REVIEW MEINE OHREN
Juni 2003

MINOR THREAT-FIRST DEMO TAPE-7“
Die normative Kraft des Faktischen! Was blöd und geschwollen klingt, läßt sich aber mit weniger Worten nicht präziser ausdrücken. Die erdrückende Last dessen was ist, führt unmittelbar zu einem Ereignis. Hier gab es vorab gleich drei bis vier Bootlegs, zig mal kopiert, zu schnell aufgenommen, übersteuert und rauschend auf der einen Seite, die offizielle Single derselben Aufnahmen, wie frisch aus dem Studio, garniert mit ein paar netten Fotos, die den Bewahrern des Minor Threat-Mythos die Angstperlen auf die Stirn treiben dürften und vor allem Dingen günstiger als jeder der einzelnen Bootlegs, auf der anderen Seite. An die Aufnahmequalität dieser EP reicht kein Boot, die Aufmachung ebenfalls nicht und so frisch wie hier klingt auch keiner der Nachahmer. Pure Nostalgie, aber schöööööön! Acht Songs, acht Knaller, die man in anderen Fassungen schon hat, aber was soll’s, man kauft sich soviel Scheiß, da kann’s auch mal eine alte Platte sein, bei der man auf Anhieb weiß, daß das Ergebnis stimmt! (Dischord)

BELLRAYS-GET IT RIGHT-PICTURE 7“
Knorke Picture-Disk, die trotz fettem Vinyl schon von Haus aus etwas knistert. Grandioser Soul-Punk mit einer mächtigen Sängerin, die mindestens von einem der großen Soul-Väter gezeugt wurde. „Get it Right“ ist ein echter Smasher, roh, ordinär und krachig. Da möchte man fast eine Zweitwohnung in Harlem anmieten, sich auf Soulbruder tätowieren oder in einem Sonnenstudio verzwiebacken lassen. Aber mit sowas macht man keinen Spaß, schließlich hätten ein paar Leute aus Harlem viel lieber eine Zweitwohnung auf dem Land und keinen Bock auf Soulbruder und Sister. Die Flipside mit „Break the Chain“ ist geradezu ruhig und leicht verdaulich, könnte auch vor vierzig Jahren auf Motown erschienen sein, wohingegen „Get it Right“ zu der Zeit einen Aufstand ausgelöst hätte. Was die Bad Brains mit Reggae und Punk gemacht haben, das machen die Bellrays mit Soul und Punk. Hübsche Sache, große Band!!! (Holy Cobra Society)

ANTISEEN/LIMECELL-SPLIT-7“
Läuft gerade gut für Antiseen, die es aber für meinen Geschmack ein wenig übertreiben, mit allem was gerade von denen wieder und neu veröffentlicht wird. Das hier ist neu und die Verneigung vor den frühen Mod-Bands von der Insel. Antiseen knüpfen sich Destroyer von den Kinks vor (das überdeutlich exakt dasselbe Riff wie ihr anderer Hit „All day and all of the night“ verwendet, inklusive Bass). Immerhin, die Songs der Kinks sind so gut wie unkaputtbar, wobei Antiseen dem Song nocht etwas räudiges mit auf den Weg geben. Von den Kinks sei die Live-Doppel-LP „One for the road“ empfohlen, die alles enthält, was man von den Kinks gehört haben kann oder muss. Limecell widmen ihren Tribut den Who und stampfen sich durch „The seeker“, der im Gegensatz zu anderen Who-Songs noch nicht totgecovert wurde. Schickes Coverartwork und nette Fotos runden das Ganze ab. Geht ok! (Steel Cage records)

ANTISEEN-DRASTIC/E.P. ROYALTY-2x7“
So, hier ist das kleinzöllige Frühwerk von Antiseen, das Dank TKO wieder für einen erschwinglichen Preis zu haben ist. Die ersten beiden Eps, die in kruder Form schon alles haben, was Antiseen seit nunmehr zwanzig Jahren in beeindruckender Konsequenz durchziehen. Unkomplizierter auf die Fresse-Stampf-Punk mit einer Attitüde, die andere im Laufe von zwanzig Jahren längt verloren hätten, eine kratzige Fräsgitarre und die geölte Stimme von Jeff Clayton, der auf der ersten EP noch ohne Backenbart zu sehen ist. In der Tat, der Mann hat ein Kinn! Auf der „Drastic“ suchen die Jungs noch und auf „Royalty“ haben Antiseen schon „ihren Sound“ gefunden. Ach ja, den nimmermüden Zweiflern über die politischen Ansichten der Band, denen, die nur zu gerne vorschnell urteilen, empfehle ich dringend diese Doppel-EP und einen Blick auf den Bassisten Marlon Cherry (netter Afro der bei drei Langhaarigen irgendwie heraussticht). Schon klar, warum Antiseen keinen Bock haben, auf blöde Fragen schlaue Antworten geben zu müssen. (TKO)

