RAZORS-SAME-LP
Der überstrapazierte Begriff „Deutschpunkklassiker“ ist hier so
fehl am Platz, wie falsch zugleich. Deutschpunk suggeriert bei mir automatisch
teutonischen Sound oder wenigstens deutsche Texte. Die Razors singen aber
nicht auf Deutsch und der Sound ganz und gar nicht ist „teutonisch“. Zwar
ist es klassischer Punk, aber doch klar orientiert an England oder frühem
US-Hardcore. Ein echter „Hamburg-Klassiker“ wäre treffend, denn die
Bands aus der Hansestadt waren schon immer etwas anders, derber, härter,
früher und auch irgendwie erwachsener. Mein Original, das bereits
1980 auf Rock-O-Rama erschienen ist, habe ich seit 1981 im Plattenschrank
und inzwischen so oft gespielt, daß der Sound der Platte aufgrund
der Lebensweise einer Platte, die oft gespielt wurde, noch härter
und kratziger geworden ist. Die Razors gehören zu den Bands, die ich
nennen würde, wenn mir jemand die Frage stellen würde, welche
Platten und Bands Anfang der 80er „wichtig“ für die Entwicklung der
deutsche Punkszene waren. Um drei Bands aus Hamburg zu nennen, würde
ich mich ohne langes Zögern auf die Buttocks, Slime und eben die Razors
einigen. Gerade die Razors, denn von den genannten waren sie am britischsten,
was cool war, denn die klangen zwar wie Briten, waren aber keine Inselaffen
und steckten locker das Gros der zweiten UK-Welle in die Tasche. Songs
wie „Dope maniacs“, „we love you“, „subway“ oder „enemy“ sind auch nach
22 Jahren noch genial und besser als das Meiste, das heute erscheint und
sich modernster Studiotechnik bedienen darf. Hier geht einfach was, das
holzt, hat Schmackes und es paßt alles! Offizielle Wiederveröffentlichung,
besser so, als ein Boot von irgendeinem Eierkopf, der seine Knisterscheibe
auf eine CD preßt. Hat mich gewundert, daß die LP noch von
keinem als „Fanclub-Pressung“ (Gott, wie ich diese Wortpanscherei hasse)
herausgewürgt wurde. (Vince Lombardy Highschool Records/Mata Hari
– www.mata-hari.de)
V.A.-HAMBURGER OBERSCHULE-LP
Eckehard ist wieder da und Vince Lombardy lebt auch noch! Gut ist das
und es beschert uns weiterhin 1A Platten aus einer Stadt, die eigentlich
immer meinem musikalischen Geschmack getroffen hat. Angekündigt gleich
einer Art „Resteverwertung“ aus den ersten zwei Hamburger Schmuddelkinder-Samplern,
ist das hier ziemlich tiefgestapelt. Reste sehen für mich anders aus,
riechen normalerweise abgestanden oder sie bleiben liegen, weil man das
Beste schon rausgepickt hat. Sieht man mal davon ab, daß man die
Platte auch „Hake’s Klassenfahrt“ hätte nennen können (immerhin
spielt er bei gut 50% der Bands entweder mit oder trinkt deren Backstagebier),
schließt die Platte fast nahtlos an den letzten Sampler der Reihe
an, ohne großartig abzufallen (nur der Sound könnte manchmal
vielleicht etwas weniger kratzen). Norden (die einzige neue Band hier drauf)
machen Lust auf mehr, was hoffentlich auch bald geschieht, das Sheep on
a tree-Puzzle hat zwei fehlende Teile erhalten und dürfte damit endlich
komplett sein (Schande über den, der die LP nicht sein eigen nennt),
3000 Yen runden ihre Geschichte ebenfalls ab undundund ... Zu einer Zeit,
in der Dir jedes zweite Plattenlabel irgendwelche Labelsampler umsonst
