VA-LA FORME LENTE-LP
Von keiner einzigen dieser französischen und belgischen Bands
habe ich vorher auch nur eine Note gehört. Trotzdem begeistert mich
mehr als die Hälfte sofort. Vielleicht deswegen, weil ich in der 80ern
aufgewachsen bin und Synthesizer-Minimal-Elektro-Düsterpunk einfach
genießen kann. Soundtechnisch gewiss nichts Neues, aber Neon Tie
Club (zwischen frühen Interpol und She Wants Revenge auf deren ersten
Platte), Garçons Coiffeurs oder COY (Yazoo trifft Anne Clark) sind
echte Perlen. Das Beste an der Sache: mit etwas Geschick kann man sich
aus den Myspace-Stücken der Bands, die einem gut gefallen, auch noch
eine Extended-Version basteln. So müssen gute Sampler sein: Du kennst
keine Band auf der Scheibe und bist nach dem Hören hungrig auf mehr.
Ach ja, hurtig, denn es gibt nur 500 Exemplare! (La Forme Lente / laformelente.fr)
DIGITAL LEATHERHURTS SO BAD-2x7”
SO macht man lässig einen auf richtig dicke Hose. Zwei einseitig
bespielte 7“s mit blanker B-Seite, die auch noch auf 33rpm gemastert wurden,
obwohl auf der Seite massig Platz für 45er Grooves gewesen wäre.
Es gibt drei Songs, wobei Shawn Foree immer dann am besten ist, wenn die
Sachen klingen, als wären sie kurz aus der Hüfte gerotzt worden,
so wie eben hier auf diesem kleinen Juwel. Der Titeltrack ist wohl mit
Mrs. Devon eingespielt worden, sehr genial. Die beiden anderen Tracks haben
wieder diese Düsternis der ersten Releases, die auf der „Sorcerer“
zu kurz kamen. Feines Siebdruckcover, das ich als Reminiszenz an „The Cutters“,
einer der vielen Inkarnationen von Shawn, verstehe. Klasse! (Squoodge /squoodge.de)
NEVER BUILT RUINS-SCHUTT & ASCHE-7“
Feiner Nachschlag zur 10“ der Ex-Cruise Missiles, der weiterhin in
dieselbe Kerbe haut. Vier Songs, die in derselben Liga wie Bombenalarm
oder Doomtown spielen, nur ist der Sound trotz zweier Gitarren etwas transparenter.
Röchelgesang, feine Melodiesplitter, die sich in mächtigen Riffs
einkleiden. „Alles brennt“ ist als Hit mit Instant-Mitwippfaktor herauszuheben.
Kann mich des Eindrucks nicht erwehren, dass beim Mastern der B-Seite irgendwas
anders gelaufen ist, bei mir klingt die ganz anders als die erste. (Prügelprinz/Rinderherz
/ rinderherzrecords.ch.vu)
NIGHT OF ONE SADIST-SAME-7”
Manche One-Man-Band ist technisch gesehen gar nicht so weit von den
frühen norwegischen Black-Metal-Kellerkindern entfernt, wie es vielleicht
den Anschein haben mag. Alleine, keine musikalischen Freunde, ein Keller
voller Instrumente, maximal rudimentäre Kenntnisse an der Hälfte
des Equipments, den Kopf voller Ideen und dann steckt im 4-Spur-Tascam
auch noch ein leeres Tape. Die restlichen Unterschiede bestehen im Tempo,
dem Verzerrtheitsgrad des Gesang und eventuell im Fehlen von einem Kanister
Benzin, um die nahegelegene Kirche zu betanken. Die Texte sind austauschbar,
denn verstehen tu ich bei beiden nix. Aber ich mag keine Nähmaschinendrums,
deswegen gefällt mir das hier auch besser als der meiste Dunkelmetall.
Schönes Cover auch, das in einer Singlekiste 50 Jahre überleben
wird, weil man den Bandnamen nicht lesen kann. Kaputter Kellergaragenblackmetaltrash.
(Squoodge/squoodge.de)
ZWEI TAGE OHNE SCHNUPFTABAK/FORMER CELL MATES-SPLIT 7“
Wunderschöne EP in extraschwerem Vinyl, bei der man mal wieder
richtig was in der Hand hält. Ein Labeldebüt, das gleich richtig
edel aussieht und zwei gute Bands ins Rennen schickt. Zum Einen wären
da Zwei Tage ohne Schnupftabak, deren Demo und LP mir schon gut gefallen
hat. Nicht allzu weit von Dackelblut in lichten Momenten entfernt, plus
ein wenig Trend. Zum Anderen gibt’s die Former Cell Mates aus Sunderland,
bei denen es sich – wie könnte es anders sein – u.a. um Ex-Leatherface-Mitglieder
handelt, die aber auch bei HDQ mitgespielt haben könnten. Mehrstimmiger
Gesang, viele Melodien und über allem regiert das mächtige Gitarrenriff.