OIRO-ANDY IST NICHT MEHR IN DER GANG-7“
Die ganze Begeisterung um diese Band verschließt sich mir völlig. Klingt, riecht und schmeckt wie eine preiswerte Kopiershopausgabe von Dackelblut, Angeschissen, das Moor und Oma Hans, ohne das Quentchen Eigenständigkeit, das die Sache vielleicht noch hätte retten können. Textlich gibt es zwar Unterschiede, aber wenn Texte im Stil von Berufsjugendlichen – jugendlich sind die Herren beileibe nicht mehr – alles sind, dann wird sich mein Eindruck auch nicht ändern. Entzieht sich gänzlich meinem Empfinden für Gut oder Schlecht, ohne jenseits von Beidem zu sein. Kurz: Arm! (Flight 13)

THE WIFEBEATERS-CHILD MULLESTATION-7“
Dass hier einzig und alleine auf der Provoschiene gepunktet werden soll, wird spätestens dann klar, wenn man nach der gelungenen Verpackung und dem stimmigen Artwork nebst den Rubbeltattoos „Women are property“ die Platte auflegt und feststellt, daß man sich ziemlich überdeutlich an den Vorbildern der Mentors orientiert, die musikalisch noch vergleichsweise grazil gegen die Wifebeaters wirken. Netter Versuch, Jungs, aber soundtechnisch und musikalisch kann die Sache nicht wirklich überzeugen, außerdem stehen da die Mentors mit El Duce, Sickie Wifebeater und Dr. Heathen Scum in meinem Schrank, die haben die Nummer schon vor zwanzig Jahren abgezogen und bis zur Perfektion ausgereizt. Für Nachschlag besteht eigentlich kein Bedarf.

THE ACCIDENTS-ONE OF A KIND-7“
Aber holla, da tut sich was! Angeblich Schweden, die wie eine rock’n rollige Mischung aus Antiseen, beschwingtem Bluespunk, frühen AC/DC, der besten Essenz aus dem gesamten Schwedenrockgedöns und guten Rose Tattoo klingen, und das ohne jeden Flachs. Hier bahnt sich Großes an, denn von den sechs vertretenen Songs sind hier gleich vier echte Knallerhits! Soll keiner sagen, er wäre nicht gewarnt worden. Rot-schwarzes Vinyl gibt’s obendrauf. (Devils Shitburner Records)

GORILLA AKTIV-NUR FÜR ERWACHSENE-7“
Ein weiteres Produkt aus dem Hause „Was Soll Das? Schallplatten“, das unermüdlich und unbeugsam ein um das andere Mosaiksteinchen in das Puzzle der frühachtziger Cassettenszene einfügt. Hinter Gorilla Aktiv steckte 1982 ein junger Mann, der heute mit 2Raumwohnung internationale Anerkennung, Geld, Ruhm und Loorbeeren erntet. Umso erstaunlicher ist es, daß jemand, der es nun eigentlich gar nicht mehr nötig hat, seine „Jugendsünden“ zu offenbaren, einem kleinen Label die Erlaubnis gibt, sich über seine ersten Gehversuche herzumachen, um diese in einer verschwindend geringen Auflage der interessierten Fachwelt zu präsentieren. Eigentlich ist es aber nicht wirklich erstaunlich, denn der junge Mann muß sich ja für nix schämen. Seine ersten Taten gehören spielend leicht zur Creme der Subkulturabteilung der NDW, die sich allenfalls auf C-15 bis C-35 getroffen hat und vielleicht noch in der Sounds oder Spex ein paar nette Worte einheimsen konnten. Minimalelektronik zwischen den Krupps (Montagehalle) und tanzbar (Kopf und Bauch), nicht unähnlich ZSKA. Feine Sache, die wie immer bei diesem Label zur Eile gemahnt, denn die Auflage ist klein und weg ist weg. (Was soll das? Schallplatten)

