DIE PRINCESS DIE-LIONS EAT LIONS-LP
Wow, eine Scheibe, die zu keiner Sekunde langweilig wird und dabei
nicht von der Sorte „zerfahrener Krach von Dilletanten mit Hochschulferien“
ist. DPD pumpen, britzeln, setzen elektronische Elemente ein und klingen
wie keine andere Band, die mir geläufig ist. Zwischen Drive Like Jehu
(schon wieder, Gesang und manche Passagen), vielleicht VSS, Locust, Mars
Volta, aber auch nur, weil das zufällig mit dem Labelkatalog von GSL
zusammenfällt. Durchgehend tanzbar und begeisternd, kann ebenso in
einem kleinen schwitzenden Club zur Ekstase führen, wie auch auf einem
riesigen Festival! Wenn dabei noch Kunstblut aus der Sprinkleranlage spritzt,
dabei alles in Zeitlupe abläuft, umso besser, Blade betritt
den Schuppen und bekommt endlich was auf’s Maul. Phantastische Produktion,
großartige Sound zu einer wahrlich aufregenden Platte. Das will ich
live sehen!!! (GSL)
DIVEBOMB HONEY-SOMETHING’S GOIN ON-7”
Ahem, der Gesangsduktus des Titelstücks ist “Whip it” von Devo
so ähnlich, dass ein Plagiatsvorwurf wohl nicht allzu lange auf sich
warten lassen dürfte. Immerhin geht beim zweiten Song nicht
gleich eine Erinnerungslampe an. LoFi-Version der Epoxies, wesentlich garagiger
produziert, ansonsten aber nicht allzu weit von denen entfernt. Durch die
Sängerin und die Orgel gehen auch noch ältere Bands als Reminiszenzen,
wie die Bags oder die Nuns, nur eben viiiel weniger Stereo. Könnte
ruhig noch etwas reifen! (myspace.com/thedivebombhoney)
JAY REATARD-IN THE DARK-7”
Trotz des immensen Outputs dieses zornigen jungen Mannes bleibt festzuhalten,
dass das Niveau weiterhin überdurchschnittlich ist, oder besser gesagt
so eigenständig, dass er ruhig weitermachen kann. JR veröffentlicht
hier drei völlig unterschiedliche Songs, von denen der erste 77er
Punk mit einem leichten New Wave-Touch ist, sehr atmosphärisch und
schön, die B-Seite ist einmal kratzig und unterkühlt, alle zusammen
haben gemeinsam, dass sie so klingen wie der einsame Wolf, der die kahlen
Wände seines Kellers anheult. Sehr schön, sehr gut und wie immer
bei Squoodge liebevoll aufgemacht. (Squoodge.de)
LES SAVY FAV-ACCIDENTIAL DEATHS-7“
Rerelease einer ultralimitierten australischen Tour-Single, auf der
Les Savy Fav eine ganz andere Seite zeigen. Ruhig und gediegen, keinerlei
Lärmeskapaden, keine Ausbrüche, hier wird Spannung durch ein
anschwellendes Klavier erzeugt und sich so weit in Indie-Emogefilde vorgerobbt,
bis das Eis bricht. Sehr, sehr genial und wie gesagt weit von dem entfernt,
was die Herren bisher verbrochen haben. Eine neue Platte könnte ruhig
auch mal kommen! Coverartwork ist übrigens keines vorhanden, die Hülle
malt ein Junkie auf Turkey in zwei Minuten.
OPERATION S-JE VOIS DES GENS-7“
Die Franzosen sind auf einem US-Label gelandet, klingen aber immer
noch wie bisher. Leicht unterkühlter kratziger Punk mit NDW-Touch
und Biss. Würde hier nicht Französisch gesungen, könnte
man das absolut für eine Kooperation der frühen Abwärts
mit einer durchgeknallten Torte halten. Eigentlich erschreckend, wie nahe
Operation S der Amok-Koma mit besserem Sound doch kommen, 27 Jahre später!