Sehr schön, sehr gut ... prima Labeleinstand! (Glutex / glutex.de)
GUN MOB-CD-R
Schönes Handarbeitscover, das mindestens so aufwändig wie
frühe 80er Tapedemos gestaltet ist. Soviel Mühe haben sich sonst
nur Emobands gemacht, nur handelt es sich hier um waschechten Crustpunk
der oberen Güteklasse. Weiblich-männlicher Wechselgesang, zwei
dicke Gitarren, die eine gewaltige Wand auftürmen, Tempo, Breaks,
alles da! Reminiszenzen mit den bekannten Klassikern, wie Nausea, die wegen
der Wechselvocals auf der Hand liegen, müssen an dieser Stelle einfach
fallen. Zehn tonnenschwere Songs in sechzehn Minuten, die trotzdem abwechslungsreich
klingen, dazu in absolut plattentauglichem Sound, wow! (myspace.com/thegunmob)
ZWEI TAGE OHNE SCHNUPFTABAK-FÜNF-CD-R
Fünf Studiosongs, die gemeinsam mit den Stücken der aktuellen
Split-EP aufgenommen wurden. Astreiner Sound, dessen Nähe zu jeglichen
Rachut-Bands sich weder verleugnen lassen wird noch muss, denn es gibt
noch eine Menge Platz zwischen Turbo-oiro-trend, den die Regensburger gut
ausfüllen. Die einzige Frage, die sich mir stellt, ist: Wer hat die
zwei Stücke für die Split EP ausgesucht, denn hier sind eigentlich
die noch besseren Songs drauf. Schöne Verpackung zu einer Kleinauflage,
die es anlässlich eines Jubiläumskonzerts gab, Reste gibt es
über die Band selber. Absolut vinylwürdig, zugreifen! (zweitageohneschnupftabak.de)
REMO VOOR-TOILET LOVE/FROGRAMMER 7”
Ein KBD-Klassiker in zweifacher Ausfertigung. Auf der A-Seite gibt’s
beide Tracks im etwas maueren Originalmix, auf der B-Seite beide noch mal
mit mehr Schmackes. Was KBD-würdig ist und was nicht, fragt man am
besten nicht einen x-beliebigen Ebuy-Verkäufer, der zu allem immer
„Ramones“ schreibt, weil er nix anderes kennt. Nähert man sich vorsichtig
diesem Begriff, der (bisher) in keinem seriösen Lexikon zu finden
ist, muss die Band uralt sein und zumindest einen nahezu verschollenen
Tonträger aufweisen können, je weniger über die Musiker
bekannt ist, umso höher ist der KBD-Faktor. Musikalische Feinheiten
oder Relevanz spielen dann keine Rolle mehr, wenn die Band auf einem der
„Killed by Death-Cumstains-Bloody“-Bootlegsampler vertreten ist, und das
ist bei Remo Voor gleich mehrfach gegeben, also sind wie hier auf der sicheren
Seite. 2xPower-Pop-Rock-Punk made in Germany 1979 mit dem gewissen Extracharme
von damals. (Rich Bitch | myspace.com/iwannabearichbitch)
ANCESTORS-SAME-MLP
Putzige ekelhafte kleine Bosheit, die hier jemand in 333 Exemplare
weißen Vinyls gepresst hat. Musikalische Urschreitherapie, die man
sowohl auf 33rpm als auch auf 45 abspielen kann, beides klingt gleichermaßen
fies und unverdaulich, aber auch irgendwie faszinierend. Auf 33 Umdrehungen
werden alle, die mit schwummrigen Evil Dead VHS-Viertkopien (inklusive
Farbaussetzern) schlaflose Nächte durchlebt haben, einen Flashback
erfahren, wenn sie mit dem unsichtbaren Bösen durch den Wald fegen.
