferen Einblick in das Glenn Danzig-Universum wird es wohl auch nie mehr geben, denn was hier aus erster Hand erzählt wird, kann so niemand mehr zu Papier bringen. Ein grandioses Buch, das jeden einzelnen Cent verdammt noch mal wert ist. 

NEUROPA RECORDS
MANINKARI-UN SOUFFLE DE VOIX-CD
K100-THE VAULT OF APPARITIONS-CD
SIMON KÖLLE-RES DEJ INTE!-CD
ROSES NEVER FADE-SAME-CD
neuropa.be || Netter Pack, den das Label hier geschickt hat, der zumindest einen Teil des Ambient-Industrial-Spektrums abdeckt, wobei leichte Kost anders aussieht. MANINKARI ist orchestraler Industrial, der mit klassischer Instrumentierung zwischen düsterem Ambient über jazzige Elemente auch kleine melodische Ohrwürmer beherbergt. K100 erzeugt in mir Bilder alter unterirdischer Industrieanlagen, in denen verrostete Güterzüge auf verrotteten Gleisen rangieren. Sehr atmosphärisch, aber man muss sich intensiv darauf einlassen. SIMON KÖLLE liefert den Soundtrack zu einem mir unbekannten Film, der ohne die zugehörigen  Bilder nicht richtig funktioniert, dazu ist das meiste zu collagenhaft, manchmal einfach auch zu kurz und zu verschieden. Außerdem hat das Label die vergriffene erste CD von ROSES NEVER FADE für ein anderes Publikum wiederveröffentlicht. Während bisher nur die Hardcoregemeinde wegen Dwid Hellion (Integrity) das Vergnügen hatte, gibt es das Debüt, das um die ultrarare „The man they want to hang“ 7“ erweitert wurde, nun auch für Leute mit einem anderen Hintergrund. Wer ältere Reviews herauskramt, der weiß, wie düster, manchmal beängstigend, das RNF Material mitunter wirkt. 

SEDATIVES-HUMAN BEINGS-7”
Zweimal kurzer Nachschlag zur LP, die nicht ganz das Niveau der vier Killertracks ihrer Debüt-7” halten konnte. Rotziger Punk mit schmissiger Orgel, Melodie, Ohrwurm und Tempo, alles da. Die SEDATIVES bewegen sich immer noch  auf hohem Niveau, aber die erste EP bleibt unerreicht. (takenbysurprise.net)

MANO DE MONO-HUMANS-7”
Kurze knackige Punksongs mit Orgel, wer da an die SPITS oder LOST SOUNDS denken mag, der liegt nicht mal so falsch. Feines Debüt mit vier Songs, von denen wenigstens die Hälfte richtige Hits sind. Der Nächste, der eine Krake auf das Cover packt, kriegt Taschengeldkürzung, es reicht langsam mit den Viechern! (myspace.com/lamanodemono)

WOVEN BONES-YOUR SORCERY-7”
Der Titeltrack ist ein verdammt fieser, nur auf den ersten Hingucker monotoner Smashhit, in dessen Hintergrund sich eine Menge vertrackter Gitarrenmelodien verstecken. Die B-Seite ziert ein zäher, ebenfalls gewollt monotoner Song mit hypnotischen Kräften. Beides sehr cool, passend zu viel zu engen Lederhosen mit Sonnenbrille nach Einbruch der Dämmerung. Ich sag nur „Texas“, dann sollten die richtigen Leute Bescheid wissen. (myspace.com/sweetrotrecords)

COPROLITOS-MISS MELILLA-7“
Chic, angefangen vom irgendwie sehr schönen Coverartwork, das endlich mal wirklich „anders“ aussieht als die meisten Releases, bis hin zur quirligen Sängerin, die zetert, nörgelt und quietscht, dass es nur so Freude macht. Die Spanier klingen so, wie einige klassische iberische Bands in den 80ern (da allerdings meistens mit männlichen Sängern) geklungen haben. Rengdengdeng-reggedengdengdeng, wenn schon Retro, dann wenigstens gut! (blondesmustdierecords.tk)

PANSY DIVISION W. JELLO BIAFRA-AVERAGE MEN-7”
Eigentlich schön, dass sich eine Band, bei der Jello mal zum Duett reinschneit, automatisch nach alten Kennedys klingt. Der Titeltrack würde auch textlich einem DK-Stück zur Ehre gereichen. Auf der B-Seite klingen Pansy Division dann wie Pansy Division, die ein Green Day-Stück covern, was sie auch tun. Appetizer für das kommende Album auf AT (ohne die B-Seite). (alternativetentacles.com)

