REVIEW MEINE OHREN
JULI/AUGUST 2006
BELLRAYS-HAVE A LITLE FAITH-CD
Weniger (Gitarren-)Lärm, mehr Musik! Weniger Schmutz, mehr ausgefeilte Produktion. Die Bellrays entdecken mehr und mehr die Wurzeln ihres Sounds, den sie um das bereinigen, was nach meinem Empfinden den eigentlichen Reiz der Band ausmacht: Lärm, Gitarren und dazu eine, genau genommen, stilfremde Stimme. Passt man diesen stilistischen Unterschied an, bleibt nicht mehr viel übrig, was die Band zu einer besonderen macht. Nun gut, die Dankesliste überspringen wir lieber, sollen sich andere einen Kopf darüber machen, wer hier wem dankt und welcher Weltreligion man angehören möchte. Unbestritten bleibt, dass Lisa Kekaula eine herausragende Stimme hat, ebenso unbestreitbar wie die Einzigartigkeit einer Liveperformance, die diese Band auf einer Bühne abliefert. Denn live funktioniert die Mischung aus ruhigen Stücken und geballter Schrotladung aus Gitarre, Bass und Schlagzeug immer noch einwandfrei, wenn sie denn in ausgewogenen Maßen stattfindet. Musikalisch ist das durchaus mit den altehrwürdigen Bad Brains zu vergleichen, die dann live eine Enttäuschung waren, wenn der Reggaeanteil eines Konzertes mehr als 30% betrug. Auf Platte haben die Bad Brains es wohl wissend gar nicht erst probiert. Bei dieser Platte der Bellrays beträgt der Anteil an ruhigen Songs, die auf frühen Detroit-Soul ausgebeint wurden, gefühlte 50%. Zuviel für meinen Geschmack, denn ich will nicht unbedingt die Musik meiner Vorväter nochmal hören, dafür kann ich alte Platten auflegen, die knistern wenigstens beim Abspielen. Die Produktion ist sehr gut, aber es fehlen die herausragenden Hits, die diese Platte retten und zu einer wirklich guten machen. Der verbliebene Anteil an harten Songs ist leider nicht so herausragend, dass man den Rest vernachlässigen könnte, aber immerhin gerade noch so gut, um die Platte nicht völlig untergehen zu lassen. Bleibt die Vorfreude auf die nächste Tour, denn live ist die Band immer noch eine Größe für sich. (Cargo Records)

NOUVELLE VAGUE-BANDE A PART-CD
Das Konzept kennen wir doch, alte Klassiker, woher auch immer, stilfremd neu einzuspielen und dann mal zu schauen, was übrig bleibt. Funktioniert bei guten Songs tadellos, denn ein gutes Lied ist und bleibt ein gutes Lied, bis wieder eine Staffel von „Superstars“ anläuft und bei einem Themenabend für alle Zeiten vernichtet wird. Aber solange es Bands wie BLACK VELVET FLAG, NUTLEY BRASS oder eben diese gibt, die sich an die Originale mit dem gebührenden Respekt heranwagen, macht es Spaß, einen viel zu oft gehörten Hit von früher einmal in einem ganz anderen Licht sehen zu können. Der Erstling beschränkte sich weitgehend auf Bossa Nova-Versionen und sagte mir überhaupt nicht zu, zumal diese musikalische Verarbeitung absehbar und auf Dauer ziemlich unspannend ist. Diesmal variieren sie verschiedene Stilrichtungen, von Lounge-Bar Jazz bis hin zu leichtem Swing. Musik für Fahrstühle oder den Tanzunterricht (Rumba, Walzer und Cha Cha Cha habe ich mit meinen rudimentären Tanzstundenkenntnissen erkannt), mit der diesmal die großen Hits von Bauhaus (Bela Lugosi’s dead – grandios!), den Cramps (Human fly), Grauzone (Eisbär natürlich, aber da gibt es bessere Hommagen), die Buzzcocks (Ever fallen in love), New Order (Blue Monday), Visage (Fade to grey), Blondie (Heart of glass)  und viele andere neu bearbeitet werden. Das französische Duo hat sich bei der Auswahl offensichtlich etwas gedacht und nicht nur große Songs herausgegriffen, um sie mal kurz durch die Mangel zu drehen. Das beweisen unter anderem die fundierten Linernotes, die auf jeden einzelnen Song (bis auf den Eisbär) eingehen und erklären, welche besonderen Merkmale des Stücks explizit hervorgehoben werden sollten. Ein schöner Spaß, zumal man solche Platten auch bei Gelegenheiten auflegen kann, bei denen die Eltern zu Besuch sind oder um Freunde zu irritieren, die die ganze Nacht nicht richtig schlafen können, weil sie den einen oder anderen Song „irgendwo doch schon mal gehört haben“. New Wave-Klassiker in neuem Gewand, eine andere Form von Retro-Musik, aber warum nicht? Wer die Originale nicht kennt, der sollte sich erst einmal auf dem Flohmarkt mit den nötigen Rohstoffen eindecken, sonst ist der Spaß nur ein halber! (Play it again Sam)