Auf 45 klingt es nur nach durchgeknalltem Krach, den ein paar Typen fabrizieren,
die lieber ihre Instrumente malträtieren als bewaffnet durch irgendwelche
Einkaufszentren Amok zu laufen. Krank, kaputt, extrem und eine echte Herausforderung
für alle, die auf leichtverdauliche Musik scheißen. (Youth Attack
/ ihateyouthattack.com)
A PLACE TO BURY STRANGERS-SAME-LP/CD
In den relaxten Momenten klingen diese New Yorker wie die Gebrüder
Reid auf “Psychocandy”. Feedbacks, verhallte entrückte Vocals, eine
allmächtige Gitarre und ein Schlagzeug, das präzise wie ein Drumcomputer
arbeitet. Nur die flirrenden Feedbacks hat man weggelassen und durch richtigen
Krach ersetzt, bei ein paar Songs wurde zudem vorher mit Schrotflinten
auf den 60ies-Hintergrund geschossen. Alles in allem ein Bastard, der zu
gleichen Teilen aus JAMC, den Lärmorgien der SWANS und Godflesh zu
Streetcleaner-Zeiten zusammengesetzt wurde. Vordergründig manchmal
reiner Krach, aber wenn man sich nur tief genug durch den Lärmteppich
wühlt, kann man wunderbare Melodien herausfischen, die sich zwischen
drei oder vier Soundwänden versteckt halten. Der Liveperformance wird
das Ganze allerdings kaum gerecht, denn was die drei Herren hier abgefackelt
haben, hatte kaum noch etwas mit Feinfühligkeit zu tun, das war pure
Gewalt, wie sie nur die besten AmRep-Bands in ihren entfesseltesten Momenten
hinbekommen haben oder eben besagte SWANS in der Lautstärke. Sehr,
sehr geil und vor allem LAUT!!! Unfassbar, dass diese Band nur so wenige
Leute sehen wollten. (Rocket Girl / aplacetoburystrangers.com)
THE BOXER REBELLION-UNION-CD
Früher (vor gefühlten 100 Jahren) gab es eine Menge Platten,
auf denen jedes einzelne Stück für sich glänzte und mit
den anderen zusammen eine durch und durch großartige Scheibe ergab,
deren Bedeutung sich aber erst vollständig als Ganzes erschloss -
Coverartwork, Texte, Du weißt schon. Heute gibt es Singlehits und
Platten, die man drum herum baut, deren Füllstücke aber kein
Mensch braucht. „Union“ ist keine Singleplatte, es sei denn man würde
aus jedem der Songs eine eigene machen, dann aber würde die Summe
der Einzelteile nicht dieselbe sein. Eine ungesignte Band veröffentlicht
aus Frust, weil sie nach dem Desaster der ersten Platte kein Label findet,
ihr zweites Album exklusiv auf iTunes, findet sich auf Platz 1 wieder und
macht selber gerade mal 1000 physische CDs, um sie auf der Tour zu verkaufen.
Inzwischen müssten diese edlen, auch weil zumeist signierten, Exemplare
längst ausverkauft sein, denn fast jede(r), der da war, hat sich nach
dem Konzert eine geholt, so gut waren die vier Jungs, denen es nur an der
Optik zum Superstardasein fehlt und fehlen wird, leider. Musikalisch ist
die Quintessenz des Besten, was in den letzten zwanzig Jahren unter Britpop
lief, hier auf einer Platte vereint. Zu jeder einstmals oder aktuellen
großen Britband wirst Du Bezugspunkte finden, nur sind sie hier unverbraucht
und absolut unpeinlich zu etwas Neuem zusammengefügt. Großartiger
Pop, den man bald mit der breiten Masse teilen werden muss, denn da führt
einfach kein Weg dran vorbei. Wenn ihr alle brav aufesst, dann gibt es
vielleicht schon bald eine weniger schöne Reissue für die Menschen
ohne eigenen Riecher. Hätte ich ein Label, ich würde diese Band
sofort unter Vertrag nehmen, denn groß sind sie eigentlich schon,
großartig sowieso. (theboxerrebellion.com)
COLD SWEAT-BLINDED-LP
Zehn nihilistische, alles niederwalzende, unendlich wütende Hardcoreattacken
im Stile von Bands wie Negative Approach, Black Flag, Nihilistics oder
den frühen Born Against. Schnörkellos, geradlinig wie die Nadel
einer Giftspritze und so unfreundlich wie ein Alkoholiker, dem Du gerade
ins letzte Bier gepisst hast. Einziges Manko: die teilweise grottenschlechte
Pressqualität, bei der im einen oder anderen Teil Sand mit ins Vinyl
geraten sein muss. Davon abgesehen: Moshpit vor dem Bett, Circledance über
die Regale, dann auf den Schreibtisch und von der Matratze auf den Boden
diven. Hardcore, wie er sein muss! Zwei Punkte Abzug für die Vinylqualität.
