REVIEW MEINE OHREN
Juni/Juli 2007
 
DIE PRINCESS DIE-LIONS EAT LIONS-LP
Wow, eine Scheibe, die zu keiner Sekunde langweilig wird und dabei nicht von der Sorte „zerfahrener Krach von Dilletanten mit Hochschulferien“ ist. DPD pumpen, britzeln, setzen elektronische Elemente ein und klingen wie keine andere Band, die mir geläufig ist. Zwischen Drive Like Jehu (schon wieder, Gesang und manche Passagen), vielleicht VSS, Locust, Mars Volta, aber auch nur, weil das zufällig mit dem Labelkatalog von GSL zusammenfällt. Durchgehend tanzbar und begeisternd, kann ebenso in einem kleinen schwitzenden Club zur Ekstase führen, wie auch auf einem riesigen Festival! Wenn dabei noch Kunstblut aus der Sprinkleranlage spritzt, dabei alles in Zeitlupe abläuft, umso besser, Blade betritt  den Schuppen und bekommt endlich was auf’s Maul. Phantastische Produktion, großartige Sound zu einer wahrlich aufregenden Platte. Das will ich live sehen!!! (GSL)

DIVEBOMB HONEY-SOMETHING’S GOIN ON-7”
Ahem, der Gesangsduktus des Titelstücks ist “Whip it” von Devo so ähnlich, dass ein Plagiatsvorwurf wohl nicht allzu lange auf sich warten lassen dürfte. Immerhin geht beim  zweiten Song nicht gleich eine Erinnerungslampe an. LoFi-Version der Epoxies, wesentlich garagiger produziert, ansonsten aber nicht allzu weit von denen entfernt. Durch die Sängerin und die Orgel gehen auch noch ältere Bands als Reminiszenzen, wie die Bags oder die Nuns, nur eben viiiel weniger Stereo. Könnte ruhig noch etwas reifen! (myspace.com/thedivebombhoney)

JAY REATARD-IN THE DARK-7”
Trotz des immensen Outputs dieses zornigen jungen Mannes bleibt festzuhalten, dass das Niveau weiterhin überdurchschnittlich ist, oder besser gesagt so eigenständig, dass er ruhig weitermachen kann. JR veröffentlicht hier drei völlig unterschiedliche Songs, von denen der erste 77er Punk mit einem leichten New Wave-Touch ist, sehr atmosphärisch und schön, die B-Seite ist einmal kratzig und unterkühlt, alle zusammen haben gemeinsam, dass sie so klingen wie der einsame Wolf, der die kahlen Wände seines Kellers anheult. Sehr schön, sehr gut und wie immer bei Squoodge liebevoll aufgemacht. (Squoodge.de)

LES SAVY FAV-ACCIDENTIAL DEATHS-7“
Rerelease einer ultralimitierten australischen Tour-Single, auf der Les Savy Fav eine ganz andere Seite zeigen. Ruhig und gediegen, keinerlei Lärmeskapaden, keine Ausbrüche, hier wird Spannung durch ein anschwellendes Klavier erzeugt und sich so weit in Indie-Emogefilde vorgerobbt, bis das Eis bricht. Sehr, sehr genial und wie gesagt weit von dem entfernt, was die Herren bisher verbrochen haben. Eine neue Platte könnte ruhig auch mal kommen! Coverartwork ist übrigens keines vorhanden, die Hülle malt ein Junkie auf Turkey  in zwei Minuten. 

OPERATION S-JE VOIS DES GENS-7“
Die Franzosen sind auf einem US-Label gelandet, klingen aber immer noch wie bisher. Leicht unterkühlter kratziger Punk mit NDW-Touch und Biss. Würde hier nicht Französisch gesungen, könnte man das absolut für eine Kooperation der frühen Abwärts mit einer durchgeknallten Torte halten. Eigentlich erschreckend, wie nahe Operation S der Amok-Koma mit besserem Sound doch kommen, 27 Jahre später! (brokenrekids.com)

