REVIEW MEINE OHREN
Juli 2008
THE ESTRANGED-STATIC THOUGHT-CD
Selten, dass ein Info bezüglich der Bandreminiszenzen derart treffend war: Wipers, Mission of Burma, Joy Division (Dirtnap selber spricht von frühen J.D, also Warsaw, und liegt daneben). Klingt erst einmal gut, vorausgesetzt, dass diese Zutaten auch wirklich ein Ganzes ergeben, nur springt hier genau der Punkt auf das Komma. Der Gesang lässt sich eindeutig und ausschließlich Mission of Burma nebst ein paar anderer gequälter 80er-Bands zuordnen, die Gitarre gewollt eindeutig den Wipers – ohne deren pure Genialität zu erreichen - und der Bass klingt selbstverständlich nach Joy Division. Leider hört man die Einzelteile bei jedem Stück deutlich heraus, mal klingt es mehr nach den Wipers, mal nach J.D., aber immer nach einem Gesang, der nicht ansteckt. Der Schlagzeuger spielt ebenfalls nur Standards, so dass auch die Hinweise auf die Crust/HC-Vergangenheit der Bandmitglieder nicht wirklich etwas rettet, denn Begeisterung sieht bei mir anders aus. Die Platte orientiert sich in etwa am Cover, und das ist, ähm ... „nicht besonders aufregend“, auch nicht nach dem dritten Durchlauf. Weitere Veröffentlichungen von Estranged sind im 7“-Sektor angekündigt, lass’ ich gerne aus. (dirtnaprecs.com)
 
THE GASLIGHT ANTHEM-THE `59 SOUND-CD
An der zweiten Platte dieser in der Tat hart tourenden Band werden sich bereits die Geister scheiden. Besser und etwas glatter produziert als „Sink or swim“, vor allem aber sauberer als die EP, fehlt dem einen oder anderen eventuell schon der Schmutz oder die rauen Kanten. Mir gefällt es, denn es passt zum Songwriting der Band, das in seiner Vielschichtigkeit mit teilweise drei und mehr Gesangsspuren erst richtig zur Geltung kommt. Großartige Melodien, von denen oft gleich mehrere in einem einzigen Song verbraten werden, ein Gesang zwischen einem jungen Springsteen und einem Frankie Stubbs vor dem Stimmbruch, ein außergewöhnlicher Schlagzeuger, der weit mehr als nur die Standards spielt und zwei Gitarren, die sich mit feinen Melodien gegenseitig anfeuern. Selten so persönliche Texte gehört, die mich derart berührt haben und in mitreißenden Refrains ausliefen, die sich nicht immer um jeden Preis reimen, herrlich. Früher nannte man so etwas Powerpop oder Pop-Punk, nur haben da schon zu viele rumgegriffelt, als dass das noch wirklich passend wäre. Für alle, denen Hot Water Music zu langweilig geworden sind oder immer zu langweilig waren. Definitiv eine der schönsten Sommerplatten des Jahres, live ein absolutes Muss. Ein Punkt Abzug, weil manche Stücke „zu nah“ beieinander liegen, aber das ist ein kleines Minus auf allerhöchstem Niveau. Wie lange die noch klein bleiben, kann man an zwei Fingern abzählen. (sideonedummy.com)
 
DISCOLOKOSST-SAME-LP
Gäbe es einen Preis für die ärmlichste Geschichtsaufbereitung, dann hätten wir hier den Gewinner. Ärmlichste Veröffentlichung, weil absolut ohne jede Info, die dazu mit dem Cover  auch noch dem grafischen Potential der Band ins Gesicht spuckt. Discolokosst aus Genf waren eine einzigartige Elektropunkband, hatten gerade einmal eine handvoll Tracks auf exakt drei schwer zu findenden Samplern (Geneve Soif, Geneve Palladium – beides LPs - und der Collection Prive 7“) und stets geniale Comickonzerflyer. Auf der LP kein Hinweis, woher die Tracks stammen, wann sie aufgenommen wurden, selbst das Labelinfo unterschlägt zwei der Sampler, indem es behauptet, dass es von dieser Band bisher nur zwei regulär veröffentlichte Livesongs gab. Ob die Songs identisch mit denen auf den Originalen sind? Bei den Livestücken würde ich sagen ja, bei den anderen drei ist es mir angesichts der Lieblosigkeit auch zu blöd, zu vergleichen und die Arbeit der Band oder des Labels zu machen. Nicht existenter Vertrieb, Limitierung und vorprogrammierte Rarität dürften für das kleine Zielpublikum ohnehin reichen. Harter französischsprachiger Elektropunk mit dicker Beatbox und Kasernenton, gab es über 25 Jahre lang nicht mehr in dieser wuchtigen Form. Schade, dass die Väter so wenig Interesse an ihrer eigenen Hinterlassenschaft zeigen. Übrigens ein Bandname mit unzähligen Möglichkeiten, sich zu verschreiben. 