RATCATS-LICENSE TO RUMBLE-LP
Meine Güte, was für ein Scheißcover!!! Als Label hätte ich mich geweigert, eine Platte so zu veröffentlichen, vor allem wenn die Verpackung derart im Gegensatz zum Inhalt steht. Der Armut des Artworks (wenn man das überhaupt so nennen darf), steht die Musik gegenüber, die wirklich nicht von schlechten Eltern ist. Rock’n’Roll-Punk der besseren Sorte, zwischen Kick-Ass-Rock, Rose Tattoo, Hellacopters, frühen Gluecifer und dreistem Diebstahl. Meine Herren, für den unvermerkten Klau des AC/DC Riffs bei „Kick em down“ gibt es definitiv Abzüge, weil es mich fast zehn Minuten meines Lebens gekostet hat, das passende Original auf der „Highway to hell“-LP ausfindig zu machen. Es konnte mit dem Anti-Bush-Song auf dieser LP einwandfrei identifiziert werden. Ansonsten kicken die Jungs ordentlich und sind erschreckenderweise besser als die meisten Mitbewerber, was unterschiedlichst ausgelegt werden kann. Entweder die Konkurrenz lahmt oder sie sind tatsächlich weit besser als der Rest. Nun, was gibt es denn an großen Bands in dieser Schublade? (Hit Me!)

HIDDEN CHARMS-RIGHT NOW!-7“
Trashige 77er Rotzelöffelpunkbands mit gemeiner Orgel sind kein angemeldetes Patent unserer französischen Nachbarn. Das geht auch hierzulande gut! Kopf einziehen, alle Verstärker auf maximale Lautstärke, Augen zu und durchgebolzt. Dann noch etwas Garagencharme und krachige Produktion obendrauf, herrlich! Die Hidden Charms feuern kurz und schmerzhaft mal eben sechs Kracher aus den Rillen, dass einem die Ohren schlackern. Strukturierter und weniger krachig als die meisten Franzosen, aber nicht minder gut. Mich würde interessieren, wie viele Leute stundenlang vor dem inliegenden Lesezeichen gesessen sind und gerätselt haben, wie sie den Hinweis auf dem Pappzettel deuten sollen. Wer sich für Bands wie die Hatepinks begeistern kann, der sollte hier unbedingt zugreifen!!! (kleingeld/my ruin! – myruin.de) 

MANIKINS/BAD PAPERS-SPLIT-7“
Auch eine feine Sache ist diese Split 7“ auf Squoodge. Fraggeliger Hippelpunk von den Manikins, exzellent in Szene gesetzt für alle Zappelphillips dieser Welt. Meine Favoriten sind allerdings die Bad Papers, die gleich zwei knallige Songs abliefern, wobei „I’m oh so wicked“ eine absoluter Hit ist, der durch den leicht verzerrten Gesang eine trashige Note erhält. Schönes Cover, kurze Sache, die so ist, wie jede Single sein sollte: All killers, no fillers. Das perfekte Format, um Bands anzutesten, quod erat demonstrandum. Ach ja, wer sich wundert, warum bei den Bad Papers nur Knistern und keine Musik kommt, der sollte die Nadel vielleicht mal ganz innen auflegen, die Seite läuft von innen nach außen und endet gnädigerweise in einer geschlossenen Auslaufrille. (www.squoodge.de)

ZWEI TAGE OHNE SCHNUPFTABAK-SAME-LP
Sehr selten geworden, dass eine Band ganz ohne Label ihre Platte selber veröffentlicht und vertreibt, aber schön, dass es das immer noch gibt. Debüt-LP der Band, die mir live schon sehr gut gefallen hat und mit ihrer ersten Demo-CD-R schon zu gefallen wusste. Der Sound ist nicht so weit entfernt von den verblichenen Oma Hans, etwas weniger Wipers, ein rauherer, rauchiger Gesang (kriegt jeder hin, wenn er täglich mit Domestos gurgelt) und Texte, die nicht dem Gehirn von Jensen entsprungen sind. Verstanden? Nicht? Großer Mid-Tempo-Punk, erstklassig gespielt, sauber und fett produziert, nicht unähnlich einer langsameren Version von VKJ, zwischen Hamburg, Berlin, Mitte der 80er, Dackelblut, schwerer Jugend, Landluft und einem gediegenen Mopedtreffen. Ich find’s klasse!!! (zweitageohneschnupftabak.de)