BOMBENALARM-NO MISTAKES-LP
Wo ist die Auflösung für das Coverartworkspiel? Lieg ich richtig, und wer ist das, der mir da nicht einfallen will? Wäre ein netter Zug, wenn das irgendwo im Netz oder sonstwo nachlesbar wäre, damit ich endlich wieder ruhig schlafen kann. Je länger ich mir die Platte anhöre, desto mehr werden die Parallelen zu einer anderen längst verschiedenen Band auf ihrem Höhepunkt deutlich, allerdings ohne Assifaktor und deren unglücklichen Sound auf ihrem Meilenstein. Wer hier an vielen Stellen nicht an Hammerhead denkt, der kennt entweder die Band nicht, oder er stellt sich bewusst dumm. Mir gefällt, was ich höre, rotziger, heiserer Punk-Rock mit Drive, genügend Schmiss und Spuren anderer Stilarten, damit es nicht langweilig wird. (unsociable.net)

CRUISE MISSILES-ESCALATION-12“
Einseitig bespielte 12“ auf 45 Umdrehungen, die ohne Pausen zwischen den Stücken durchgebolzt wird. Eindeutig US geprägter Hardcore, mit kurzen Singalong-Parts, wie sie Youth of Today (rückblickend eigentlich ein blöder Name für eine vor vielen Jahren aufgelöste Band) hinlänglich verwendet haben, oder aber zig andere New Yorker Bands. Aber die Cruise Missiles fügen der Sache noch etwas hinzu, das sie von vielen reinen Epigonen unterscheidet, sie ballern die Songs mit einem Affenzahn aus der Hüfte, und sie klingen nicht nur, als wären sie gerne wütend, sie sind es tatsächlich! Kurzweilige Hardcoreattacke, warum auch nicht, schließlich sind die Vorbilder seit knapp zwanzig Jahren Geschichte, da kann  ruhig nachgelegt werden. Quizfrage: Von welchem Film aus den 70ern stammt das Covermotiv? Ich komm einfach nicht drauf! (myspace.com/pruegelprinzrecords)

GOLDEN GORILLA-SAME-LP
Yeah!!! Ein unglaubliches Monster, bei dem man tatsächlich einmal die Mitbringsel einzelner Bandmitglieder von ihren Vorgängerbands herausfiltern kann. Die Nähe zu den leider aufgelösten Bastard King ist nicht zu verleugnen, nur ist der Goldene Gorilla noch eine Spur fieser und schwerer ausgefallen. Floor im zweiten Gang, bei denen vorher mit Borax gegurgelt wurde. Unglaublich, dass so was angeblich im Übungsraum aufgenommen wurde und nicht in einem sündhaft überteuerten Studio. Klingt gut, ist definitiv heavy, und wenn Du nicht aufpasst, dann wächst über Deiner Lederjacke aus dem Nichts eine Jeanskutte! Wenn die tiefergelegten Gitarren Dich nicht zerreißen und der mächtige Bass Deine Nierensteine nicht zertrümmert, dann kratzen Dir die Vocals wenigstens die Augen aus! Bösartig, schwer, und äußerst genial!!! In labilem Zustand oder auf Drogen definitiv nicht zu empfehlen! (myspace.com/pruegelprinzrecords) 