(brokenrekids.com)
BOMBENALARM-NO MISTAKES-LP
Wo ist die Auflösung für das Coverartworkspiel? Lieg ich
richtig, und wer ist das, der mir da nicht einfallen will? Wäre ein
netter Zug, wenn das irgendwo im Netz oder sonstwo nachlesbar wäre,
damit ich endlich wieder ruhig schlafen kann. Je länger ich mir die
Platte anhöre, desto mehr werden die Parallelen zu einer anderen längst
verschiedenen Band auf ihrem Höhepunkt deutlich, allerdings ohne Assifaktor
und deren unglücklichen Sound auf ihrem Meilenstein. Wer hier an vielen
Stellen nicht an Hammerhead denkt, der kennt entweder die Band nicht, oder
er stellt sich bewusst dumm. Mir gefällt, was ich höre, rotziger,
heiserer Punk-Rock mit Drive, genügend Schmiss und Spuren anderer
Stilarten, damit es nicht langweilig wird. (unsociable.net)
CRUISE MISSILES-ESCALATION-12“
Einseitig bespielte 12“ auf 45 Umdrehungen, die ohne Pausen zwischen
den Stücken durchgebolzt wird. Eindeutig US geprägter Hardcore,
mit kurzen Singalong-Parts, wie sie Youth of Today (rückblickend eigentlich
ein blöder Name für eine vor vielen Jahren aufgelöste Band)
hinlänglich verwendet haben, oder aber zig andere New Yorker Bands.
Aber die Cruise Missiles fügen der Sache noch etwas hinzu, das sie
von vielen reinen Epigonen unterscheidet, sie ballern die Songs mit einem
Affenzahn aus der Hüfte, und sie klingen nicht nur, als wären
sie gerne wütend, sie sind es tatsächlich! Kurzweilige Hardcoreattacke,
warum auch nicht, schließlich sind die Vorbilder seit knapp zwanzig
Jahren Geschichte, da kann ruhig nachgelegt werden. Quizfrage: Von
welchem Film aus den 70ern stammt das Covermotiv? Ich komm einfach nicht
drauf! (myspace.com/pruegelprinzrecords)
GOLDEN GORILLA-SAME-LP
Yeah!!! Ein unglaubliches Monster, bei dem man tatsächlich einmal
die Mitbringsel einzelner Bandmitglieder von ihren Vorgängerbands
herausfiltern kann. Die Nähe zu den leider aufgelösten Bastard
King ist nicht zu verleugnen, nur ist der Goldene Gorilla noch eine Spur
fieser und schwerer ausgefallen. Floor im zweiten Gang, bei denen vorher
mit Borax gegurgelt wurde. Unglaublich, dass so was angeblich im Übungsraum
aufgenommen wurde und nicht in einem sündhaft überteuerten Studio.
Klingt gut, ist definitiv heavy, und wenn Du nicht aufpasst, dann wächst
über Deiner Lederjacke aus dem Nichts eine Jeanskutte! Wenn die tiefergelegten
Gitarren Dich nicht zerreißen und der mächtige Bass Deine Nierensteine
nicht zertrümmert, dann kratzen Dir die Vocals wenigstens die Augen
aus! Bösartig, schwer, und äußerst genial!!! In labilem
Zustand oder auf Drogen definitiv nicht zu empfehlen! (myspace.com/pruegelprinzrecords)
INTERPOL-OUR LOVE TO ADMIRE-CD
2007 wird das Jahr der großen Erwartungen und der noch größeren
Enttäuschungen. Die neue Social Distortion entpuppt sich als Best-Of,
die es nur dann gibt, wenn einem wirklich nichts mehr einfällt (nicht
mal mehr ein Livealbum), Stephan Eicher, ein jahrzehntelanger Garant für
intelligenten Pop entdeckt seine Introvertiertheit, die Editors bleiben
ein wenig hinter den viel zu hohen Erwartungen zurück, Turbonegro
beklauen sich einfach nur selbst, und von der aktuellen Art Brut wollen
wir lieber erst gar nicht reden, da ein zweimal erzählter Witz ohne
Pointe kein Spaß ist. Und Interpol? Es beginnt mit einem Cover, das
sich gänzlich vom bisherigen CI verabschiedet, einer neuen Plattenfirma
und einer ganzen Menge in die Länge gezogenem Nichts, das im Gegensatz
zur letzten Platte auch nach dem zehnten Durchlauf (ich hab’s echt versucht!)
