COMPLICATIONS-LE TRAIT-7”
Dass hier Musiker der verblichenen Fatals und der Magnetix am Werk
sind, hört man problemlos durch. Fies verzerrte Gitarren aus der Vorhölle,
allerdings ohne die verkratzten Zwischenfrequenzen. Der Titeltrack ist
ein treibendes Instrumentalstück mit mehreren Gitarrenspuren plus
Wehklagen, wie ihn auch die Mummies auf sehr viel Drogen hätten zaubern
können. Kann ich mir gut als Intro für einen Boxereinlauf (Kirmesklasse)
vorstellen. Die Flipside ist ein gemächlicher scheißcooler Track,
wie ihn die Cramps zu besnten Zeiten kaum hinbekommen haben. Klingt schwer
nach bewusstseinserweiterndem Pilzragout und hat mit „Kick you“ einen hypnotisch
genialen Song, der nach meiner bescheidenen Meinung auf die A-Seite gehört
hätte, schon wegen des Singletitels. (Sentenza Records)
WOLVES-VOLUME 1-CD-R
Für Reviews dieser Art von Musik bin ich mindestens so gut geeignet
wie ein Blinder als Inneneinrichter eine Stelle finden wird. Ich fahre
einen Kleinwagen, besitze keinerlei Kleidung mit Flammenstickerei, kann
mir weder PS-Zahlen noch Hubraum merken, und ich habe keine Backenbartkoteletten.
Schlechte Voraussetzungen für eine Platte, die voll ist mit benzingetränktem
Motorrock’n’Roll. Dafür erkenne ich dank Muttermilchtinnitus auf zehn
Kilometer jedes AC/DC-Riff bis zur „For those about to rock“ und weiß
daher, dass die Wolves große Fans von AC/DC sein müssen. Nur
zum Beispiel: auch wenn auf „Machine“ nicht das vollständige Riff
gespielt wird, stammt es dennoch aus „Let there be rock“. Letztendlich
ist es erstaunlich, wie viel AC/DC und Motörhead für diese Art
Musik in die Wege geleitet haben. Stellt sich die Frage, ob es verkehrt
ist, von Bands wie diesen zu leihen? Die Antwort ist einfach: Niemals!!!
Sofern man es nicht durch Dilettantismus verpfuscht, was hier keineswegs
der Fall ist. Klingt alles in allem sehr tight, ölverschmiert und
gut, aber es ist eben nicht meine Musik, weil ich keine Lust habe, mich
jemals wieder unter ein Auto zu legen oder an einem Moped herumzuschrauben.
Wer ein Zielfahnentattoo am Hals hat, wird seinen Spaß haben. (myspace.com/thewolvesrocknroll)
KAJUN SS-GET OUT OF ME!-7”
Beim Titeltrack klingen die Herren original wie die Garagenversion
von AOD. Überdrehter Hochgeschwindigkeitskellersound, der nur noch
von der kaputten Oblivians-Coverversion auf der B-Seite mit Mundharmonika
übertroffen wird. Selbst auf einer guten Anlage hört man alles
nur wie durch Watte oder nach einem Gehörsturz. Herrlich fertig, primitiv
und wild! (Jeth-Row Records)
DER SUBMARINE RACERS-SPACE BURRITO-7“
Nein, Deine Nadel hat nichts, Deine Boxen sind auch nicht durch, das
klingt tatsächlich so kaputt und übersteuert. Kannte man früher
öfters, wenn man mit jemandem Tapes getauscht hat, der es nur dann
hörbar fand, wenn sich die Zeiger allenfalls in den Liedpausen aus
dem dunkelroten Bereich bewegten. Auf der zweiten Seite fehlen dafür
dann die Bässe und es geht einem scheppernd an die Nüsse. Trashiger
und weiter weg von HiFi geht’s wirklich kaum noch. Kurzes Vergnügen,
das man fast gehört haben muss, um es wirklich glauben zu können.
