REVIEW MEINE OHREN
März 2010
GHETTO WAYS-I ALWAYS WANTED YOU-LP
Man kann dieser Platte einen berechtigten Vorwurf machen: Sie ist zu kurz! Deutlicher Richtungswechsel zu den beiden Vorgängern, bei denen die letzte LP der ersten ja eigentlich nichts hinzuzufügen hatte. Gang runter, Tempo etwas raus, Gitarrenspuren zurückgefahren, dafür mehr Strukturen, Melodien und auch kleine Ausflüge in andere Gefilde. Der Schlagzeuger hat ein paar Beats mehr gelernt und der Bass wird inzwischen als eigenständiges Instrument begriffen. An manchen Stellen klingen die Ghetto Ways auf dieser Platte stellenweise sogar nach Kiss (Not ‚cos i’m bored)  bzw. nach Cheap Trick (I always wanted you). Alles in allem sehr relaxt, cool, unverkennbar immer noch die Ghettoways und vor allem verdammt sexy! Zum Glück haben sie diese Platte nicht als erste veröffentlicht, bis auf die Spieldauer wird sie kaum zu toppen sein. Wunderschönes, farbiges Vinyl gibt’s übrigens auch ... Fehlt nur noch, dass die Drei endlich mal wieder ihren Arsch hoch bekommen und touren. (P.Trash)

FUCKED UP-COUPLE TRACKS-2xCD
So, da ist die zwei Sammlung der ganzen 7”s, für die sich ein paar Leute jahrelang die Hacken abgelaufen und ihr Konto geplündert haben. War mehr als absehbar, dass irgendwann dieser zweite Teil erscheint, denn mit Singles verdient man einfach keinen müden Cent (außer man verkauft sie in größerer Stückzahl teuer bei Ebay). Alle B-Seiten, alle raren Scheiben, für die man sonst Unsummen hätte ausgeben müssen – wenn man sie überhaupt einmal gefunden hätte – die es auf die letzte „Epics in minutes“-CD nicht geschafft haben, bis heute. Essentieller Stoff, wobei die Liner-Notes in einem Durchlauf gelesen, irgendwie den Eindruck vermitteln, dass die Band außerhalb von Aufnahmestudios keinerlei Leben führt. Auf Single schöner, hier aber deutlich billiger und bequemer ... (Matador) 

WE LIVE IN TRENCHES-MODERN HEX-LP
Klingt nach weniger filigranen Fuckep Up, Poison Idea, und wenn die Frau am Mikro steht auch mal kurz nach Nausea, beim Stück mit Saxophon stehen mal kurz Flipper mit im Raum.
Manischer als Fucked Up, dichter und weniger verspielt. Mit geschlossenen Augen könnte man Modern Hex glatt für eine frühe Inkarnation der Kanadier halten. Arbeitet wie eine Dampfmaschine, präzise und gnadenlos. Mächtig und sehr geil! (P.Trash)

AEROSOLS-SAME-LP+7“
20-30 Sekunden Kracher am oberen Ende der Schmerz- und Aussteuerungsgrenze, die vereinzelten „Longplayer“ mit 1:30 Minuten sind schon fast Erholung in diesem Konglomerat kurzer Hardcoreattacken und nahezu entspannt, weil sich hier nahezu strukturierte Songs entfalten können. Kaum eine andere Band auf diesem Label verkauft so schnell ihre komplette Auflage, bei keiner anderen prügeln sich die leer ausgegangenen Sammlernerds derart schnell um die Reste. Würde das Label nicht dermaßen beschissen in Europa vertrieben – wenn überhaupt, verirren sich nur die „normaleren“ Scheiben nach Europa – könnte man sich ja beim Vertrieb seines Vertrauens ein Abo schalten. Aber es gibt keinen einzigen Vertrieb, der wenigstens ein paar Exemplare jedes Releases bekommen würde, und der Webstore ist auch kein große Hilfe, weil dort die Erstauflage dieser Scheibe binnen weniger Stunden ausverkauft war (wohlgemerkt zu einer Zeit, in der wir Europäer normalerweise schlafen). Hype ist eine Sache, aber in Sachen auf den Punkt gebrachtem „True“-Hardcore, gibt es aktuell kaum eine andere Band, die so wütend, so angepisst, derart prägnant und kurz ihren Standpunkt verdeutlicht. Selbst die phantastischen Labelkollegen von Cult Ritual haben da schon fast epische Songlängen. Trotz aller Kürze der einzelnen Stücke ist das hier nicht nur wildes Gehacke oder dilletantisch. Highly recommended ... dank Neuauflage jetzt auch wieder erschwinglich aber immer noch jämmerlich vertrieben. Bei der Spieldauer auch noch eine 7“ beizulegen, grenzt fast an Größenwahn, ist aber, wie immer bei Youth Attack-Records, sicher wohl durchdacht in reiner Liebe zum Vinyl entstanden. (Youth Attack)