in den Arsch schiebt, in der zahllose Benefiz-, Cover- und Themencompilations
erscheinen, ist es schwer, die Relevanz eines „richtigen“ Samplers überhaupt
noch darzustellen zu können. Sampler waren früher für mich
immer eine angenehme (und günstige) Möglichkeit, neue Bands zu
entdecken. Du hast die Platte wegen einer oder zwei Bands gekauft und beim
Hören festgestellt, daß darauf noch vier oder fünf andere
geile Bands zu finden waren, deren bis dato existentes Gesamtwerk sich
im ungünstigsten Fall auf eben diesem Sampler befand. Lange Rede,
kurzer Sinn: Sampler gibt es viele, relevante und Sampler mit schlüssigem
Konzept nur wenige. Hier ist einer davon! Also, kaufen!!! (Vince Lombardy
High School Records/Mata Hari – www.mata-hari.de)
ZEKE-SEASON OF THE WITCH-7“
Hm, riecht nach Zeke, klingt wie Zeke und hat die durchschnittliche
Länge einer Zeke 7“. Zwei Songs nur, das kurze und flotte „Season
of the witch“ (hey, die Etiketten sind vertauscht) und der Rockstomper
„Let’s go“. Vom Tempo her wäre ein Titelwechsel passender gewesen,
aber wen kümmert’s? „Let’s go“ rockt gut ab, hat den richtigen sleazy
early AC/DC-Touch und macht was her. Für die olle 7“ habe ich drei
Wochen auf mein Plattenpäckchen gewartet, aber es hat sich gelohnt!
(Safety Pin)
MISFITS/BALZAC-SPLIT-CD
Wie sieht die Demontage einer einstigen Kultband aus? Vier geile Platten
machen, auf dem Höhepunkt die komplette Band feuern und dann „Blackacidevil“
veröffentlichen?! Nein, das war Danzig! Dann so: Mit einem der meistgebootlegten
und gecoverten Song-Backkatalog starten, nachdem man sich die Rechte am
Bandnamen gerichtlich zurückerstritten hat, zwei beachtliche Platten
veröffentlichen, fast die gesamte Band feuern, anschließend
eine Grabbelcompilation als Vollwertkost verkaufen, um dann nur noch mit
dem Namen alleine Geburtstag zu feiern?! Hier wären wir dann bei dem
Misfits, was grammatikalisch zwar nicht korrekt aber wenigstens sachlich
richtig wäre. Ich will nie wieder „die Misfits“ lesen, wenigstens
so lange nicht, bis Doyle wieder da ist und Jerry eingesehen hat, daß
er nicht wirklich singen kann. Nun, exakt ein Originalmitglied ist noch
übrig, nämlich Jerry Only, der seine Halbglatze langsam mal wie
ein richtiger Mann akzeptieren könnte und sich die Devillock besser
aus seinen Augenbrauen oder den Nasenhaaren flechten sollte. Besser wär
das, so wie jetzt, sieht’s jedenfalls ziemlich scheiße aus. Sein
Bruder Doyle holt derzeit erst einmal sein Sexleben mit einer höchstwahrscheinlich
recht muskulösen Wrestlingmartha nach, was ich ehrlichgesagt auch
sinnvoller finde, statt den Gesangsqualitäten von Jerry Only zu lauschen.
Dem „Misfits“ 25 sind derzeit Jerry Only (Gesang, Bass und Nackenhaaransatz),
Dez Cadena (Gitarre) und Marky Ramone (Farfisa-Orgel ... Schlagzeug natürlich,
was anderes kann der doch gar nicht) und sie basteln an einem Album, auf
das die Welt schon sehnsüchtig wartet, eine 50er-Jahre Coveralbum.
Cool, Jerry versucht die golden Oldies zu singen und über allem steht
das Misfits-Trademark, paßt scho‘.
Genug gelästert! Schließlich haben wir hier eine wahrlich
originelle Platte zu besprechen. Dem Misfits und Balzac nämlich, die
sich (äußerst gewagt und vor allem neu) gegenseitig covern.