TONGAN DEATH GRIP-WEREWOLF-7”
Wer nicht bereits bei den ersten Tönen an die mächtigen BRIEFS denkt, der hat die letzten zehn Jahre wahrscheinlich gehörlos verbracht. Textlich orientieren sich die Jungs allerdings eher an den DICKIES – benannt hat sich die Band nach einem Wrestlinggriff, alles klar!? Vier hochmelodische Songs (fünf, wenn man den Downloadgutschein einlöst) mit hohem Hitcharakter. Wer die besagten Bands mag, der liegt hier absolut richtig! (housepartyrecords.ca)

H.O.A-DAS AHA TAPE-LP
Jetzt isses komplett, das Gesamtwerk von H.O.A.! Nach der Doppel-LP hat sich offenbar auch noch ein brauchbares Exemplar des ersten Tapes der Band gefunden, das sich hier in seiner ganzen ungestümen und ungehobelten Pracht entfalten kann. Hat natürlich nicht den Sound einer Studioaufnahme und noch nicht den Hitcharakter der ersten EP, aber wenn Edelsteine leuchten, dann tun sie das auch unpoliert. Einseitig bespielte auf 200 Exemplare limitierte LP mit Etching auf der Rückseite, gemessen am Tape erstklassigem Klang und wie üblich handgemachtem Coverartwork (lösungsmittelfreier Klebstoff sieht einfach scheiße aus, meine Herren!). Aber nur 200 Stück? Da hatten manche Tapes früher höhere Auflagen! (Rotten Totten/Hörsturzproduktion | myspace.com/hostagesofayatollah)

AGENT SIDE GRINDER-IRISH RECORDING TAPE-LP
Da es momentan wirklich so aussieht, als würde sich alles nur noch rückwärts bewegen, hier ein weiterer Sargnagel im Auge derer, die meinen, „Retro“ wäre prinzipiell nur scheiße. Retrosound hat durchaus seine Reize, wenn er exzellent gemacht wird, und das tun die Schweden von AGENT SIDE GRINDER auf alle Fälle. Kein am PC zusammengeschusterter Sound, hier ist alles noch handgemacht, klingt nach alten Roland+Korg-Synthesizern, Tape-Loops und den Stellen, die wir bei Bands wie YAZOO seinerzeit nur heimlich lieben durften, weil das ja kein Punk war. Ist es aber, nämlich Postpunk der allerfeinsten Sorte. Namedropping gefällig? Also gut: SUICIDE, BAUHAUS, DAF und Ableger, MALARIA, X-MAL DEUTSCHLAND, usw. Nur ohne den ganzen Scheiß von wegen „wir haben’s erfunden“! Ganz klar 80er, aber davon nur das Beste. Unverzeihlich, warum ich deren erste LP „Berwaldhallen“ nicht schon besprochen und in den Himmel gelobt habe. Selbes Label, selber Sound, annähernd so cool wie diese Platte. Ach ja, verdammt tanzbar ist das natürlich auch. (enfant-terrible.nl)

COLD CAVE-LOVE COMES CLOSE-LP
Holla, das schreit nach dem Fallenlassen vieler Namen. Der Opener klingt wie ein Stück von VISAGE, das diese nie hinbekommen haben, „Love comes close“ eindeutig nach frühen NEW ORDER, dann HUMAN LEAGUE, FRANK TOVEY, die immer gerne zitierten SUICIDE dürfen natürlich nicht fehlen undundund. Unterkühler vollelektronischer Post-Wave, der sich aus frühen genialen Tapetätern speist und Vergleiche mit großen Bands nicht scheuen muss. Definitiv frischer und ehrlicher als SHE WANTS REVENGE. Ich find’s großartig, zumal jeder Song anders klingt, so dass man fast meinen könnte, hier gäbe es mehrere Bands, die in einer Zeitschleife steckengeblieben sind. Kein einziger Ausfall bei den neun Stücken, und wenn man seinen Coupon einlöst, gibt’s beim Download noch mal drei obendrauf. So gefällt mir das. (myspace.com/coldcave)

IDLE HANS/MUTAGENS-SPLIT-7“
P.Trash beschenkt sich zum 50. Release mit dieser Split-7“ selbst, und wer das Labelprogramm einigermaßen kennt, der weiß, dass Geschmack hier eine zweite Heimat gefunden hat. Kann mich nicht an ein einziges Release erinnern, an dem ich keine Freude hatte. Hier gibt es zwei Coverversionen, 1x von den SHOCKS, deren Song ein absoluter 77er-Hit ist, die MUTAGENS verlustieren sich an den PLUGZ und klingen dabei nach einer KBD-Ausgabe der THERMALS. Fein! (ptrashrecords.com)