nicht an Farbe oder Größe gewinnt. Abgesehen von einigen wenigen
Ausnahmen wie „The Heinrich Maneuver“ (richtig, nicht „Heimlich“, sondern
„Heinrich“), bieten Interpol vor allem eines: belanglose Leichtkost. Das
wirklich fesselnde Schlagzeugspiel der Erstlinge ist einer 08/15-Standardschießbude
gewichen, die nicht fesseln kann, Spannungsaufbau oder Höhepunkte
sind Mangelware, viele der Stücke dabei derart belanglos, dass man
sie schon beim ersten Takt des nächsten Songs vergessen hat, und einige
sind einfach nur albern. Im Versuch, sich wieder neu zu erfinden, muss
irgendetwas schief gelaufen sein. Da mir die letzte Platte auch erst nach
dem 5. Durchlauf zunehmend gefiel, bin ich inzwischen völlig verzweifelt
beim 10. Anlauf gelandet und es ist immer noch nichts passiert. Die größte
Enttäuschung seit der Neuauflage von Dolomiti-Eis vor ein paar Jahren.
Ein Punkt ist nur für ansehnliche Aufmachung der De-Luxe-Version in
Schwarz.
HANNA HIRSCH-RADIANCE KILLS-7”
Hmm, klingt zuerst einmal ziemlich “wattig”, was den Genuss etwas behindert,
denn die Melodien, die hier abgefackelt werden, sind einfach großartig.
Sowohl was die Gitarren angeht als auch das, was die Sängerin an Gesangsmelodien
abliefert, ist einfach großartig. Das Schlagzeug ist noch etwas holprig,
aber die Orgel und der Rest reißen alles wieder raus. Einer der wenigen
Plattenmomente, bei denen man gedankenverloren zwischen den Melodiezeilen
mitsummt! Vier kurze Smasher, von denen „Birds of passage“ eher etwas ruhiger
ausfällt, dafür ist der Rest erstklassiger 77er-Punk mit
Schmiss und dem großen Wunsch, dass diese Band hier jemand unter
seine Fittiche nehmen sollte, damit sie ein gutes Studio bekommen, um so
zu klingen, wie sie es könnten! Bei optimalem Sound wäre es die
volle Punktzahl gewesen. (Wastedsounds.com)
IMMATERIAL-Drunk-7“
Volt-Ableger mit FX von ebenjenen Volt, deren LP sowieso in jeden Haushalt
gehört. Verstärkt wird er durch eine Sandrine T., die nicht so
schrill klingt wie Lili Z., sondern eher kühl. Klingt denn auch nicht
so weit entfernt vom Stamm, nur etwas weniger nach Leder und S/M, aber
immer noch so genial, dass eine unbedingte Kaufempfehlung für alle
ausgesprochen werden muss, denen unalberner Elektropunk mit fieser Gitarre
Hochgenuss bereitet. Limitiert auf 300 lächerliche Exemplare, das
ist das Einzige, das ich nicht ganz nachvollziehen kann. (Materieldisc
/ sgrafik@noos.fr)
MARILYN MANSON-EAT ME-CD
Ach herrje, der arme Brian Warner hat sich von Dita von Teese getrennt,
oder sie von ihm, wie auch immer, nun verarbeitet er seine Krise per neuer
Platte. Das „persönlichste Album“ seiner bisherigen Laufbahn ist auch
das weitaus Schlechteste geworden und hat außer den typischen Manson-Vocals
nur wenig für den bisher treuen Fan zu bieten. Keine wirklichen Hits,
sehr viel (Kraut)-Rock, sprich unverzerrte Gitarren, uninspirierte Solis
in beinahe jedem Stück, Wehmut, Selbstmitleid und fehlende Inspiration.
Selbstverliebte Künstler, die sich selbst im Schlafanzug von dem Spiegel
beim Zähneputzen schon in Pose werfen und auf dem Topf ihr Gesamtkunstwerk
ausleben, nehmen sich eindeutig eine Spur zu ernst. Dass der musikalische
Output darunter meistens leidet, dürfte jedem bekannt sein, der eine
Band verfolgt hat, die man zuerst auf Drogenentzug gesetzt hat, um ihnen
dann einzutrichtern, dass sie fortan als ernstzunehmende Kapelle zu fungieren
haben. Bei einem Überego, wie dem von Brian Warner sieht das dann
eben entsprechend aus. Viel Gedudel, viel belangsloser Rock Gejammere,
(Gitarren)Gejaule und nur wenige Songs, die nach dem klingen, was es bisher
aus den Hause Manson zu hören gab, wie z.B. verzerrte Gitarren, Brachialsound
und „klare Parolen“. Nein, so ein Mist hätte es nicht einmal auf die
B-Seiten der zahlreichen Singles gebracht. Nicht, dass die Erwartungen
nach der letzten Platte groß gewesen wären, aber das ist enttäuschender
als befürchtet.