INTERPOL-OUR LOVE TO ADMIRE-CD
2007 wird das Jahr der großen Erwartungen und der noch größeren Enttäuschungen. Die neue Social Distortion entpuppt sich als Best-Of, die es nur dann gibt, wenn einem wirklich nichts mehr einfällt (nicht mal mehr ein Livealbum), Stephan Eicher, ein jahrzehntelanger Garant für intelligenten Pop entdeckt seine Introvertiertheit, die Editors bleiben ein wenig hinter den viel zu hohen Erwartungen zurück, Turbonegro beklauen sich einfach nur selbst, und von der aktuellen Art Brut wollen wir lieber erst gar nicht reden, da ein zweimal erzählter Witz ohne Pointe kein Spaß ist. Und Interpol? Es beginnt mit einem Cover, das sich gänzlich vom bisherigen CI verabschiedet, einer neuen Plattenfirma und einer ganzen Menge in die Länge gezogenem Nichts, das im Gegensatz zur letzten Platte auch nach dem zehnten Durchlauf (ich hab’s echt versucht!) nicht an Farbe oder Größe gewinnt. Abgesehen von einigen wenigen Ausnahmen wie „The Heinrich Maneuver“ (richtig, nicht „Heimlich“, sondern „Heinrich“), bieten Interpol vor allem eines: belanglose Leichtkost. Das wirklich fesselnde Schlagzeugspiel der Erstlinge ist einer 08/15-Standardschießbude gewichen, die nicht fesseln kann, Spannungsaufbau oder  Höhepunkte sind Mangelware, viele der Stücke dabei derart belanglos, dass man sie schon beim ersten Takt des nächsten Songs vergessen hat, und einige sind einfach nur albern. Im Versuch, sich wieder neu zu erfinden, muss irgendetwas schief gelaufen sein. Da mir die letzte Platte auch erst nach dem 5. Durchlauf zunehmend gefiel, bin ich inzwischen völlig verzweifelt beim 10. Anlauf gelandet und es ist immer noch nichts passiert. Die größte Enttäuschung seit der Neuauflage von Dolomiti-Eis vor ein paar Jahren. Ein Punkt ist nur für ansehnliche Aufmachung der De-Luxe-Version in Schwarz. 

HANNA HIRSCH-RADIANCE KILLS-7”
Hmm, klingt zuerst einmal ziemlich “wattig”, was den Genuss etwas behindert, denn die Melodien, die hier abgefackelt werden, sind einfach großartig. Sowohl was die Gitarren angeht als auch das, was die Sängerin an Gesangsmelodien abliefert, ist einfach großartig. Das Schlagzeug ist noch etwas holprig, aber die Orgel und der Rest reißen alles wieder raus. Einer der wenigen Plattenmomente, bei denen man gedankenverloren zwischen den Melodiezeilen mitsummt! Vier kurze Smasher, von denen „Birds of passage“ eher etwas ruhiger ausfällt, dafür  ist der Rest erstklassiger 77er-Punk mit Schmiss und dem großen Wunsch, dass diese Band hier jemand unter seine Fittiche nehmen sollte, damit sie ein gutes Studio bekommen, um so zu klingen, wie sie es könnten! Bei optimalem Sound wäre es die volle Punktzahl gewesen. (Wastedsounds.com)

IMMATERIAL-Drunk-7“
Volt-Ableger mit FX von ebenjenen Volt, deren LP sowieso in jeden Haushalt gehört. Verstärkt wird er durch eine Sandrine T., die nicht so schrill klingt wie Lili Z., sondern eher kühl. Klingt denn auch nicht so weit entfernt vom Stamm, nur etwas weniger nach Leder und S/M, aber immer noch so genial, dass eine unbedingte Kaufempfehlung für alle ausgesprochen werden muss, denen unalberner Elektropunk mit fieser Gitarre Hochgenuss bereitet. Limitiert auf 300 lächerliche Exemplare, das ist das Einzige, das ich nicht ganz nachvollziehen kann. (Materieldisc / sgrafik@noos.fr)

MARILYN MANSON-EAT ME-CD
Ach herrje, der arme Brian Warner hat sich von Dita von Teese getrennt, oder sie von ihm, wie auch immer, nun verarbeitet er seine Krise per neuer Platte. Das „persönlichste Album“ seiner bisherigen Laufbahn ist auch das weitaus Schlechteste geworden und hat außer den typischen Manson-Vocals nur wenig für den bisher treuen Fan zu bieten. Keine wirklichen Hits, sehr viel (Kraut)-Rock, sprich unverzerrte Gitarren, uninspirierte Solis in beinahe jedem Stück, Wehmut, Selbstmitleid und fehlende Inspiration. Selbstverliebte Künstler, die sich selbst im Schlafanzug von dem Spiegel beim Zähneputzen schon in Pose werfen und auf dem Topf ihr Gesamtkunstwerk ausleben, nehmen sich eindeutig eine Spur zu ernst. Dass der musikalische Output darunter meistens leidet, dürfte jedem bekannt sein, der eine Band verfolgt hat, die man zuerst auf Drogenentzug gesetzt hat, um ihnen dann einzutrichtern, dass sie fortan als ernstzunehmende Kapelle zu fungieren haben. Bei einem Überego, wie dem von Brian Warner sieht das dann eben entsprechend aus. Viel Gedudel, viel belangsloser Rock Gejammere, (Gitarren)Gejaule und nur wenige Songs, die nach dem klingen, was es bisher aus den Hause Manson zu hören gab, wie z.B. verzerrte Gitarren, Brachialsound und „klare Parolen“. Nein, so ein Mist hätte es nicht einmal auf die B-Seiten der zahlreichen Singles gebracht. Nicht, dass die Erwartungen nach der letzten Platte groß gewesen wären, aber das ist enttäuschender als befürchtet. 