Diese Single in einem dieser ultrafeinen Spezialplattenspielerläden
auflegen, in denen man den Motor wahlweise auf einem Granitblock oder auf
einer Marmorsäule bekommt, das wäre ein Spaß und gäbe
auf jeden Fall Hausverbot. (Spinthebottle)
NARSAAK-PRASINA-7“
Aaaah, nach mehreren Jahren Babypause sind die Darmstädter wieder
mit einem neuen Tonträger in „alter Frische“ zurück, spielen
Konzerte und machen in der Liga weiter, die sie dereinst quasi mitgegründet
haben. Die Lorbeeren ernten so oft andere, hier könnten die Gründerväter
endlich einmal selber die Früchte einfahren. Alles was mit breiten
Gitarrensalven und Patronengurten auf dem Cover unterwegs ist, kann sich
verschämt wegducken, denn Narsaak sind wieder da, was nichts anderes
heißt, dass es ganz vorne enger wird. Neben Tragedy, Bombenalarm,
Doomtown und ein paar wenigen anderen, röchelt niemand so gut durch
eine dicke Gitarrenwand. Im Gegensatz zur friedlichen Abbruchmontagehalle
auf dem Cover (sehr schön zum Aufklappen), laufen Narsaak wie eine
gut geölte Industriedampfmaschine. Sechs Songs, volles Brett, stylishes
Cover mit bedruckter Singleinnehülle, perfekt. (Thought Crime)
NARSAAK – 1990-1999 – CD-R
Zur Wiederbelebung der Band gibt es eine schöne CD-R, mit allen
bisher veröffentlichten und lange vergriffenen Singles, Split-Releases
und Samplertracks; ein paar unveröffentlichte Stücke gibt es
obendrauf. So lässt sich einerseits sehr gut die Entwicklung der Band
in den ersten zehn Jahren nachvollziehen, andererseits hat man alles zusammen
und schont die Vinyltonträger. Gitarrengewichsefreier Crustcore wie
er sein sollte. Mein persönlicher Favorit ist und bleibt das GG Allin
& Murder Junkies-Cover „Fuck off we murder“. So wie es Narsaak spielen,
läuft es mir eiskalt den Rücken runter, herrlich ... Live ansehen,
dann zeigen euch alte Herren, wo sich beim Gitarrenamp der Overdrive-Knopf
befindet. (Gastarbeiter Records / narsaak.de)
HOSTAGES OF AYATOLLAH-ANTHOALOGY-2xLP+DVD/CD+DVD
Die für meine Begriffe beste (Wieder)Veröffentlichung in
diesem Frühjahr überhaupt. Nachdem schon so gut wie alle Bands
abgegrast sind, fallen einem so nach und nach immer wieder Lücken
auf, die zum Glück in mühevoller Kleinstarbeit von den Bands
nach Drängeln von nörgelnden Freunden selber geschlossen
werden. Ohne Zweifel ist die „Hallo Nachbar“ eine der wichtigsten frühen
deutschen Hardcore 7“s, und eine der wenigen Konsensplatten auf die sich
damals Nieten- wie Stirnbandträger einigen konnten. HOA waren exakt
das Bindeglied zwischen US-Hardcore und deutschem Punk, bei dem man sich
für die eine Seite oder die andere entscheiden konnte: Stagnation
oder Evolution. Dasselbe würde auch für die Upright Citizens
gelten, nur sangen die eben Englisch und nicht Deutsch. Die Split-LP mit
der Manson Youth (gar keine Frage, welche Coverseite vorne zu stehen hatte,
nicht nur wegen dem zwingenden Schlitz, das Manson Youth-Coverbild sah
einfach scheiße aus) war ein weiterer Höhepunkt zu seiner Zeit.
Auch wenn die LP ziemlich unter dem Sound litt, konnte man das Potential
immer noch durchschimmern sehen. Ein unvergessenes Konzert in Nagold, zusammen
mit der Walter 11 und Crash Box, dann erst mal nix und abschließend
die verworrene „Simply too much nothing“ LP, die ein Gehörloser aufgenommen
hatte. Die EP und die Split-LP sind auf der „AntHOAlogy“ komplett enthalten,
dazu gibt es das erste Demo Von der „Simply“LP wurden die verwirrenden
Stücke einfach weggelassen, dafür die CD mit unveröffentlichten
Stücken zur 1. ½ LP ergänzt. Soweit, so gut, hat man bis
auf das Demo und die zwei Bonusstücke alles, wenn man damals jede
Platte gekauft hat. Aaaaber man hat es nicht in diesem Sound. Die Split
LP und die Simply-Tracks wurden komplett neu gemastert, und siehe da, die
Perlen glänzen richtig. Macht deutlich mehr Spaß als die Originale
anzuhören, die selbst auf der besten Anlage immer noch matschig klingen.