NEVER BUILT RUINS-...BUILT TO LOVE-10“
Offenbar ein Nachfolger der Cruise Missiles, die allerdings ihren Sound
stark weiterentwickelt haben. Immer noch wütend, aber jetzt heiser,
crustiger, ein wenig mehr His Hero is Tragedy obendrauf, erstklassige Produktion
und dann auch noch Vinyl im Kaiserformat, das mit bedruckter Innenhülle
edelst verpackt ist. Ballert gut und spielt mit Doomtown, Bombenalarm definitiv
in einer Liga. Interessant, dass fast alle Bands in dieser Richtung den
Vorreiter Tragedy längst überholt haben, denn hier passiert einfach
mehr, die Songs sind tighter und die Maschine ist einfach besser geölt.
Never Built Ruins haben dazu eine ziemliche Hammergitarre, die neben der
Spur in einem Affenzahn kleine fiese Melodien einstreut, die der Sache
eine ganz besondere Würze verleihen. Selbst die Old-School-Hardcore-Reminiszenzen,
die beim einen oder anderen Shout-Refrain aufblitzen, fügen dem Sound
eine ganz eigene Note zu, und genau das wollen wir ja hören. Sehr
geil!!! (Prügelprinz)
THIS MOMENT IN BLACK HISTORY-IT TAKES A NATION OF ASSHOLES TO HOLD
US BACK-LP
Volle Punktzahl!!! Angefangen beim detailtreuen und gelungenen Germs-Tribute-Coverartwork,
das seinen Witz erst dann voll offenbart, wenn man den gelben Sticker abzieht
(und dabei leider auch die Lackierung ruiniert). Hochintensiv pulsierender
Sound, der stellenweise chaotisch klingt, aber immer wieder zusammenfindet,
um einen direkt am Kragen zu packen. Geniale Tour de Force, die in einem
aberwitzigen Tempo hunderte musikalischer Schubladen aufreißt, kurz
reingreift, um sich etwas herauszuholen, was gerade benötigt wird
und dann weiterhechelt, um ja nichts zu verpassen. Klingt zerfahren, ist
es aber nicht, denn das Grundgerüst bleibt stets dasselbe, und das
fußt auf einem gemeinsamen Verständnis für schmissige Parts,
in denen sich alles wieder zusammenfindet. Wer einen genaueren Anhaltspunkt
braucht, der stelle sich Drive Like Jehu auf zwei Litern Koffein vor, die
zusammen mit Les Savy Fav feiern. Was den Unterschied zu vielen Studentencombos
ausmacht, die gerne zerfahren klingen, den Weg aber nicht zu einer Einheit
zurückfinden: diese Jungs haben einerseits das richtige Punk-Feeling
mit der Muttermilch eingesogen, andererseits beherrschen sie tatsächlich
ihre Instrumente, so dass sie nicht scheiße klingen müssen,
um Eindruck zu schinden. Großartige Platte, sehr aufregend und spannend
wie noch was!!! (x-mist.de)
WATCH OUT/THE TARGET-SPLIT-LP
Es entbehrt nicht einer gewissen Ironie, auf dem Cover von Watch Out
Wilfried Dietrich, den Kran von Schifferstadt, zu sehen, wie er bei der
Olympiade 1972 den 80 Kilo schweren US-Amerikaner Chris Taylor über
sich wuchtet. Habe ich damals live gesehen und nie wieder vergessen. Aber
in diesem Zusammenhang, wenn eindeutig amerikanisierte Jugendliche genau
das Bild verwenden, um dann so zu klingen wie Bands, zu deren Hochzeiten
sie noch in die Vorschule gingen, ich weiß nicht? Die Vorbilder sind
eindeutig, jede Menge straighter NY-HC, Bold, Youth of Dingenskirchen,
Gorilla of Strength und so weiter. Wer bei Focus yourself das Cro Mags-Original
errät, der darf sich anschließend eine Milch aus dem Kühlschrank
holen. The Target wildern nicht ganz so breitgefächert, haben ihren
zweiten Wohnsitz aber wahrscheinlich auch neben der Bronx angemeldet. Positive-Hardcore,
der die fünfte oder sechste Welle darstellt, kurze Hosen ... usw.