NEVER BUILT RUINS-...BUILT TO LOVE-10“
Offenbar ein Nachfolger der Cruise Missiles, die allerdings ihren Sound stark weiterentwickelt haben. Immer noch wütend, aber jetzt heiser, crustiger, ein wenig mehr His Hero is Tragedy obendrauf, erstklassige Produktion und dann auch noch Vinyl im Kaiserformat, das mit bedruckter Innenhülle edelst verpackt ist. Ballert gut und spielt mit Doomtown, Bombenalarm definitiv in einer Liga. Interessant, dass fast alle Bands in dieser Richtung den Vorreiter Tragedy längst überholt haben, denn hier passiert einfach mehr, die Songs sind tighter und die Maschine ist einfach besser geölt. Never Built Ruins haben dazu eine ziemliche Hammergitarre, die neben der Spur in einem Affenzahn kleine fiese Melodien einstreut, die der Sache eine ganz besondere Würze verleihen. Selbst die Old-School-Hardcore-Reminiszenzen, die beim einen oder anderen Shout-Refrain aufblitzen, fügen dem Sound eine ganz eigene Note zu, und genau das wollen wir ja hören. Sehr geil!!! (Prügelprinz) 

THIS MOMENT IN BLACK HISTORY-IT TAKES A NATION OF ASSHOLES TO HOLD US BACK-LP
Volle Punktzahl!!! Angefangen beim detailtreuen und gelungenen Germs-Tribute-Coverartwork, das seinen Witz erst dann voll offenbart, wenn man den gelben Sticker abzieht (und dabei leider auch die Lackierung ruiniert). Hochintensiv pulsierender Sound, der stellenweise chaotisch klingt, aber immer wieder zusammenfindet, um einen direkt am Kragen zu packen. Geniale Tour de Force, die in einem aberwitzigen Tempo hunderte musikalischer Schubladen aufreißt, kurz reingreift, um sich etwas herauszuholen, was gerade benötigt wird und dann weiterhechelt, um ja nichts zu verpassen. Klingt zerfahren, ist es aber nicht, denn das Grundgerüst bleibt stets dasselbe, und das fußt auf einem gemeinsamen Verständnis für schmissige Parts, in denen sich alles wieder zusammenfindet. Wer einen genaueren Anhaltspunkt braucht, der stelle sich Drive Like Jehu auf zwei Litern Koffein vor, die zusammen mit Les Savy Fav feiern. Was den Unterschied zu vielen Studentencombos ausmacht, die gerne zerfahren klingen, den Weg aber nicht zu einer Einheit zurückfinden: diese Jungs haben einerseits das richtige Punk-Feeling mit der Muttermilch eingesogen, andererseits beherrschen sie tatsächlich ihre Instrumente, so dass sie nicht scheiße klingen müssen, um Eindruck zu schinden. Großartige Platte, sehr aufregend und spannend wie noch was!!! (x-mist.de) 