BLOODSHOT BILL-LONELY NIGHTS-7“ 
Ganz in der Tradition großer Alleinunterhalter setzt sich dieser Mann aus dem fernen Kanada nur mit einer Gitarre bewaffnet vor ein geiferndes Publikum. Bloodshot Bill kommt aber weitaus weniger lärmig und trashig daher als manch seiner Zunftkollegen und hält sich mehr an traditionelle Stilvorgaben, die am ehesten noch im Hillbilly, Country und Rack-a-Billy zu verorten wären. Könnte auch eine verschollene EP aus den 60ern sein, bei denen irgendein Kuhjunge sich für zehn Dollar mal kurz in ein kleines Sonnenstudio eingemietet hat, um für seine liebste Milchkuh drei herzzerreißende Songs einzuspielen, die Jahre später von den Cramps ausgegraben und wieder neu aufgelegt werden würden. Hat durchaus den Charme von Urvätern wie dem Legendary Stardust Cowboy, dem Phantom oder einem Hasil Adkins. Wenn ich einen Wunsch frei hätte, dann würde ich mir eine bessere Pressqualität wünschen, irgendwie knistert diese EP frisch aus der Tüte schon, das sollte nicht so sein. (www.squoodge.de)

BURIAL-HUNGRY WOLVES-7“ 
Schon merkwürdig, wenn Nachbauten besser als die Originale sind und heute aus dem Westen und nicht mehr wie früher aus Fernost kommen. Da seit Jahren nicht mehr viele aufregende Bands aus Japan kommen (Ausnahmen bestätigen die Regel), wo es doch früher eine ganze Latte gab, die den „klassischen Japanhardcore“ pflegten, herrscht heute weitgehend Leere. Die Upgrade-Version heißt bekanntermaßen Burial und haut auf dieser Heart First 7“ vier Knaller aus den Boxen, wie ihn heute kaum noch Bands von den fernen Inseln zustande bringen. Großes Kaliber, das im Gegensatz zum aktuellen Nippon-Output auch noch grandios produziert ist – früher mal ein Markenzeichen, heute wohl zu teuer. Hartes Brett, das einem Selfish oder Dogma-Release mehr als würdig wäre, kommt außerdem noch mit englischen Texten, die im Gegensatz zu den Vorbildern nicht vor Fehlern strotzen. Stilechte Verpackung mit Sugi-Cover im gewohnt hohen Labelstandard. Live dazu auch noch absolut sehenswert. (www.heartfirst.net)
 
CHINESE LUNGS-GET YER LUNGS OUT!-7“
Der ganze Spaß des Covers erschließt sich nur denen, die das „Jumping Jack Flash“ Originalcover der Rolling Stones-Single kennen. Sehr schöne spiegelverkehrte Hommage, die mit Liebe zum Detail umgesetzt wurde. Wenn Verpackung und Inhalt dann auch noch qualitativ stimmen, dann sind wir happy, so wie bei dieser EP auf Squoodge Records. „Come on“ ist eine Coverversion, aber wie die beiden anderen Tracks am unteren Limit produziert und charmant bis einfach nur gut. Die Chinese Lungs heißen Dich willkommen im KBD-Revival, bei dem nur der Wille zählt, einen guten aggressiven Song ohne viel Schnickschnack und Virtuosität auf eine Platte zu bannen. Der unbestreitbar vorhandene Rock’n’Roll-Einfluss stört dabei keineswegs den Hörgenuss, zusammen mit dem Wissen um die Funktionalität eines Kalenders macht das eigentlich erst richtig Spaß! (www.squoodge.de)

FATALS-GET OUT MY LIFE-7“
Was ist denn jetzt los? Eine Single mit ganzen zwei Songs der Fatals, das sieht erstmal so aus, als wäre die Armut ausgebrochen oder die Jungs hätten sich dazu entschlossen, andere Musik zu machen. Zum Glück wird schon nach den ersten Umdrehung klar, dass das nicht der Fall ist. Es lärmt und scheppert wie gewohnt, lediglich die Stücke sind etwas länger ausgefallen als sonst. „Get out of my life“ ist zudem richtig langsam im Vergleich zum sonstigen Material der Garagentrashkönige (aber nicht minder kaputt). Wahrscheinlich ist diese Single auf dem Cass-Label schon längst wieder ausverkauft und dieses Review wird bei einigen panische Zuspätkommerattacken auslösen, aber hey, mir egal, ich hab das Ding und Krach ist selten „fertiger“ in Rillen gepresst worden als bei den Fatals. Definitiv keine geeignete Platte, um die HiFi-Qualuitäten seiner Anlage vorzuführen!!! Einmal in einem Nobelladen für sündhaft teure Plattenspieler einkaufen und diese Single als Referenz mitnehmen, was für ein Spaß!!! (Cass Records) 