(manicriderecords.com)
FORBIDDEN DIMENSION-A COOL SOUND OUTTA HELL-LP
Junge, wie die Zeit vergeht. Da veröffentlichen Forbidden Dimension
nach neun Jahren endlich mal wieder eine Platte und es dauert fast ein
Jahr, bis die LP hier bei mir landet. Gut, zwölf Wochen hat alleine
die Post von Kanada bis hierher gebraucht, aber der Rest?! Unverzeihlich,
denn „A cool sound“ ist zwar auch wieder keine zweite „Sin Gallery“ (die
in jeden ernstzunehmenden Horror-Punk-Haushalt gehört, andernfalls
gebt gefälligst Eure Schminke zurück, ihr Erntedankfestzombies),
aber Tom Bagley und seine beiden Mitstreiter haben den Spaß an ihrer
ganz eigenen Form des Rock’n’Roll-Horrors nicht verlernt und geben diesmal
eine Orgel dazu, die Tomb aka Mr. Bagley schon bei den Huevos Rancheros
einbrachte. Klingt gut, das Cover sieht wieder einmal wunderschön
aus, blutrotes Vinyl, das Album gibt’s noch mal als Gratisdownload, aber
was der Platte fehlt, sind ein oder zwei richtig herausragende Hits. (savedbyvinyl.com
/ myspace.com/forbiddendimension)
MULETRAIN-CRASHBEAT-CD+DVD
Ich werde nicht aufhören, so lange auf Muletrain als eine der
sträflich unterbewertetesten Bands hinzuweisen, bis die Jungs aus
Spanien hierzulande endlich verdientermaßen in vollen Läden
spielen. So weit ist der Sound von der Vorgängerband AEROBITCH nämlich
nicht, und bei denen war’s wenigstens in Stuttgart immer voll. Unglaublich
tighter und druckvoller Rock’n’Roll-Hardcore, der alle sofort ansprechen
müsste, die beim Fallenlassen des Albumtitels „Ass Cobra“ sofort an
ihr Plattenregal rennen, um nachzusehen, ob es der Scheibe dort noch gut
geht. Zeke minus deren Tempo, TRBNGR ohne Dorfkutten und überflüssige
Soli, Motörhead – Lemmy + Hardcore, mit dem einzigen Makel, dass die
Band aus einem Land kommt, aus dem Bands es schon immer schwer in Deutschland
hatten. 13 Songs in knapp 26 Minuten, da kann sogar ein Gymnasiast ohne
Taschenrechner die durchschnittliche Spieldauer ausrechnen. Im Gegensatz
zur letzten Betonwalze haben Muletrain diesmal mehr Melodien an Bord und
mit „White lies“ sogar einen fast fröhlichen Song dabei (dessen Text
allerdings weniger fröhlich ist). Die beiliegende - ziemlich professionell
gemachte - Tour-DVD ist grundehrlich, unterhaltsam und beschämend
zugleich, denn Muletrain spielen bis auf zwei Ausnahmen fast immer vor
ziemlich überschaubarem Publikum und geben dennoch alles. Wer kein
Spanisch versteht, kann die Untertitel einblenden, das hilft ungemein.
Sahneplatte, wunderbares Coverartwork, sehenswerte DVD: volle Punktzahl.
Die Band kommt im Oktober auf Tour, und wer es bis dahin immer noch nicht
kapiert hat, der soll sich ruhig weiterhin auf drittklassige Bands einen
von der Palme wedeln, aber Reviews schreib ich für ihn dann keine
mehr, so! (Beat Generation | munster-records.com)
NEPTUNES FOLLY-SAME-LP
Jajaa, ich hör die Wipers durch, ist ja nicht zu überhören,
aber da sind auch noch andere Bands zu hören, wie die Ghetto Ways,
die Lost Sounds oder die Hex Dispensers (die ja alle zugegebenermaßen
den frühen Greg Sage goutieren), aber eben alle einen dunklen Schatten
addieren. Die Neptunes reichen noch nicht an die Hex Dispensers oder die
Lost Sounds, sind ihnen aber eindeutig am ehesten auf den Fersen. Immerhin
ein guter, vielversprechender Einstand mit Luft nach oben. Für ein
Trio ganz schön tight! Ein wenig Abwechslung im Schlagzeugsound würde
Wunder wirken. (Milk & Chocolate Records | milkandchocolate.de) |