alles nicht neu. Ist ja schön, wenn die Jugend sich noch für
so etwas begeistern kann, aber ich habe die Originale allesamt gesehen
und bin nicht gewillt, einen vierten Frühling mit so was anzutreten,
außerdem hab ich keinen Rucksack. Anders ausgedrückt: Ich bin
zu alt für so was, aber auch längst aus der werberelevanten Zielgruppe
ausgestiegen. (Prügelprinz/Cobra-Records)
PLAGUE-THUMPER-CD
Klassischer Cleveland-Hardcore, aggressiv, hart, rasend schnell mit
rotzigem Gesang, eben alles so, wie es sein muss! Dreiviertel des Komplettwerks
der Band, inklusive beider 7“s, der LP und einem Batzen unveröffentlichter
Tracks auf einer CD vereint, das ist der preiswerteste Weg, um an dieses
Material zu kommen, obendrein auch noch billiger als die Originale seinerzeit
waren. Dummerweise fehlen die Tracks der Rövsvett-Split-LP, die bei
der Spielzeit aber auch nicht mehr draufgepasst hätten. Weit besser
als vieles, das heute unterwegs ist, dabei ist das nicht einmal übermäßig
brutal produziert, die Band glänzt einfach durch rasend schnelle Songs
mit kleinen, aber feinen Melodien. Und wenn wir schon mal dabei sind, dürfen
auch die altehrwürdigen Negative Approach herhalten, so unähnlich
ist das in den besten Momenten nämlich gar nicht. Einzig das minimale
vierseitige Booklet gerät etwas spartanisch, da hat eine Band mit
zehn Jahren Historie (1982-1992) doch sicher einiges zu erzählen.
(j4f.dk)
MEMPHIS BITCH-SOMETIMES IT GET’S ROUGH-7“
Schmissiger Old-School-Punk mit etwas 77er-Feeling, etwas Blues, etwas
Garage und einem klein wenig Countrystaub. Nichts Hochkompliziertes, aber
die Songs haben allesamt Wiedererkennungswert und gehen in die Hüfte.
Zwei Gitarren, kein Bass, trotzdem pulsiert es ganz schön, tanz- und
pogotauglich (auf und ab, nicht Bauernhäufen). Drei kleine Hits, die
etwas mehr funkeln würden, wenn nur das Covermotiv etwas schöner
ausgefallen wäre, denn Kaufanreize sehen anders aus. Hier zählt
zur Abwechslung mal nur der Inhalt. (Prügelprinz)
EDITORS-AN END HAS A START-CD
Um eines vorweg zu nehmen, die Editors haben mit The Back Room ihre
eigene Messlatte derart hoch gelegt, dass es nahezu unmöglich war,
diese Platte auch nur ansatzweise zu toppen. An end ist dann auch nicht
ganz so gut wie der Erstlang, aber beinahe. Alleine für „Smokers outside
the hospital doors“ lohnt der Kauf der kompletten Platte, denn in den letzten
Jahren wurde kaum ein schöneres und ergreifend erhabenes Stück
wie dieses geschrieben. Wer dem Text folgen kann und Menschen durch die
Sterbekliniken dieser Welt begleitet hat, wird unweigerlich Tränen
in den Augen haben, für die er sich nicht zu schämen braucht.
Ein weiteres Stück über das Sterben (Weight of the world) ist
mein zweiter persönlicher Favorit und wurde bereits live gespielt,
wo es durch seine ruhige Größe herausstach. Wer bei Smokers
noch kein Kribbeln in den Nackenhaaren spürte, der sollte spätestens
hier etwas spüren oder aber für immer als Stein im Meer versinken.