WHITE SHIT-WHITE SHI’ITE-10“
Schon das zweite Coverartwork in Folge, das mich in seiner geschmacksneutralen Treffsicherheit beeindruckt. Die Ex-Bands von Coady und Jared alle aufzuzählen wäre ein bisschen aufwendig, aber die Eckdaten stimmen, nämlich KARP und MELVINS, dazu gibt’s weniger Handbremse, dafür viel mehr Gaspedal. Sieht so aus, als würden die zwei Jungs von BIG BUSINESS (+ zwei weitere) sich hier austoben. Klingt nach einer mächtigen, frisierten Dampfwalze und hat neben zwei eigenen Songs ein GISM-Cover zu bieten. Etwas kurz das Ganze, das auch auf eine 7“ gepasst hätte, aber so sieht’s nach richtig dicker Hose aus. Punk as fuck! (wantageusa.com)

FLIGHT-OVER MY HEAD-10“
Unglaublich, dass das hier eine Ein-Mann-Band sein soll. Hochgradig verzerrter Psychosound in voller Instrumentierung (Schlagzeug, Bass, Gitarre, Orgel, Gesang). Entweder der Junge hat acht Arme, oder eine Mehrspurmaschine, plus zuviel Zeit. Auch wenn der Crimson Ghost vorne auf dem Cover ist, hat das nicht im Entferntesten etwas mit den Misfits zu tun (weder den alten, mittleren noch den Jerry-Only-Show – was für ein passendes Wortspiel: „the Misfits with Jerry only“ ...). Durch den ultraverzerrten Lärm der A-Seite leuchtet deutlich ein Gespür für Popmelodien und sogar Kinderlieder-Refrains durch. Da muss man schon zu den Beach Boys zurückblättern, die hier unter einem Wall of Verzerrtsound begraben werden. Chrome, frühe DAF haben ebenfalls solchen Lärm produziert. Klingt schon ein wenig als wären die Boxen kaputt, aber nur ein wenig. Die B-Seite ist dagegen nahezu „zahm“ und hat mit der Halloween-Gespenster-Orgel bei „Molly, don’t fade“ ein wundervolles Stück zu bieten, das die SPITS auch gerne hinbekommen würden. Wahrlich keine leichte Kost, aber lohnend! 

CULT RITUAL -2ND 7“ + LP 1-LP
Überdrehter Hochgeschwindigkeits-Hardcore-Trash, der zu keiner Zeit unkontrolliert wirkt, sondern verdammt gut gemacht ist. Die EP hat zwar null Bässe, kann aber durch die schiere Wucht des Tempos überzeugen. Passt ohne jede Frage zum Labelprogramm von Youth Attack. Nicht unähnlich der REPOS, nur noch einen Tick schneller. 4x allerfeinster Lärm, wie ihn alle mögen, die zur Entspannung gerne mal SIEGE, HERESY oder ENT auflegen. Schönes Cut-Out-Cover! Bei der LP gibt es im Gegensatz zur 7” sogar einen Bass zu hören, das Tempo wird erheblich gedrosselt, um an den richtigen Stellen zu explodieren, denn relaxt ist immer noch anders. Heftige Kost, die geschickt das zusammenfügt, was BLACK FLAG über die Jahre kontinuierlich fortgesetzt haben. Hier gibt es die Slo-Mo-Parts der späten Jahre zusammen mit den Attacken der Damaged auf einer einzigen braunen Platte, Spannung, Folter und Entladung in einem alles vernichtenden Amoklauf (eine ähnliche Offenbarung, wie seinerzeit BORN AGAINST, nur besser). Die Feedbacks zwischen den einzelnen Akkorden bei „Last time“ sind einfach göttlich, der Song gehört überhaupt zu einem der besten HC-Songs der letzten zehn Jahre. Überhaupt ist die gesamte B-Seite mit ihren zwei langen Feedbacklärmorgien das verdammt laszivste zu Vinyl gewordene Stück Hardcore, das ich seit langer, langer Zeit gehört habe. Wenn das Ding durch ist, braucht man erst einmal einen Drink. (ihateyouthattack.com)

MONKS
BLACK MONK TIME-CD
PRETTY SUZANNE-7”
Proto-Punk aus den 60ern als die meisten Beat-Kapellen noch brav ihre Gitarren um den Hals trugen und ihre Brötchen mit dem Covern der Beatles oder Stones verdienten. Hat bereits alles, was über zehn Jahre später mit Punk wiedergeboren wurde. Heftig verzerrte Gitarren und Bässe, eine geniale Orgel, monotone, minimalistische Stücke, ungewöhnlich agressive Texte, alles mit einem Rhythmus, bei dem man unmöglich stillstehen kann. Die Dokumentation über die Band gehört mit zu den besten Bandportraits, die jemals gedreht wurde. Der essentielle Teil des überschaubaren Outputs der Band steckt in dieser Platte. Das Bild wird mit dem letzten verschollenen Stück „Pretty Suzanne“ zwar komplettiert, aber außer einem ultraverzerrten Bass – zwei Dekaden, bevor andere auf den Trichter kamen – hat das Stück eher wenig zu bieten. Die B-Seite ist das hinlänglich bekannte Monks-Theme. (Polydor bzw. Red Lounge Records)
 

 

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