FUCKED UP-BRUISES-MLP
Sieht aus wie ein Bootleg, ist aber offiziell und klingt auch dementsprechend gut. Fünf Livetracks eines Gigs in Münster, die wuchtig und druckvoll das widerspiegeln, was Fucked Up eigentlich ist: eine Liveband! Wenn’s dann einmal mehr nach Poison Idea klingt, dann liegt das daran, dass sie ebenjenes Schwergewicht mit „Just to get away“ so covern, dass man zum Original absolut keinen Unterschied erkennt. Unglaublich, wie tight dies Band mit mittlerweile drei Gitarristen klingt. Nur von einem 16-Tonner überrollt zu werden ist schöner. (Slowboy)

LAST COMMUNION-SAME-LP
Klingt überhaupt nicht nach der anderen Band von zwei der Bandmitglieder (Sedatives), sondern nach ganz frühen hardcorigen Hot Water Music als sie noch Feuer unter dem Arsch und Eier in der Hose hatten. Ganz klar Retro-Sound, den man in den späten 80ern oder in den frühen 90ern verorten müsste, vielleicht noch in Chicago oder DC. Zu der Zeit hätte sich die Platte auch ganz gut auf Dischord oder Touch & Go gemacht und 1000e verkauft, aber dies ist ein andere Jahrhundert. Leider nur eine Seite bespielt, dafür gibt es auf der Rückseite ein schönes Siebdruckmotiv. Hier darf ruhig mehr kommen!!! (P.Trash)

FEAR-PARADISE DEMOS-LP
Als im Spätsommer 2008 das erste Mal die Fear-Demos in einschlägigen MP3-Foren auftauchten, war es nur eine Frage der Zeit, bis sich jemand dazu berufen fühlte, für die 13 Songs ein Cover zu basteln und sie als Bootleg auf Vinyl zu pressen. Die vereinzelt auftauchende Geschichte, dass es sich hier um eine Kopie direkt vom Originaltape handelt, ist allerdings Mumpitz, es sei denn, das Originaltape hätte die gleichen typischen Hiss-Geräusche, die MP3-Dateien in 128 KBit mit sich bringen, bereits von Anfang an gehabt. Für ein Master von den im Umlauf befindlichen Blog-Dateien spricht auch, dass die Platte an denselben Stellen (z.B. bei „I love living in the city“) dieselben Aussetzer hat. Nichtsdestotrotz sind Fear in ihrer Frühphase absolut essentieller Stoff und manche der Demos klingen roher und ungehobelter als auf dem Debüt. Für Leute ohne Internet oder solche, die keine Suchmaschine bedienen können, eine Alternative zum Download. Habe jedenfalls weit schlechtere Bootlegs in meinem Schrank stehen als diesen. (Von wegen Fanclub)

LEATHERFACE-THE STORMY PETREL-CD
Klarer Anwärter auf den “Most disappointing”-Award für das Jahr 2010. Gemessen an der Vorfreude und Erwartungshaltung (Dickie Hammond hat wieder heim zu Leatherface gefunden, der Gitarrist, mit dem die Band zweifelsohne ihre besten Veröffentlichungen getätigt hat), ist „Stormy Petrel“ das bei weitem schwächste Album, das diese Band jemals veröffentlicht hat. Sogar „Little White God“ hatte in seiner kurzen Urform mehr Höhepunkte als diese größtenteils vor sich hinplätschernde Scheibe, die zwar großartig aufgenommen wurde, aber von einer kurzen Halbwertszeit ist. Lediglich „My worlds end“ und „Never say goodbye“ stechen etwas aus dem Einerlei im unteren Mitteltempo heraus. "Diego Garcia" und „Disgrace“ gehen mit etwas gutem Willen auch durch, obwohl Leatherface von solchen Songs schon einige im Repertoire haben. Hammond und Stubbs alleine sind offensichtlich kein Garant für einen erneuten Geniestreich (die restliche Besetzung hat komplett gewechselt), den es wohl auch so schnell nicht mehr geben wird. Klingt toll im Vorbeihören, hat die üblichen Riffs und Gitarrenlicks, aber die Mehrzahl der Songs auf dieser Platte sind eben keine Hits. Peinlich: im Booklet hat ein Azubi zwei Texte doppelt aufgenommen, dafür fehlen zwei andere. Sorgfalt sieht anders aus, Qualität auch. (Big Ugly Fish)