Im Gegensatz zur Erstgeburt, gibt es diesmal ein paar Füller und auch
leicht alberne Songs, wie „Escape the nest“, die sich aber trotz allem
doch durch wunderbare und traurige Melodien immer noch auf die gute Seite
retten. Einzig die übermäßig satte Produktion ärgert
einen im Nachhinein doch ein wenig, denn wenn the Back Room nur diesen
Sound gehabt hätte, verdient wäre es gewesen. Abzüge gibt
es für die Special-Edition, die nicht mehr als ein hartes Pappcover
zu bieten hat, ohne Texte, Booklet und ähnliches. Eine der schönsten
Platten dieses Jahr und definitiv eine der traurigsten, die nicht mutlos
macht. Wundervoll!
BAD BRAINS-BUILT A NATION-CD
Back to the roots, eine Aussage, die bei den Bad Brains einen leicht
merkwürdigen Touch bekommt, aber das hier ist eine absolut gewollte
Rückkehr zum Sound, mit dem die Bad Brains seit 1980 für Aufsehen
sorgten. Aber ... und jetzt kommt’s, welcher Teufel sie dabei geritten
hat, die Platte soundtechnisch so zu verhunzen, das weiß nur derjenige,
der ihnen dabei die gesamten Grasvorräte weggeraucht hat. Die Songs
sind nicht schlecht – wenn man es akzeptieren kann, dass eine Band sich
gewissermaßen komplett selber covert – aber entweder hallig, schwammig,
müllig oder alles zusammen aufgenommen. Großartige Hooks verschwinden
im Matsch der Produktion, die Gesangseffekte sind teilweise so unmotiviert,
dass man sich fragt, ob die Herren zum ersten Mal ein Studio von innen
gesehen haben. Eine ohne jede Schnörkel und Effekte aufgenommene Platte
mit diesen Songs wäre der HAMMER gewesen, aber der Marmeladenfirlefanz
drumherum macht wirklich alles kaputt. Die einzigen Songs ohne Schnickschnack
und Müllsound sind übrigens die unvermeidlichen Reggae-Songs.
Misslungenstes Comeback … ever!
SHELLAC-EXCELLENT ITALIAN GREYHOUND-LP/CD
Alles da, tolles Coverartwork, die obligatorische CD-Version als Müllbeigabe,
exquisiter Sound, extraordinäre Verpackung, eine Pressuqualität,
die jeden HiFi-Freak in Ekstase versetzen wird ... SO muss eine Platte
aussehen, riechen, sich anfühlen und schmecken. Toll soweit, perfekt,
wenn es da nicht auch noch etwas geben würde, das sich „Inhalt“ nennt,
landläufig als „Musik“ bekannt. Da hapert es dann ein wenig, denn
der Eindruck, dass wir den Herren Albini, Trainer und Weston hier eher
bei einer Jam-Session oder beim Proben zuhören als bei der Aufnahme
einer Platte, lässt sich nicht immer unterdrücken. Z.B. „Be prepared“:
wir stolpern in ein Stück, das dann doch irgendwann beginnt, lange
aus eineinhalb sich wiederholenden Riffs besteht, loslegt und abschließend
dekonstruiert wird. Zwischen Lego spielen und Uhren aufschrauben, um nachzugucken
was drin ist. Klar gibt es exquisites Material, das ausgereift klingt,
aber auch einiges, das unfertig, hingerotzt und eben nicht als „Song“ sondern
Stückwerk verloren in der Landschaft herumsteht. 50:50 würde
ich sagen, aber immer noch besser als „Terraform“ oder „1000 Hurts“. Eine
weitere Platte, um seine Stereoanlage auf Tauglichkeit zu überprüfen.
HALLO KWITTEN-GURUS OF PEACE-LP
Kaum ein verpasstes Konzert reut mich so sehr wie das von Hallo Kwitten
in Esslingen das irgendwo, irgendwie auf einen bereits anders verplanten
Tag fiel. Kurze und knackige Songs, in bester früher US-Hardcoretradition
(hier und da hört man kurz mal einen Ton, den man vielleicht zu kennen
glaubt, aber dann ist er auch schon wieder um die Ecke verschwunden), die
ohne viel Brimborium und langes Herumfackeln abgebrannt werden. So macht
das einfach Laune, wenn niemand an Deiner Tür klingelt und Dir die
ganze Zeit unter die Nase reibt, was er da eigentlich tut und warum. So
selbstverständlich wie Hallo Kwitten hier auf norddeutsche Art ihr
Ding herunterspulen, so gut gefällt mir das Ganze. Diesmal gänzlich
ohne konkrete Anhaltspunkte, sprich Coverversionen, (na ja, nicht ganz,
haha, aber das musst Du selber heraushören). Mehr zu entdecken, mehr
Spaß, besser noch als die erste Platte! Über das eigene Coverartwork
werden in Bielefeld Diskussionskreise an der Abendschule angeboten, Materialien
und Getränke sind selber mitzubringen.