Obendrauf gibt es eines der besten Begleithefte, die ich jemals mit soviel
Vergnügen gelesen habe, wunderschöne Aufmachung, sowie eine Extra
DVD mit Clips und einem Liveset. Bei den ersten 500 Doppel-LPs (selbstredend
im Klappcover) liegt ein Downloadcoupon zur Schonung des Vinyls bei. Essentielle
Veröffentlichung, ganz ohne Pathos, nur weil man damals dabei gewesen
ist. Die „Horst-ages of Ayatollah” markieren das Auseinanderdriften der
Punk und HC-Kontinente wie keine andere Band davor und danach. (X-Mist
bzw. Plastic Bomb)
MICHALE GRAVES-ILLUSIONS LIVE/VIRETTA PARK-CD
Michale Graves solo, nur mit Holzgitarre und Stimme. Die meisten Tracks
der grandiosen „Illusions“, ergänzt um ein paar Misfits-Songs, plus
sechs Demo-Songs für irgendeinen Filmsoundtrack. Könnte also
eine gute Platte sein, ist es aber nicht wirklich. Die Illusions klingt
um Lichtjahre durchdachter, dichter und atmosphärischer als es Graves,
nur mit einer Gitarre und seiner Stimme, jemals alleine auf eine Bühne
bringen könnte. Manche Songs ruiniert er durch seine Neuinterpretationen
völlig, selbst „Frostbite“, eines der schönsten Stücke,
die ich in den letzten Jahren gehört habe, erblasst in der Flachheit
dieser Liveaufnahmen. Und von wegen „Illusions Live“: „Teenage monster“
fehlt, „Lucifer i am“ ist vergeigt, das beste Stück von Illusions
„When we were angels“ fehlt ebenfalls, und für die Version von „Crying
on saturday night“ sollte man ihm lebenslanges Nachtischverbot erteilen,
damit er mal drüber nachdenkt. Die Demos reißen trotz gutem
Sound am Ende auch nicht mehr viel raus. Lust auf mehrmaliges Anhören
stellt sich nach Ablauf der Spielzeit jedenfalls keine ein. Selbstverständlich
funktioniert das Anhören von Graves nur dann, wenn man alles andere
ausblendet, wofür der Wirrkopf sonst steht. (Screaming Crow)
SONNY VINCENT-30 YEARS ANTHOLOGY-3xLP
Angeberplatte, eine Art “Best-Of” des Schaffens und Kollaborierens
von Sonny Vincent, dem Vincent Price des Punk-Rocks, der es wie sein Namensschwippschwager
nie in die allererste Garde geschafft hat, aber immer im Nebenzimmer dabei
war, wenn es wichtige Punkte zu holen gab. Sammelsurium von Aufnahmen mit
den Testors, den Dons, Shootgun Rationale und etlichen Gastspielen, deren
Musikerliste von den Stooges über Velvet Underground bis hin zu Rocket
from The Crypt geht, von deren Zusammenarbeit noch eine bisher unveröffentlichte
LP im Keller schlummert. Schönes Cover, nettes Beiheft, könnte
eine Rundumglücklichpackung sein. Könnte, denn wie die drei LPs
in die einfache LP-Hülle passen sollen, ohne, dass man sie kaputt
macht, das wird wohl das Geheimnis des Labels bleiben. Auf 1000 limitiert,
aber wer weiß das schon so genau? (Puke N Vomit Records)
VA-VIVA KÖPI-LP
Wohlfahrtssampler für den Erhalt der Berliner Köpi, auf dem
sich ein paar der aktuell besten Bands aus Crust- und Nietenland die Instrumente
in die Hände drücken. Um nur ein paar zu nennen: The Now Denial,
Bombenalarm, Doomtown, Horror, Cave Canem oder Behind Enemy Lines. Keine
Light-Kost und keine einzige Band, die im 4-Sterne Tourbus durch die Lande
reist. Schönes Siebdruck-Coverartwork, dickes Beiheft und durchweg
gute Songs, nicht nur Studioabfall. Unbedingtes Muss, auch ohne Solidaritätsbonus!!!!!
NIKOTEENS-FULL SPEED AHEAD-MLP
Unverkennbar die Nikoteens, so wie man sie in der logischen Folge auf
die Hardcore Holocaust LP von „Anno wann war das noch?“ einordnen würde.
Einseitig bespielte LP, von denen gerade einmal 300 Exemplare gepresst
wurden, mit gerade einmal fünf Stücken. Nun gut, die Stimme ist
unverkennbar, das macht es einfach, aber der Sound der Aufnahmen ist definitiv
in keinem Studio entstanden. Falls doch, dann sollte man die Bude umgehend
abfackeln. Einen so dumpfen Sound, durch den sich der Gesang von ganz hinten
durchzwängen muss, so wattige Gitarren, das lass ich nur im Übungsraum
durchgehen. Hat mehr den Charme eines Ü-Raum-Demos als den einer Platte.