Nun ja, Balzac sehen aus wie gutgekleidete und vor allem noch frisierbare
Misfits, kommen aus Japan und sind dort der gelungenste Nachbau in der
Kategorie Horrorpunk. Inzwischen klingen sie nicht mehr ganz so roh wie
am Anfang und sind etwas poppiger geworden, aber sie sind irgendwie „mehr“
Misfits als „dem Misfits“ 2002 selbst! Immerhin ganze 8 Minuten geht dieses
„Juwel“, bei dem man schon ganz genau hinsehen muß, bis man begreift,
daß es sich nicht um eine reine Balzac-Single handelt, denn beim
ersten Stück ist dem Misfits am Werk, Gesang und so, nicht die Japaner!
Klingt dennoch wie das Original von Balzac, etwas wuchtiger und fetter
im Sound, aber ansonsten völlig unnötig, daß man das Stück
nochmal aufgenommen hat. Ja, Balzac haben sowieso Misfits-Stücke in
ihrem Set und nehmen sich zwei der neueren Songs, nämlich „The Haunting“
und „Don’t open til doomsday“ in einem Medley zur Brust. Klingt dann auch
so, wie man es erwartet, wenn Japaner Karaoke singen, ohne wirklich Englisch
zu verstehen. Hingebungsvoll und echt dedicated, aber eben immer so, daß
der eigentliche Sinn dabei ein wenig auf der Strecke liegen bleibt.
Erschienen ist dieses Prachtwerk parallel in Japan und in den USA, jeweils
mit anderem Coverschriftzug und leicht anderem Mix (für die Sammler
eben) auf dem jeweilig ansässigen Label. Ich sach mal, so unnötig
wie ein drittes Ei im Sack! (Misfits Records/Diwphalanx Records)
BALZAC-TERRIFYING!-2xCD-BOX
HUI, das sieht mal edel aus! Zwei CD’s in einer nobel aufgemachten
kleinen Box (innen wie außen vollfarbig bedruckt), zwei CD’s in separaten
Papphüllen, Booklet und Flyerschnickschnack. Fein und natürlich
nicht ganz billig, weil ja zwei Silberlinge drin sind, die einmal 42 Minuten
und einmal 24 Minuten gehen. ... „Ääääh, Moment!“ Aber
ja doch, das HÄTTE auf eine CD gepaßt, noch lockerer, wenn man
die Songs abzieht, die wie bei allen anderen Balzac-Veröffentlichungen
davor auch, schon auf anderen Tonträgern in etwas unterschiedlichen
Aufnahmen bereits veröffentlicht wurden. Schwammdrüberblues gesummt
und zur Strafe einen Baum adoptiert! Vielleicht soll so der Eindruck geschaffen
werden, daß diese Box ursprünglich als zwei verschiedene Alben
hätte erscheinen sollen, was mit 24 Minuten ja auch der durchschnittlichen
Spieldauer der bisherigen Alben entspricht. Musik!!! Balzac treten optisch
wie der Japannachbau der Misfits auf, sehen schmächtiger aber stylisher
aus und sind in Japan wohl auch eine der Großverdienerbands. Textlich
gibt es viel japanenglischen Kauderwelsch, der alles mögliche bedeuten
kann – ich kann’s jedenfalls nicht lesen – titeltechnisch das altbewährte
Horrorszenario mit den üblichen Filmtitelzitaten, die auch schon mal
neueren Datums sein können. Musikalisch aber sind Balzac weitaus vielfältiger
als die amerikanischen Vorbilder und zaubern auch mal einen Song aus der
Hüfte, der auch einer Band wie Rob Zombie oder den Nine Inch Nails
nahe kommt. Auf der anderen Seite stehen die klassischen Misfits-Backingvocalchöre,
die sich teilweise mit Fat Wreck-Sound mischen. Alles irgendwo, irgendwie
schon einmal gehört, aber wenigstens nicht in dieser Mischung, bei
der Du nacheinander durch einen executeartigen Misfitssmasher, nen fatwreckigen
Misfitssmasher, Remix eines misfitsartigen Smashers, einen Nine Inch Nails-Song
und anschließend wieder durch einen japanohardcorigen Misfitssmasher
gejagt wirst. Klingt fast wie ein Sampler und ist soundtechnisch absolut
Top on state of the art! Yeah, Balzac sind derzeit die besten Misfits-Lookalikes
und in der Schönheit dieser Box auch noch jeden Yen wert! Auch bemerkenswert:
Bei den Credits sind die Haarstylisten extra aufgeführt. Auf alle
Fälle besser hier angelegt, als sich eine Telekom-Aktie zu kaufen!