VOLT-COUPLES-12“
Coole Sache das! Harte monotone Elektrobeats mit fetter Gitarre und eingängigem männlih/weiblichem Wechselgesang. Aber nix da „No Nave“, denn die drei Gestalten kommen aus Frankreich und kümmern sich wahrscheinlich einen Scheiß um solche Labels. Am ehesten noch vergleichbar mit der „deutschen Schule“ die sich zwischen Atari Teenage Riot, NDW-Pionieren (Plan, DAF) Stereo Total bewegt und dem was Kathleen Hanna derzeit mit Le Tigre macht, selbstverständlich aber alles mit Gitarre und einer frischen Portion spaßiger Aggressivität. Sehr genial das Ganze, extrem tanzbar und eben richtig fett. Alleine das Titelstück, in dem es um eben Paare geht, lohnt die Anschaffung („... Adolf und Eva ...“). Mit „Volt!“ (Volt ... Revolt!) gibt es einen weiteren Smasher, der diese Platte für alle, die es ein wenig elektronisch mögen, zu einem absoluten Muss macht! (Volt Schallplatten Klub/Polly Maggio Records)

DIE RADIERER-COWBOYS AUF ZEBRAS-LP
Hmm, die hatten doch schon eine 10“ auf diesem Label?! Und dann gleich 350 Exemplare von dieser „Best-Of“-Platte. Werden wir jetzt erfolgreich, verkaufen wir diesmal schon 350 und morgen die ganze Welt?! Machen wir jetzt pures Recycling aus alten Kamellen? Setzen, Maul halten und zuhören! Angesichts der Tatsache, daß es von den Radierern exakt NULL verfügbare Platten gibt, wäre eine „Best-Of“ ein Anfang. Aber die Radierer wären nicht die Radierer, wenn diese Platte nur eine Zusammenstellung der verschiedenen Veröffentlichungen wäre. Etwa die Hälfte des Materials gab es nie auf Platte (1. unveröffentlichte Single, Demo) oder nie in der Form (Live Ratinger Hof) zu hören. Der Rest ist in der Tat von alten Zick Zack-Platten, die Du hast oder eben nicht mal für viel Geld bekommst, weil sie superselten sind. Den seltsamen Humor der Radierer versteht man entweder als Punk oder man versteht ihn eben nicht und scheitert damit wieder einmal mehr an einer polarisierenden Band, die sehr gut mit dem klarkommt was sie macht. Und da die Radierer sogar wieder auftreten, kann man die 350 Exemplare, die zum ersten Mal auch an Leute gehen, die sich die Platten nicht nur einfach so in den Schrank stellen, weil sie selten sind, durchaus nachvollziehen. Sieht dazu schnieke aus und hält weiterhin den hohen Standard, den sich dieses Label selbst auferlegt hat. Musik? Wer die Radierer 2003 noch nicht kennt, der braucht sie auch nicht mehr kennenzulernen! Basta! (Was soll das? Schallplatten)
 

MARILYN MANSON-THE GOLDEN AGE OF GROTESQUE-CD+DVD
Klingt nicht wesentlich anders als die letzte Platte „Hollywood“, nur mit noch etwas weniger Instant-Hits als der Vorgänger. Willkommen im selbsterschaffenen Establishment, bei der Überraschungen so gut wie ausgeschlossen sind und eigentlich auch nicht erwartet werden. Die DVD birgt einen überlangen Videotrack, bei dem Mr. Manson sich mit unbekleideten Schönheiten und kargem Licht ein wenig herumbewegt, das war’s dann aber auch schon. (Nothing)

PLACEBO-SLEEPING WITH GHOSTS-CD
Klingt exakt wie die perfektionierte Zusammenfassung der drei Vorgänger, die man nochmal neu aufgenommen, verbessert und poliert hat. Quasi ein „Best Of“ ohne einen bekannten Song zu hören. Keine große Überraschung, aber guuuuuuut! Ein dickes Minus für den blöden Kopierschutz, der Cassettentäter und Analogaufnehmer einen feuchten Schmutz kümmert! (Virgin)