ART BRUT-IT’S A BIT COMPLICATED-CD
Die Pointe eines zweimal erzählten Witzes wird nicht besser. Beim
ersten Mal noch lustig ob des vorgetragenen Dilettantismus, wirkt das beim
zweiten Durchlauf erschreckend bemüht, tiefgestapelt und unlocker.
Das erste Album war perfekt, kein Mensch brauchte dieselbe Platte noch
einmal. So überflüssig wie Blair Witch II oder eine Solartaschenlampe
ohne Akku. Auflösen wäre die bessere Option gewesen.
TURBONEGRO-RETOX-CD
Die T-Jugend wird die Platte schon kaufen, schließlich haben
die Kutten eine Menge Geld gekostet und man trennt sich nur gern von bequemen
Klamotten. Turbonegro haben sich bisher immer nett bei anderen bedient,
diesmal beklauen sie sich selber und leider nicht aus der besten Schublade.
So klingt die komplette Platte wie ein Aufguss der letzten drei Scheiben,
stets garniert mit den auf Dauer nervigen Solieinlagen von Euroboy (muss
das wirklich bei jedem Stück sein, das Gefiedel?), allseits bekannt
und nicht wirklich aufregend. Kaum ein Song packt einen auf Anhieb bei
den Eiern, welcome to the Stadion. Das Coverartwork stammt von einem Fünfjährigen
und die Vorfreude war wieder mal größer als der Appetit. Für
jemanden, der die Ass Cobra für eine der besten Platten der 90er hält,
kann es mit TRBNGR nur noch bergab gehen, das hätte mir schon vor
zehn Jahren einleuchten müssen! Ab jetzt wird nur noch gebraucht gekauft!!!
Ach ja, hat Edel als Label die richtige Attitüde für die Turbojugend?
Um es mit Joan Jett zu sagen: Bad reputation. Bei aller Liebe, musste das
wirklich sein?!
EDITORS-SMOKERS OUTSIDE THE HOSPITAL DOORS-MCD/7“/7“
Wie beim ersten Album gibt es die mehr als unschönen Veröffentlichungsvarianten
mit immer derselben A-Seite und verschiedenen B-Seiten, die irgendwann
in hundert Jahren einmal auf einer CD zusammengefasst werden. In der Zwischenzeit
muss man alle kaufen, wenn man die „B-Perlen“ hören möchte, die
auf dem zweiten Album der Editors keinen Platz gefunden haben, weil sie
nicht gut genug waren. Die A-Seite ist einer der schönsten Songs,
der in den letzten zwanzig Jahren geschrieben wurde, ohne Zweifel. Würde
es mit rechten Dingen zugehen und die Menschen so etwas wie Geschmack besitzen,
dann wäre dieses Stück auf Platz 1 der Charts und nicht irgendeine
Hupfdohle, die sich morgens noch nicht einmal selber ihre Schuhe binden
kann. Aber es ist eben nicht fair und die meisten Menschen haben einfach
keinen Geschmack. Die B-Seiten haben diesmal verdient, auf Rückseiten
ihr Dasein zu fristen. „An eye for an eye“ ist aufgeblasen, startet aber
nicht als Song, sondern verharrt vielmehr als Intro, um dann einfach
vorbei zu sein. „Some kind of spark“ zündet nicht und hat wie das
letzte Stück „The picture“ nicht einmal dieselbe Anerkennung in der
Produktion erfahren wie die anderen Songs der CD. Diese drei Stücke
leben verdientermaßen auf der Rückseite des Mondes, wobei „The
picture“ wie schon mal gehört klingt. Muss nicht wirklich sein. |