(DIWPHALANX)
PANDEMONIUM-SEX, DRUGS, STOCKS-2xCD
Wer in den Jahren 1981-1986 irgendwo in Europa in die aufkeimende Hardcoreszene
involviert war, sei es als Fanzinemacher, Kleinvertrieb, Konzertveranstalter
oder als Tapetrader, der stieß früher oder später zwangsläufig
auch auf Pandemonium. Es gibt nur sehr wenige Bands, die man nennen kann,
wenn es darum geht herauszufiltern, welche der unzähligen Bands wirklich
die Aufbruchsstimmung lebten und musikalisch umsetzten, die damals spürbar
war. Bands, die HARDCORE waren und nicht nur spielten! Bands, die man einfach
sehen MUSSTE, weil sie wie das Epizentrum der aktiven Szene schienen, ohne
das als eine Art Markenzeichen vor sich herzutragen. Die meisten dieser
immens wichtigen Bands, die die Grundlagen für die heutige Szene erst
schufen, die die Saat ausbrachten, aus denen sich ein weltweites und funktionierendes
Netzwerk aus Veranstaltern, Konzertorten, Heften und Vertrieben entwickeln
konnte (ohne die Früchte einzubringen) waren fast immer von relativ
kurzer Lebensdauer. Und noch weniger dieser Bands waren „die ersten“! Die
Ersten, die in einem frischbesetzten Haus spielten, für die ein bis
dahin biederes Hippiejugendhaus mit Bastelkurs und Teerunde zum allerersten
Mal zum Konzertort umfunktioniert wurde und von den fünfzig Konzertbesuchern
die Hälfte anschließend anfing irgendetwas selber zu machen,
sei es ein kopiertes Heft oder einen Cassettenvertrieb mit Tauschware.
Die Stimmung in das Jahr 2002 zu transportieren, die damals bei solchen
Konzerten spürbar war, wird sicherlich unmöglich sein. Wer zu
der Zeit nicht dabei war, der kann nicht verstehen, wie viel Energie, wieviel
Power in diesem krachigen Sound von Pandemonium wirklich steckte, die zu
diesen wenigen Bands gehörten, die Häuser, Städte und Jugendzentren
„entjungfert“ haben. Vier normalaussehende und freundliche Niederländer,
die mich 1983 oder 1984 in Pforzheim mit ihrem Sound regelrecht erschlagen
und mit anderen vom Deutschpunk „geheilt“ haben. Hier ging es weder vorder-
noch hintergründig um Geld, Ruhm oder Ehre, das war grundehrlich,
sympathisch und einfach direkt in die Fresse. Ja, so hat Hardcore in Europa
ausgesehen, szeneübergreifend und szenebildend, als die Nietenkaiser
noch neben den Stirnbandträgern standen. Geschichtsunterricht mit
dem Vinyl-Komplettwerk von Pandemonium, dem ersten Demo und einem kurzen
Livevideo nebst passender Aufmachung. Kann musikalisch heute nicht mehr
töten, aber auf einer billigen Schepperanlage klingt das immer noch
wie eine Blutorgie! (Coalition Records – www.coalition-records.com)
FEEDERZ-TEACHERS IN SPACE-CD
Alt aber gut! Nachdem die erste Feederz schon als CD wiederveröffentlicht
wurde, liegt nun auch dieses Prunkstück us-amerikanischen Provopunks
wieder als bezahlbarer Tonträger vor. Im Gegensatz zu den wirklich
nihilistischen Negative Trend oder den Bands auf Erkan und Stefan Niveau
wie die Mentors oder die Meatmen, hatten die Feederz eine einzigartige