WATCH OUT/THE TARGET-SPLIT-LP
Es entbehrt nicht einer gewissen Ironie, auf dem Cover von Watch Out Wilfried Dietrich, den Kran von Schifferstadt, zu sehen, wie er bei der Olympiade 1972 den 80 Kilo schweren US-Amerikaner Chris Taylor über sich wuchtet. Habe ich damals live gesehen und nie wieder vergessen. Aber in diesem Zusammenhang, wenn eindeutig amerikanisierte Jugendliche genau das Bild verwenden, um dann so zu klingen wie Bands, zu deren Hochzeiten sie noch in die Vorschule gingen, ich weiß nicht? Die Vorbilder sind eindeutig, jede Menge straighter NY-HC, Bold, Youth of Dingenskirchen, Gorilla of Strength und so weiter. Wer bei Focus yourself das Cro Mags-Original errät, der darf sich anschließend eine Milch aus dem Kühlschrank holen. The Target wildern nicht ganz so breitgefächert, haben ihren zweiten Wohnsitz aber wahrscheinlich auch neben der Bronx angemeldet. Positive-Hardcore, der die fünfte oder sechste Welle darstellt, kurze Hosen ... usw. alles nicht neu. Ist ja schön, wenn die Jugend sich noch für so etwas begeistern kann, aber ich habe die Originale allesamt gesehen und bin nicht gewillt, einen vierten Frühling mit so was anzutreten, außerdem hab ich keinen Rucksack. Anders ausgedrückt: Ich bin zu alt für so was, aber auch längst aus der werberelevanten Zielgruppe ausgestiegen. (Prügelprinz/Cobra-Records)

PLAGUE-THUMPER-CD
Klassischer Cleveland-Hardcore, aggressiv, hart, rasend schnell mit rotzigem Gesang, eben alles so, wie es sein muss! Dreiviertel des Komplettwerks der Band, inklusive beider 7“s, der LP und einem Batzen unveröffentlichter Tracks auf einer CD vereint, das ist der preiswerteste Weg, um an dieses Material zu kommen, obendrein auch noch billiger als die Originale seinerzeit waren. Dummerweise fehlen die Tracks der Rövsvett-Split-LP, die bei der Spielzeit aber auch nicht mehr draufgepasst hätten. Weit besser als vieles, das heute unterwegs ist, dabei ist das nicht einmal übermäßig brutal produziert, die Band glänzt einfach durch rasend schnelle Songs mit kleinen, aber feinen Melodien. Und wenn wir schon mal dabei sind, dürfen auch die altehrwürdigen Negative Approach herhalten, so unähnlich ist das in den besten Momenten nämlich gar nicht. Einzig das minimale vierseitige Booklet gerät etwas spartanisch, da hat eine Band mit zehn Jahren Historie (1982-1992) doch sicher einiges zu erzählen. (j4f.dk)

MEMPHIS BITCH-SOMETIMES IT GET’S ROUGH-7“
Schmissiger Old-School-Punk mit etwas 77er-Feeling, etwas Blues, etwas Garage und einem klein wenig Countrystaub. Nichts Hochkompliziertes, aber die Songs haben allesamt Wiedererkennungswert und gehen in die Hüfte. Zwei Gitarren, kein Bass, trotzdem pulsiert es ganz schön, tanz- und pogotauglich (auf und ab, nicht Bauernhäufen). Drei kleine Hits, die etwas mehr funkeln würden, wenn nur das Covermotiv etwas schöner ausgefallen wäre, denn Kaufanreize sehen anders aus. Hier zählt zur Abwechslung mal nur der Inhalt. (Prügelprinz)

EDITORS-AN END HAS A START-CD
Um eines vorweg zu nehmen, die Editors haben mit The Back Room ihre eigene Messlatte derart hoch gelegt, dass es nahezu unmöglich war, diese Platte auch nur ansatzweise zu toppen. An end ist dann auch nicht ganz so gut wie der Erstlang, aber beinahe. Alleine für „Smokers outside the hospital doors“ lohnt der Kauf der kompletten Platte, denn in den letzten Jahren wurde kaum ein schöneres und ergreifend erhabenes Stück wie dieses geschrieben. Wer dem Text folgen kann und Menschen durch die Sterbekliniken dieser Welt begleitet hat, wird unweigerlich Tränen in den Augen haben, für die er sich nicht zu schämen braucht. Ein weiteres Stück über das Sterben (Weight of the world) ist mein zweiter persönlicher Favorit und wurde bereits live gespielt, wo es durch seine ruhige Größe herausstach. Wer bei Smokers noch kein Kribbeln in den Nackenhaaren spürte, der sollte spätestens hier etwas spüren oder aber für immer als Stein im Meer versinken. Im Gegensatz zur Erstgeburt, gibt es diesmal ein paar Füller und auch leicht alberne Songs, wie „Escape the nest“, die sich aber trotz allem doch durch wunderbare und traurige Melodien immer noch auf die gute Seite retten. Einzig die übermäßig satte Produktion ärgert einen im Nachhinein doch ein wenig, denn wenn the Back Room nur diesen Sound gehabt hätte, verdient wäre es gewesen. Abzüge gibt es für die Special-Edition, die nicht mehr als ein hartes Pappcover zu bieten hat, ohne Texte, Booklet und ähnliches. Eine der schönsten Platten dieses Jahr und definitiv eine der traurigsten, die nicht mutlos macht. Wundervoll! 