BOTANICA-WHO YOU ARE-CD 
Irgendwann muss ich Antje mal auf ein Glas ihrer Wahl einladen, nachdem sie nicht zum ersten Mal eine Band in meinen Fokus gerückt hat, die sich davor jenseits meines Sichtfeldes befand (Brille tut Not). Wunderbar abwechslungsreiche Platte, zwischen relaxt, extrem lässig und Härte an der richtigen Stelle. Schon beim ersten Hören meldeten sich drei absolute Ohrwürmer, die gute Laune verbreiteten. „Witness“ könnte glatt von den DEAD BROTHERS stammen, „Cocktails on the moon“ hat Radiopotential für ein breites Publikum und „Perfection“ ist mit seiner Orgel, dem eleganten Spannungsaufbau und diesem Refrain definitiv ein Hit. Nach dem mittlerweile 10. oder 11. Durchlauf haben sich weitere Dauerbrenner dazu gesellt. Für Etikettenfetischisten bleibt nur eine Orientierung zwischen Post-Punk und Indie-Lounge, die auch ältere Leute anspricht, denen gehypter Mist traditionell am Arsch vorbei geht, weil ihre Kinder sie den ganzen Tag damit nerven. Sehr abwechslungsreich und Live extrem großartig! Hat alles, was eine Platte braucht, damit man sich nie wieder von ihr trennen möchte. (Rent A DOG) 

JOHNNY CASH-AMERICAN IV: AIN’T NO GRAVE-CD
Der letzte Bruce Lee-Film, definitiv! Mit viel Tamtam nachgeschobene 6. American-Veröffentlichung, nachdem es bei der V schon hieß, dass es die ultimativ letzte CD gewesen sein soll (und nach der dann die „Unearthed-Box“ kam). Mal sehen was Rick Rubin demnächst noch im Keller findet, vielleicht sollte er dazu mal die Bootlegger fragen, die die „American Outtakes“ auf den Markt geworfen haben. Musikalisch nach wie vor über jeden Zweifel erhaben, aber der Großteil der besseren Stücke waren auf der „V“. Dazu fühlt es sich nicht mehr ganz so ergreifend an, wenn Johnny wie beim Vorgänger die Stimme aus Schwäche versagt. Trotzdem kann man sich mit einem einigermaßen funktionierenden Gehör und Geschmack nicht der Wirkung von „Ain’t no grave“ und ganz besonders „Satisfied mind“ entziehen, die jemand eingespielt hat, in der Gewissheit, dass jeder Tag sein letzter sein könnte. Zehn Stücke, die ein sympathisches Label vier Jahre früher zusammen mit „A hundred highways“ als Doppel-LP bzw. Doppel-CD veröffentlicht hätte, aber wir sind ja hier leider nicht im Märchenland. (American Recordings)

THE ESTRANGED-TYPE FOUNDRY SESSIONS I-LP
Da lag ich ja wohl mal daneben als ich mich nach ihrer mauen CD dazu entschlossen habe, die 7“s großzügig auszulassen. Nennt mich ruhig Blödmann, an dieser Stelle hab ich es mir redlich verdient! Dirtnap hat dankenswerterweise die fünf allesamt in einer Session aufgenommenen Siebenzöller wieder zusammengepackt und auf einer LP vereint. Im Gegensatz zur „Static thoughts“ CD enthält diese Platte jede Menge Hits, die hier glänzen, eben weil sie unpolierter und rauer klingen. Erinnert nicht nur 1x an HOT SNAKES, die Gitarren der WIPERS, DRIVE LIKE JEHU und ROCKET FROM THE CRYPT ohne Bläser. So sehr ich auch gesucht habe, die Herren hier kommen nicht aus San Diego sondern aus Portland. (Dirtnap) 