Mischung aus purer Lust an der Provokation, echtem Anliegen, Witz und intelligentem
Vorgehen. Zudem haben sie musikalisch auch noch etwas zu bieten, etwas,
das mir bei den Mentors oder den Meatmen teilweise zu kurz kam. Bösartiger
Humor trifft auf guten US-Frühpunk und der Titel spricht zusammen
mit dem Cover dabei schon für sich – „Teachers in Space“ ziert das
Bild der explodierenden Challenger-Raumfähre. Für die Jüngeren
und Desinformierten: An Bord war eine Astronautin, die vor Ihrer kurzen
kometenhaften NASA-Karriere als Lehrerin gearbeitet hat! So, Witz erklärt,
Joke zerstört! Sehr angenehm, die Feederz haben etwas gegen Platzverschwendung
und füllen die CD mit einem einzigartigen Video eines Livegigs aus
der Gilman-Street, der nicht ganz den Vorstellungen einiger Besucher entspricht
und irgendwie endet, weil einige es wohl nicht lustig finden, daß
die Band mit toten Tierkadavern auf die Besucher wirft. Einzigartige Band,
die Tonträger seien ausdrücklich empfohlen, schon als Lesson
in Sarcasm! DAS war Punk, nicht irgendwelche beknackten Stücke über
Pubertätsprobleme und Chicken wie heute. (Broken Rekids – www.feederz.com)
NECROS-MAUMEE CITY MADHOUSE-DO-LP
Der dritte oder vierte Necros Boot mit allem was man „braucht“. Ich
sag es ungern, aber wenn Touch & Go, die die Rechte an den Necrossachen
haben, es seit über 10 Jahren nach der ersten Ankündigung einer
Necros-Discographie nicht hinbekommen, etwas zusammenzubasteln, dann wundert
es nicht wirklich, wenn solche Sachen wie diese hier wuchern. Die Necros
waren eine der besten frühen Hardcorebands, kurz, knackig und exakt
auf den Punkt (zumindest was die „Conquest for death“ LP und die zwei 7“s
nebst Samplergedöns angeht). Diese Doppel-LP ist ein ziemlich häßlicher
Auswurf der ganzen Geschichte und kann in Punkto uninspirierter Aufmachung
eigentlich gar nicht mehr unterboten werden. Das „Coverartwork“ besteht
aus einem weißen kopierten Zettel, auf dem lediglich die Tracks und
die Quelle aufgelistet sind, mehr nicht. Liebloser geht es nun wirklich
nicht mehr ... was als „Complete Studio Discography“ dargestellt wird,
ist um zwei Songs zu kurz (der Song der „Process of Elimination“ und die
eine Seite der „Conquest for death“ 7“ fehlen, beide sind zwar auch auf
der LP, aber anders abgemischt), dafür gibt es die überflüssige
und metallastige „Tangled up“, die nun wirklich niemand braucht und einen
kompletten Livegig, der qualitativ wenigstens richtig gut ist. Wäre
schön, wenn man den aus Platzgründen nicht stückchenweise
zusammengeschnitten hätte, was an manchen Stellen etwas aufstößt.
Für den „Fan“ stellt sich schon die Frage, ob er die Platte wegen
des Livegigs, der genau eine Seite füllt, unbedingt braucht. Mir erschließt
sich der Sinn dieser Scheiben auch nicht ganz. Warum keine Doppel-EP mit
diesem Gig und den paar „Early Days“-Tracks, statt eine Doppel-LP für
schweineteuer mit ohne Cover und Löchern im Komplettwerk? Ich befürchte
nur, daß in dieser Hinsicht noch wesentlich mehr unsinnige Bootlegs
auftauchen werden.