BAD BRAINS-BUILT A NATION-CD
Back to the roots, eine Aussage, die bei den Bad Brains einen leicht merkwürdigen Touch bekommt, aber das hier ist eine absolut gewollte Rückkehr zum Sound, mit dem die Bad Brains seit 1980 für Aufsehen sorgten. Aber ... und jetzt kommt’s, welcher Teufel sie dabei geritten hat, die Platte soundtechnisch so zu verhunzen, das weiß nur derjenige, der ihnen dabei die gesamten Grasvorräte weggeraucht hat. Die Songs sind nicht schlecht – wenn man es akzeptieren kann, dass eine Band sich gewissermaßen komplett selber covert – aber entweder hallig, schwammig, müllig oder alles zusammen aufgenommen. Großartige Hooks verschwinden im Matsch der Produktion, die Gesangseffekte sind teilweise so unmotiviert, dass man sich fragt, ob die Herren zum ersten Mal ein Studio von innen gesehen haben. Eine ohne jede Schnörkel und Effekte aufgenommene Platte mit diesen Songs wäre der HAMMER gewesen, aber der Marmeladenfirlefanz drumherum macht wirklich alles kaputt. Die einzigen Songs ohne Schnickschnack und Müllsound sind übrigens die unvermeidlichen Reggae-Songs. Misslungenstes Comeback … ever! 

SHELLAC-EXCELLENT ITALIAN GREYHOUND-LP/CD
Alles da, tolles Coverartwork, die obligatorische CD-Version als Müllbeigabe, exquisiter Sound, extraordinäre Verpackung, eine Pressuqualität, die jeden HiFi-Freak in Ekstase versetzen wird ... SO muss eine Platte aussehen, riechen, sich anfühlen und schmecken. Toll soweit, perfekt, wenn es da nicht auch noch etwas geben würde, das sich „Inhalt“ nennt, landläufig als „Musik“ bekannt. Da hapert es dann ein wenig, denn der Eindruck, dass wir den Herren Albini, Trainer und Weston hier eher bei einer Jam-Session oder beim Proben zuhören als bei der Aufnahme einer Platte, lässt sich nicht immer unterdrücken. Z.B. „Be prepared“: wir stolpern in ein Stück, das dann doch irgendwann beginnt, lange aus eineinhalb sich wiederholenden Riffs besteht, loslegt und abschließend dekonstruiert wird. Zwischen Lego spielen und Uhren aufschrauben, um nachzugucken was drin ist. Klar gibt es exquisites Material, das ausgereift klingt, aber auch einiges, das unfertig, hingerotzt und eben nicht als „Song“ sondern Stückwerk verloren in der Landschaft herumsteht. 50:50 würde ich sagen, aber immer noch besser als „Terraform“ oder „1000 Hurts“. Eine weitere Platte, um seine Stereoanlage auf Tauglichkeit zu überprüfen.