RADIO DEAD ONES-HOLY GHOST-7“
Mit was putzt sich dieser Sänger die Zähne? Gurgelt er jeden Abend mit Borax, 90%igem Schnaps oder hat er eine chronische Stimmbandentzündung? Klingt so kaputt wie Mr. Allin auf seiner letzten Platte, als die jahrelangen Jim Beam-Ölungen endlich Früchte trugen. Die Jungs klingen einer garagigeren Version der US Bombs nicht unähnlich; schöne punkrockige Hymnen, die einen gewissen Mitgröhlcharakter besitzen und im Ohr kleben bleiben. Drogenverherrlichendes Covermotiv, an das wir uns dann erinnern, wenn der erste Herr dieser Band von seinen Entzugsproblemen berichtet oder aber mit einer Nadel im Arm auf einem der vielen Bahnhöfe dieser Welt aufgefunden wird. In der Zwischenzeit machen die Jungs großartige Musik im Midtempo-Punkbereich, auf die sich prima abfeiern lässt. (www.squoodge.de)

TURBOSTAAT-HAUPENTAUCHERWELPEN-7“
Mit dieser EP verabschiedet sich ein Label, das nach der Einstellung des Oma Hans-Betriebes offenbar seinen Lebenswillen verloren hat. Schade eigentlich, denn solange es noch Bands wie diese gibt, die die Tür des Schiffen-Labels mit ihrer 7“ zuschließen, lohnt es sich doch, ein Label zu machen. Nun gut, nicht meine Entscheidung. Drei Songs, wobei nur zwei vollwertiger Natur sind, auf gewohnt hohem Level. Der Titelsong ist ein großer, den man gehört haben sollte ... und dabei auch noch beeilen, denn soweit ich weiß, ist dieses kleine Stück Vinyl auch noch limitert. (Schiffen) 

THERMALS-THE BODY, THE BLOOD, THE MACHINE-CD
Wow, da war es mal wieder, eines dieser viel zu seltenen Plattenauflegegefühle ... Du legst ohne jegliche Erwartungshaltung oder Kenntnis der Band eine Platte auf den Teller, lauscht dem leisen Knistern der Einlaufrille (bei einer CD drückst Du einfach auf den „Play-Button“), hörst die ersten Töne und weißt instinktiv, DAS ist es. Das stimmt der Sound, die Gitarre klingt exakt so, wie Dein Gehör gerade gestimmt ist, die Temperatur liegt im Idealbereich, dazu ist die ganze Welt einfach nur wunderschön. Mit etwas Glück stellt sich noch ein kleines Kribbeln im Nackenbereich ein, und Du packst je nach Musikgeschmack und persönlichen Ausdrucksformen eine Luftgitarre, exzessives Kopfschütteln oder die Tanzschuhe obendrauf. Diese Momente sind bekanntermaßen extremst selten und trennen die wirklich guten Scheiben von denen, die Dich nach einigen Minuten, Tagen oder Wochen wieder verlassen, um im Nichts Deiner Plattenansammlung zu verschwinden. Der „the body, the blood, the machine“ war dieses seltene Ereignis vergönnt, mir den Tag komplett zu erhellen. Hier passt und sitzt einfach alles vom Anfang bis zum Ende. Die Gitarre klingt herrlich schrottig und schrammelig und haut im Minutentakt ohne Energieverlust grandiose Riffs heraus. Die versatzweise Vertrautheit mancher Songs ist so kaputt und derart mit Feedbacks an den richtigen Stellen garniert, wie wir das gerne hören wollen. Das Schlagzeug schlendert geradezu lässig verspielt durch die gesamte Platte, es wird - was selten genug vorkommt, weil es einfach an wirklich guten Schlagzeugern auf diesem Planeten mangelt - als vollwertiges Instrument eingesetzt und hält weit mehr als nur den Takt. Die Stimme des leicht nöligen Sängers verleiht dem Ganzen den Schliff, der das Sahnehäubchen durch allerlei Kurzbesuche artfremder Instrumente erhält, die sich so selbstverständlich in diesen Post-Punk-Grunge-Garagen-Pop einreihen, als wären sie dafür gemacht worden. Soundtechnisch erinnert mich das zumindest stellenweise an das Feeling, das sich beim Anhören der großen Hüsker Dü bei mir einstellte. Zu allem Überfluss haben die Thermals auch noch gute Texte und beschäftigen sich nicht mit irgendwelchen halbpersönlichen Themen oder sonstigen nicht nachvollziehbaren Dingen. Eine großartige Platte voller Hits, die auf Anhieb hängen bleiben und trotz Eingängigkeit auch nach dem zehnten Hördurchgang noch keinerlei  Abnutzungserscheinungen aufweisen. Einfach grandios!!! (Sub Pop)

 

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