GG ALLIN-VIOLENT BEATINGS-CD
Irgendwie nimmt das Ausschlachten kein Ende beim alten GG. Vielleicht
holen ein paar Weggefährten auch nur das nach, was an ihnen vorbei
durch die Adern von GG gepumpt wurde, oder halten sich posthum schadlos.
Das hier war auf alle Fälle eine der schlechteren 7“s, die mit ein
paar Aufnahmen aus den Suicide Sessions auf halbe CD-Länge gepumpt
wurde. Ursprünglich war das hier die „Watch me kill“ EP (GG und Speichellecker
Mark Sheehan mit ein paar Namenlosen), die man einmal gespielt und dann
in den Schrank gestellt hat. Was wohl aus Mark Sheehan geworden ist? Der
Typ war einen Weile lang nervig präsent und dann, flutsch, weg von
der Bildfläche. Ein selten untalentierter Typ mit unvergessenem Mittelscheitel,
der den musikalischen Tiefpunkt von GG‘s Musikerkarriere mitsamt den ziemlich
unhörbaren Platten markiert. Ja richtig, alle Platten, die GG mit
Sheehan gemacht hat, sind einfach grottenschlecht. Sei’s drum, hier gibt
es krachige Übungsraumaufnahmen, die eigentlich auf keine CD gehören,
lediglich einen Teil der Suicide-Sessions (2nd Takes oder „No room“ fehlen
ganz) und eine informative ehrfürchtige Aufmachung, die an plumpe
Leichenschänderei grenzt. Ausschließlich für GG Fans, die
sonst schon alles haben und ihr Geld stapeln müssen, weil sie sonst
nichts mehr brauchen. (ACME)
CRADLE OF FILTH-LOVECRAFT & WITCH HEARTS-2xCD
Das Music For Nations Testament, das einerseits absehbar war, andererseits
aber auch besser ausfällt, als man es erwarten durfte. Nachdem die
Band ihren Vertrag mit MFN erfüllt hat – ja, das klingt schon fast
wie Frondienstleistung, nach deren Erfüllung man aus der Sklaverei
entlassen wird – und zu neuen Ufern mit anderer Plattenfirma gesegelt
ist, war es nur logisch, daß Music For Nations nochmal final ihren
Gaul ausschlachten wollten. Aber zum Glück ist es keine reine „Best-Of“
geworden, die beschränkt sich lediglich auf die erste CD und ist wohltemperiert
und wohlfeil ausgewählt, wenn der gewöhnliche Schmutzfan das
auch alles schon zur Genüge hat. Die zweite CD ist der lohnende Teil
und setzt sich aus seltenen Samplertracks, verstreuten und schweineteuren
Bonusstücken der bekanntne Cradle Extravaganzaeditionen zusammen und
spart eine Menge Geld, denn um dieses Material zusammenzusammeln, bedarf
es schon eines kleinen Vermögens. Abgerundet wird es durch ein dickes
Booklet, einem Ausfaltposter mit allen Texten und dem erwartungsgemäß
bösen Artwork, das die Band neben der Musik schon auszeichnet. Zur
Musik muß ich wohl nicht viel schreiben, Cradle sind eine Ausnahme
unter den Heerscharen der ich-wär-so-gerne-evil-Bands, musikalisch,
soundtechnisch und optisch. Man mag sie oder man mag sie nicht, dazwischen
gibt es nichts und solche Bands sind nun einmal interessant. Nun das Dumme
an einer Veröffentlichung wie dieser: Für die zweite CD bin ich
dankbar, aber die Sachen der ersten CD habe ich alle. Dem Einsteiger wird
es später ebenso gehen, denn wenn er mit dieser CD anfängt und
sich infiziert, dann wird er früher oder später die erste CD
ebenfalls nicht mehr brauchen. Wäre der erste Part durchgehend live,
dann hätten alle was davon. (Music For Nations) |