HALLO KWITTEN-GURUS OF PEACE-LP
Kaum ein verpasstes Konzert reut mich so sehr wie das von Hallo Kwitten in Esslingen das irgendwo, irgendwie auf einen bereits anders verplanten Tag fiel. Kurze und knackige Songs, in bester früher US-Hardcoretradition (hier und da hört man kurz mal einen Ton, den man vielleicht zu kennen glaubt, aber dann ist er auch schon wieder um die Ecke verschwunden), die ohne viel Brimborium und langes Herumfackeln abgebrannt werden. So macht das einfach Laune, wenn niemand an Deiner Tür klingelt und Dir die ganze Zeit unter die Nase reibt, was er da eigentlich tut und warum. So selbstverständlich wie Hallo Kwitten hier auf norddeutsche Art ihr Ding herunterspulen, so gut gefällt mir das Ganze. Diesmal gänzlich ohne konkrete Anhaltspunkte, sprich Coverversionen, (na ja, nicht ganz, haha, aber das musst Du selber heraushören). Mehr zu entdecken, mehr Spaß, besser noch als die erste Platte! Über das eigene Coverartwork werden in Bielefeld Diskussionskreise an der Abendschule angeboten, Materialien und Getränke sind selber mitzubringen. 

ART BRUT-IT’S A BIT COMPLICATED-CD
Die Pointe eines zweimal erzählten Witzes wird nicht besser. Beim ersten Mal noch lustig ob des vorgetragenen Dilettantismus, wirkt das beim zweiten Durchlauf erschreckend bemüht, tiefgestapelt und unlocker. Das erste Album war perfekt, kein Mensch brauchte dieselbe Platte noch einmal. So überflüssig wie Blair Witch II oder eine Solartaschenlampe ohne Akku. Auflösen wäre die bessere Option gewesen.

TURBONEGRO-RETOX-CD
Die T-Jugend wird die Platte schon kaufen, schließlich haben die Kutten eine Menge Geld gekostet und man trennt sich nur gern von bequemen Klamotten. Turbonegro haben sich bisher immer nett bei anderen bedient, diesmal beklauen sie sich selber und leider nicht aus der besten Schublade. So klingt die komplette Platte wie ein Aufguss der letzten drei Scheiben, stets garniert mit den auf Dauer nervigen Solieinlagen von Euroboy (muss das wirklich bei jedem Stück sein, das Gefiedel?), allseits bekannt und nicht wirklich aufregend. Kaum ein Song packt einen auf Anhieb bei den Eiern, welcome to the Stadion. Das Coverartwork stammt von einem Fünfjährigen und die Vorfreude war wieder mal größer als der Appetit. Für jemanden, der die Ass Cobra für eine der besten Platten der 90er hält, kann es mit TRBNGR nur noch bergab gehen, das hätte mir schon vor zehn Jahren einleuchten müssen! Ab jetzt wird nur noch gebraucht gekauft!!! Ach ja, hat Edel als Label die richtige Attitüde für die Turbojugend? Um es mit Joan Jett zu sagen: Bad reputation. Bei aller Liebe, musste das wirklich sein?!

EDITORS-SMOKERS OUTSIDE THE HOSPITAL DOORS-MCD/7“/7“
Wie beim ersten Album gibt es die mehr als unschönen Veröffentlichungsvarianten mit immer derselben A-Seite und verschiedenen B-Seiten, die irgendwann in hundert Jahren einmal auf einer CD zusammengefasst werden. In der Zwischenzeit muss man alle kaufen, wenn man die „B-Perlen“ hören möchte, die auf dem zweiten Album der Editors keinen Platz gefunden haben, weil sie nicht gut genug waren. Die A-Seite ist einer der schönsten Songs, der in den letzten zwanzig Jahren geschrieben wurde, ohne Zweifel. Würde es mit rechten Dingen zugehen und die Menschen so etwas wie Geschmack besitzen, dann wäre dieses Stück auf Platz 1 der Charts und nicht irgendeine Hupfdohle, die sich morgens noch nicht einmal selber ihre Schuhe binden kann. Aber es ist eben nicht fair und die meisten Menschen haben einfach keinen Geschmack. Die B-Seiten haben diesmal verdient, auf Rückseiten ihr Dasein zu fristen. „An eye for an eye“ ist aufgeblasen, startet aber nicht als Song, sondern verharrt  vielmehr als Intro, um dann einfach vorbei zu sein. „Some kind of spark“ zündet nicht und hat wie das letzte Stück „The picture“ nicht einmal dieselbe Anerkennung in der Produktion erfahren wie die anderen Songs der CD. Diese drei Stücke leben verdientermaßen auf der Rückseite des Mondes, wobei „The picture“ wie schon mal gehört klingt. Muss nicht wirklich sein.

 

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