JOHNNY CASH-LAST MAN STANDING aka AMERICAN OUTTAKES-CD
Ein Bootleg, jaja, aber einer der ganz wenigen, den man unumwunden und ohne Zögern absolut empfehlen kann. Hätte man die erste American Recordings zu einer Doppel-LP/CD gemacht, dann wären diese Stücke höchstwahrscheinlich die zweite Platte gewesen. Gänzlich unveröffentlichte Stücke aus den Sessions zur ersten American Platte, nur Johnny, seine Gitarre und diese einzigartige Stimme mit großartigen Songs, die dem offiziellen Material in jeder Weise ebenbürtig sind. Aufgenommen wurde das Ganze in Rick Rubins Wohnzimmer, das offenbar Studioqualitäten besitzt. Die Songs sind genial, der Sound glasklar und man fragt sich, warum diese Stücke nicht offiziell erschienen sind! Auf „American Outtakes“ gibt es nur die Songs dieser Session, auf der „Last Man Standing“ hat man noch die zwei Vinyl-Only Tracks der letzten Cash und ein paar ältere Songs gepackt, um die CD als solche etwas zu füllen. Grandioser Boot, den es auf jeder Börse und in jedem Onlineauktionator für ein paar Dollar geben sollte.

BALZAC-BEWARE OF DARKNESS-MINI-CD
Fünf neue Songs, aufgefüllt mit sechs Livestücken in erstklassiger Qualität. Gewohnt exquisite Aufmachung und musikalisch die besseren Misfits, wobei man von den Texten so gut wie nix versteht. Aber egal, die Japaner wissen wo der Glenn seinen Most braut, sehen cooler aus als „der Misfits“ und touren derzeit mit dem Zirkus in den Staaten. Wenn ich das richtig verstanden habe, sollen die Herren im Herbst auch mal den alten Kontinent besuchen, eine gute Gelegenheit, sich mit dieser Platte einzustimmen. (Diwphalanx)

DEAN DIRG-9 REFRESHING WAYS TO SAY FUCK OFF-10“
Mehr als den Titel möchte ich gar nicht erwähnen, denn der ist Programm. Kurze und knackige Mittelfingermusik, den Hippriests von Gestus und den frühen Crime Kaisers musikalisch nicht unähnlich. Nette Verpackung zum Königsformat. Kleiner Geheimtip! (Jugendbande Records)

BANGLES-DOLL REVOLUTION-CD
Auch ein fettes Minus für den „Kopierschutz“ als Covermotivbestandteil. Ansonsten hat sich bei den Bangles überhaupt nichts verändert seit den geschätzten einhundert Jahren zwischen dieser und ihrer letzten Platte. Nach wie vor charmanter Mädelspop, mit etwas Punk und bis zum Anschlag unterbewertet, was sich mit dieser CD sicherlich nicht ändern wird. Ich mag’s immer noch, so wie die Go Go‘s und eben die alten Bangles, die nur einen Fehler hatten, den „einen“ Hit nämlich, der bis zum Erbrechen totgenudelt wurde. Jetzt sind sie gestandene Mütter (immer noch lecker) und machen mit ruhiger Hand dieselbe Musik wie früher. Pop! (Liberty)

ATOM AND HIS PACKAGE-ATTENTION! BLAH BLAH BLAH-CD
Wie die letzte Mini-CD (Hamburgers), derselbe Humor, dieselbe Kerbe, bleibt einfach unnachahmlich und unerreicht gut! (Hopeless Records)

SCHNELLER AUTOS ORGANISATION-WORLD-LP
Nimm die ruhigen Songs von Dackelblut/Oma Hans, addiere ein wenig Elektronik, streiche Jensens Texte und Stimme, ersetze sie durch verständliche Gedankengänge und einen Sänger, der mich am ehesten an die zweiten „Wut“ (die aus Wuppertal, mit „Deutschlandpogo“, nicht die nicht die aus Gelsenkirchen) erinnern. Das Ganze gibt es gepresst in 180g Vinyl, mit einem „Buchlet“, bei dem die 70er layouttechnisch völlig selbstverständlich erscheinen. Dazu noch großartige Songs, alle Achtung! Gute deutschsprachige Platte, völlig frei von der „Hamburger Schule“, unverkrampft unnostalgisch und irgendwie „neu“. Alle Achtung, das hier ist richtig gut!!! (PolPop)

ODDBALL’S BAND-FUCKED UP RIGHT-10“
Die gibt’s ja auch noch! Haben den Rekord als Band mit den meisten Zehnzöllern der Jack O Fire mittlerweile eingestellt. Die 10“ lässt sich mit zwei Worten zusammenfassen: „Wie immer!“ Wie immer erstklassiger Bluespunk, wie immer mit einem entsprechenden Hitpotential, wie immer schnieke Aufmachung, wie immer den Kauf wert, wie immer mehrfach abspielbar, wie immer mit neuem Label, wie immer gut! Gut, daß es die noch gibt, weil immer wieder gut! (Weird Science) 
 

 
 

back nach home