LES HATEPINKS-KINDERGARTEN REVOLUTION-OUPUPO SONGS II-7“
Gewinner in allen Belangen! Wunderschöne Aufmachung mit dickem Fanzine, Sticker und Postkarte. Kann mich nicht entscheiden, ob das Highlight die Single oder das kurzweilige Fanzine ist, an dem man länger zu lesen hat als die EP läuft. Eine der wenigen Singles, die man sich schon alleine wegen der Rundumverpackung gönnen sollte, oder wegen der zwei gelungenen Eigenkompositionen, die klingen, als wären sie in einer Küche aufgenommen worden. Oder doch wegen des VOM-Covers? In jedem Fall aber wegen der hammergenialen Coverversion eines der schönsten Popjuwelensongs der frühen NDW, nämlich „Tulpen und Narzissen“ von Andreas Dorau. Macht direkt Lust, das Original wieder herauszukramen. 100 Punkte!!! (Squoodge) 

NIGHT MARCHERS-WHOSE LADY R U?-7”
Sehr lustige Single, die in England erschienen ist und hierzulande so gut wie kein Vertrieb im Programm führt. Dasselbe Schicksal teilt ja auch der McLusky-Nachfolger „Future of the Left“, von denen Du hier kaum eine Single finden wirst, obwohl es derer schon vier Stück gibt. Die guten Reviews für die CD haben sich die Night Marchers redlich verdient. Auf der orange-roten Single gibt es mit dem Titeltrack ein identisches Stück der Platte und mit Scene Report eine B-Seite, die auch auf die "See you in ..." gepasst hätte. Kenne keine Band mit Speedo, die nicht zumindest sehr gut gewesen wäre. Aufgrund der B-Seite nicht zwingend, aber für Fans der Inkarnationen des Herrn Reis ein weiteres Teil im Puzzle. (vagrant.uk.com)
 
JENNY LENS-PUNK PIONEERS-When Punk was fun-Buch
Von allen bisher erschienenen Photobüchern ist dieses Buch das mit Abstand beste! Dabei ist nicht die künstlerische Qualität oder das fotografische Können ausschlaggebend, sondern weil Jenny Lens alle die vor die Kamera bekommen hat, die man sonst eher selten sieht, wenn doch, dann hat sie die Leute in einzigartigen Situationen erwischt. Sie war mehr als nur einmal zur richtigen Zeit am richtigen Ort und hatte dabei den Finger am Auslöser. Vier Jahre der frühen L.A.-Punkszene mit allen wichtigen Bands bekommen mit den Fotos von Jenny ein wunderbares Gesicht in exzellenten Aufnahmen. Was das „Fuck you heroes“ von Glen E. Friedman (der für dieses Buch nicht nur das Vorwort geschrieben hat, sondern auch der eigentliche Verursacher des Buches ist) für die frühe Hardcore-Szene ist, das ist Punk Pioneers für LA. Natürlich sind auch andere Größen, die nicht aus Los Angeles kamen, wie die Ramones (einen lächelnden Johnny Ramone gibt es ausschließlich in diesem Buch), Blondie, die Pistols, Clash, Police oder the Damned nicht dem Auge der Fotografin entgangen. Neben den Bildern erzählt Jenny auf den über 200 Seiten auch ihre ganz persönliche Punkgeschichte, die sehr bewegend ist und zeigt, wie sehr es um das „Machen“ ging, darum, wie jeder einen Platz in der kleinen, schnell wachsenden Szene einnahm, und die Aufgabe ausfüllte, die ihm oder besser ihr vor die Füße fiel. Für einige wird es möglicherweise neu sein, wie sehr es einen Menschen schmerzen kann, wenn er großartige Arbeit leistet, für die ihm lange Jahre die Anerkennung und die Entlohnung verwehrt blieb. Bootlegger bedienten sich der Bilder von Jenny Lens ebenso wie Biografen, die zwar ihre Fotos nahmen, aber ihren Namen entweder nicht oder falsch nannten, von einer (angemessenen) Bezahlung ganz zu schweigen. In einer Reihe mit „Fucked up & Photocopied“, „Get in the van“ oder dem bereits erwähnten „Fuck you heroes“. Die paar Taler sollte man sich wirklich gönnen. Grandioses Schmuckstück!

 

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