Schade, denn so geht einiges von den Stücken im Soundbrei unter, was
man in einem richtigen Studio mit Wucht um die Ohren geprügelt bekommen
hätte. Bei „Epitome“ leiert sogar das Tape (oder jemand hat das einzige
Mikro weggedreht). Mir ist vorher noch nie aufgefallen, dass eine gewisse
stimmliche Ählichkeit von Bep und Tom Bagley (Forbidden Dimension)
nicht von der Hand zu weisen ist. Ob irgendjemand sonst bemerkt hat, dass
das Cover von Bernie Wrightson aus dessen Frankenstein-Zyklus stammt? Wenn
ja, einen Klugscheißerpunkt abholen! Musikalisch gut wie eh und je,
soundtechnisch jenseits von gut und hörbar.
INSOMNIO-HAPPY LONELINESS-LP
So hätten Turbonegro klingen können, wären sie nach
der „Ass Cobra“ nicht ins Mädchenlager Richtung Glam abgebogen. Die
Iberer klingen sogar noch ein wenig wie die Death Punk-Fassung kurz vor
der Ass Cobra. Großartiger Hardcore mit ein paar Gitarrensolis, die
aber so schnell sind, dass der Verdacht der Eigenbefleckung gar nicht erst
aufkommt. Könnte auch irgendwo in den frühen 80ern irgendwo in
den Staaten eingespielt worden sein, wobei die Soundqualität eindeutig
dagegen spricht, denn dazu wären nur wenige Studios fähig gewesen.
Interessant, was da gerade so alles an ziemlich genialen Bands aus Spanien
kommt, wobei Insomnio jedenfalls zu den besten gehören. Bleibt zu
hoffen, dass sie nicht wie ihre Kollegen von Muletrain auf ignorante Ohren
stoßen, nur weil sie nicht aus Übersee anreisen. Sehr, sehr,
sehr geile Platte!!! (The Pression Records / Trabuc Records)
GLASVEGAS-SAME-CD
Noch ein gutes Beispiel dafür, wie sehr die Versagensangst in
den Majorfirmen gepaart mit mangelndem Geschmack, respektive Weitblick,
zu einer Releasepolitik führt, die allenfalls als feige zu bezeichnen
ist. In anderen Ländern wird nur noch veröffentlicht, wenn die
Platte schon mal auf einem Markt funktioniert hat. So ist es auch erklärlich,
dass die Magazine, die sonst erst nach einer zweiten Platte aufwachen,
diesmal bereits die erste Tour präsentieren, weil sie mit ihren Dependancen
in England gut ein halbes Jahr Vorsprung hatten, denn da gab es die CD
bereits im letzten Herbst, für Frühaufsteher entweder mit einer
exklusiven Bonus-CD oder einer DVD, von der sich die DVD-Version eher lohnt.
Deutschland bekommt die Proloversion im Jewelcase mit ohne Extras, aber
immer noch mit großartigem Bombastsound, der irgendwo zwischen den
Beach Boys, frühen Jesus & Mary Chain (ohne Rückkopplungen)
und elektrifiziertem 60’s Mo-Town liegt. Auf Platte ist das dann grandios
eingängiger Indiepop der neuesten Generation, der auch live so druckvoll
wie auf Platte klingt (dafür optisch enttäuscht, aber dazu mehr
im nächsten Livestyle). Songs wie „Geraldine“ oder „Daddy’s gone“
sind Stücke für die Ewigkeit. Jetzt noch so aufregend wie die
erste Editors, mit denen sie im weitesten Sinne auch die verhallt-verzerrten
Gitarren teilen. Allerdings kann sich das sehr schnell ändern, denn
als Vorband von Oasis wird man hier schnell teilen lernen müssen.
SOPHIE HUNGER-MONDAY’S GHOST-CD/LP
Wird schwierig, hier jemanden für diese CD zu begeistern, die
abseits einer einzigen Schublade funktioniert und am ehesten noch die unter
Euch ansprechen wird, die auch Tori Amos oder eine straighte nicht überkandidelte
Björk zu schätzen wissen. Multiinstrumentaler Bar-Jazz-Lounge-Folk,
der mal zart-brüchig, dann aber auch rotzig und kantig um die Ecke
schleicht, um ungeniert in einer Vielzahl von Stilen zu wildern. Musik
als eine große bunte Legokiste, mit der Sophie Hunger eine kindlich
verspielte Platte zaubert, die überhaupt nicht „nebenher“ funktioniert.