CLOROX GIRLS-ALL I WANNA DO-7”
Drei Songs, davon zwei auf Spanisch, der Landessprache des Labels dieser EP. Hat ein schönes festes Kartoncover, aber irgendwie sind hier nicht die besten Songs der Clorox Girls enthalten. Gefällig, nett, aber nicht eingängig. (Discos Subterraneos)

FEHLFARBEN-WIR WARTEN-7“
Eine dieser Singles, die ich nicht verstehe, weil beide Songs 1:1 schon auf LP veröffentlicht wurden, da rettet auch das rote Vinyl nicht viel. Diese Art Veröffentlichungen mochte ich früher nicht, heute mag ich sie immer noch nicht. Unveröffentlichte B-Seiten, oder keine Singles machen! (Tapete Records) 

KEINE ZUKUNFT WAR GESTERN ROAD CREW-SAME-7“
Wer auf der Lesereise zum Buch zugegen war, hat die Interpretationen der vier auf dieser EP enthaltenen Klassiker bereits gehört und wird mir zustimmen, wenn ich behaupte, dass diese EP mit seinen 350 Exemplaren bei der Tour längst ausverkauft worden wäre, wenn es sie denn dort schon gegeben hätte. Klingt definitiv anders als die Originale, und wenn ich sagen, dass es sich stellenweise wie eine junge NINA HAGEN anhört, dann ist das nicht negativ gemeint, ganz im Gegenteil. Eine richtig schwere Aufgabe war’s aber nicht, denn alle Stücke sind ziemlich unkaputtbar. (Andi’s Friends Records | myspace.com/andisfriends)

MISFITS-LAND OF THE DEAD-12”
Die guten Seiten: das Coverartwork stammt von Zeichnerlegende Arthur Suydam, wir erfahren, dass George A. Romero noch einen weiteren „Of the dead“-Plot im Hinterkopf herumträgt, und das Vinyl ist farbig. Das war’s dann aber auch schon. Die Gesamtspielzeit beider Songs beträgt 4:59 Minuten, was eine kurze Single ergibt, statt einer 12“ zum Preis einer 12“! Leider kann Jerry immer noch nicht singen, was die mittelmäßigen (aber gut produzierten) Songs auch nicht schlechter macht als sie schon sind. Mal sehen, wie weit es noch in den Keller geht. (Misfits Records)

SICK MORMONS-TAEKWANDO-7“
Vier Songs mit der Quintessenz aller guten Zutaten von Bands wie FREEZE, CHANNEL 3 und der Rotzigkeit, die AEROBITCH auf dem Höhepunkt ihres Schaffens erreicht haben. Very Old-School, very verdammt cool, ohne Durchhänger! (Gummopunx Records)

VA-LET THEM KNOW –THE STORY OF YOUTH BRIGADE AND BYO 2xLP-CD-DVD
Was für ein Paket! Ein großformatiges Buch auf gutem Papier, 2x farbiges Vinyl, eine CD mit allen Tracks des Vinyls und eine DVD, die die Geschichte von BYO-Records und den unzertrennlich mit diesem Label verbundenen Youth Brigade bzw. den Stern-Brüdern in Form einer Dokumentation erzählt. Der Erste, der diesen Gesamtcontent auf irgendeiner Tauschbörse oder einem Filesharer zur Verfügung stellt, gehört umgehend erschossen, denn hier steckt soviel Arbeit, soviel Liebe zum Detail drin, dass schon eine gehörige Portion Dummheit und Ignoranz dazugehört, wenn man sich hier mit einem schnöden Datenpaket begnügt – bzw. dieses zur Verfügung stellt. Ein Sampler, der endlich mal wieder in jeden Haushalt mit gutem Geschmack gehört, auch wenn sich die enthaltenen Bands lediglich gegenseitig covern, gibt jede einzelne ihre persönliche Note ab. Letztendlich ist alleine das Buch nahezu den gesamten Kaufpreis wert. (BYO)

 
 

back nach home