Eine wunderbare Überraschungspackung, zu der nur Wein, aber kein Bier
passt. Vieles funktioniert hier erst beim dritten oder vierten Hören,
dafür hat die Platte auch eine hohe Halbwertszeit. In der Schweiz
kurzfristig auf Platz 1 der Charts (ohne große Werbung oder ein großes
Label), erschien Monday’s Ghost in Deutschland erst gut ein halbes Jahr
später. Gut, wir wissen ja, dass Vision und Musikgeschmack ebenso
wie Begeisterung nichts ist, was in größeren Plattenlabeln als
Tugend gewertet wird, allenfalls als Kündigungsgrund. Unschön
stößt mir die Tatsache auf, dass auch hier schon die bescheuerten
Variantenspielchen der unterschiedlichen Releases zum Tragen kommen. Ein
ursprünglich auf der Schweizer Version enthaltenes Duett mit Stephan
Eicher wurde durch einen anderen Song ersetzt, die Songreihenfolge ist
anders und mit „Paris“ gibt es einen exklusiv (zu bezahlenden) Downloadtrack.
Dafür sind die Lieder weitab vom Schönheitschirurgen-Tralala-Pop
allesamt wunderbar geraten. (Universal)
SYPHILITIC VAGINAS/ABIGAIL-SPLIT-LP
Yeah, astreiner Japancore, wie er in der besten Zeit von Bands wie
Lip Cream, Zouo, GISM, Gauze und einigen anderen zelebriert wurde. Bei
den Syphilitic Vaginas wurde der GISM-Anteil zu Gunsten anderer Größen
etwas zurückgefahren, und es knallt immer noch wie die Sau. Selbst
bei einem offensichtlich entliehenen AC/DC-Riff nimmt man hier immer noch
den Vollblutjapaner ab (auch wenn er in einem Keller irgendwo in Texas
sitzen sollte). Abigail „kellern“ ein wenig mehr herum und sind wie die
Vaginen trotz aller Symbolik und Beliebheitsgrad in Blackmetallerkreisen
immer noch Japan-Thrash, den man auf Samplern wie „A farewell to arms“
finden konnte. Daran ändern nur die beiden Coverversionen von Bathory
und Nunslaughter etwas, die deutlich stumpfer als der Rest sind und wie
Bootlegdemos klingen. Eine Doppelsingle mit den Syphilitic-Tracks hätte
mir vollauf gereicht, wahrscheinlich auch Meister Pushead, der früher
mit Vorliebe solche Bands reviewt hat. Auch er hätte an dieser Platte
wenigstens auf einer Seite seine helle Freude gehabt. Ganz schlimm ist
die Pressqualität, das Vinyl knistert an manchen Stellen, als ob jemand
abgestandenes verstaubtes Rohmaterial verwendet oder in die Rillen geschissen
hätte. (Rescued From Life Records)
AUTISTIC YOUTH/COLA FREAKS-SPLIT-7”
Ich mag Bands, denen man anhört, dass sie das Frühwerk von
Greg Sage zu schätzen wissen, und die Autistic Youth haben definitiv
die ersten drei Wipers-Platten im Schrank stehen, denn so einen Gitarrensound
macht man nicht mal eben „aus Versehen“, selbst dann nicht, wenn man ebenfalls
aus Portland stammt. Immerhin geben sie einen gehörigen Schuss California-Punk
obendrauf und fertig sind zwei eingängige, erstklassige Songs. Die
Cola Freaks aus Dänemark klingen wie der gemeinsame Nenner der Lost
Sounds (dessen Mr. Reatard hier offenbar für die Aufnahmen gesorgt
hat), Spits, Henry Fiats Open Sore und ein paar anderen unehelichen Groupiekindern
von Captain Sensible oder Dave Vanian. Lohnt vollauf, alleine schon wegen
der beiden Autistic Youth-Tracks. (narshardaa.com)
BAD THOUGHTS-NON VIOLENCE-7”
Nervöser Phlegmatikersound, der klingt, als würden frühe
Talking Heads mit ein paar Factory Bands auf zuviel Kaffee improvisieren.
Leicht ungelenk und holprig, aber merkwürdigerweise auch mit der nötigen
Portion Charme. Auf der B-Seite kommen Velvet Underground durch, bei denen
man Nico durch ihre kleine Schwester ersetzt hat. Unterkühlter No
Wave, den man ohne weiteres zwischen 1972 und 1976 irgendwo in New York
vermuten könnte. Die Band kommt aber aus Ontario und richtig klasse
ist leider immer noch anders. (m’lady’s)
FUCKED UP-CROOKED HEAD/I HATE SUMMER-7”
Im Gegensatz zur Year of the pig, deren Variationswahn man am besten
mit der CD-Version begegnet, die alle Länderversionen vereint, gibt
es von dieser 7” (noch) keine dieser bescheuerten B-Seiten-Spielereien.
Dafür dümpelt „Crooked head“ ohne Höhepunkt einfach nur
belanglos vor sich hin und ergibt eine klassische B-Seite, die es aus Mangel
an Qualität nicht auf die LP geschafft hat. Wenigstens „I hate summer“
hat das, was man von Fucked Up erwarten möchte. Ein großartiger
Song, ohne das passende Pendant auf der Rückseite. (Matador)
TNT-ZÜRI BRÄNNT-CD
Veröffentlichung, die sich mir nicht ganz erschließt, weil
man bei soviel Arbeit auch gut die 10“ und die Spätableger wie „The
Kick“ bzw. „Essen & Trinken“ locker hätte unterbringen können.
Musikalische Gründe kann es nicht gehabt haben, denn zumindest die
„Kleine Machtmusik“ 10“ ist keinen Deut schlechter als die hier enthaltenen
drei 7“s, mit denen man gerade mal auf knapp 20 Minuten Spielzeit kommt,
aber auch nur, weil ein unveröffentlichtes Stück und ein Livesong
mit draufgepackt wurden. Immerhin sind die drei Singles mit das Beste,
was zu dieser Zeit (1979-1981) aus der Schweiz an Punkrock kam, zumal keine
andere Band eine so wütende zornige Sängerin hatten. Das Artwork
ist chick, die Linernotes auf Japanisch, die Limitierung liegt bei 1000
Exemplaren, mehr muss man nicht wissen. (Base)
THIS MOMENT IN BLACK HISTORY-RAW BLACK POWER-7”
Heilige Scheiße, zwei Songveredelungen, die die Originale nicht
nur einfach aufpolieren. “Obama” (im Original „Allah Akbarr“ ein fieser
Afropsychedelictrack von Ofo The Black Company aus dem Jahr 1972) klingt
nun wie eine Monsterversion von MC5, die irgendjemand in das neue Jahrtausend
teleportiert hat. Brothers and sisters, wer hat den größten
Afro, die dickste Tüte und am meisten Haare auf der Brust? Hammer-Song,
der durch den durchgedrehten Smasher auf der B-Seite nur noch mehr strahlt,
weil in eine ganz andere Kerbe gehauen wird. „Jim Motherfucker“ ist ein
Cover von Gaunt, einer alten Crypt-Band, der hier auf volle Touren gedreht
wird. Selbst auf Single schafft es diese Band, durch zwei völlig unterschiedliche
Songs für eine Überraschung zu sorgen. Sehr geil! (insectrecords)
GHOSTWRITER-WRECK THE CITY-SIMPLIFY YOUR LIFE-LP
Ein weiterer aus der Vielzahl von One-Man-Bands herausragender Musiker,
der stimmlich noch am ehesten an Tom Waits oder einen kratzigen Beatman
auf Country-Riegeln erinnert. Im Gegensatz zu vielen seiner Kollegen liegt
hier in der Gemächlichkeit die Kraft. Es wird nahezu vollständig
auf das übliche Schraddel-Schraddel-Bum-Chaka-Bum-Chaka verzichtet
und alle Instrumente nacheinander eingespielt, was dann eben nicht mehr
nur nach Fußgängerzone klingt. Hier ist alles wohlüberlegt,
es gibt richtiges Songwriting, mindestens zehn verschiedene Instrumente
(Banjo, Geige, Mundharmonika, Piano, Schlagzeug ...) sogar Texte liegen
bei. Würde das mit einer Band eingespielt, würde es wahrscheinlich
auch nicht besser klingen. Subversiv wie Hank III und musikalisch herausragend.
Upper-Class-Hillbilly, wenn es so was bisher nicht gab, dann hat der Ghostwriter
es hier erfunden! Klingt und fühlt sich von A-Z großartig an.
(endofthewest.com) |