REVIEW MEINE OHREN
August/September/Oktober/November 2008 (jaja, ich weiß)
 
MULETRAIN-THE ANSAR E.P.-7”
Hammersingle einer der unterbewertetsten Bands überhaupt. Wenn ich dran denke, wie wenige Leute diese Band beim letzten Mal sehen wollten, dann muss ich nicht lange nachdenken, ob Geschmack eine weit verbreitete Eigenschaft ist. Vier Songs, vier Hits, in atemberaubendem Tempo heruntergespulte Killer, die einer „Ass Cobra“ zur Ehre gereichen. Die Jungs schaffen es sogar, dass die Discharge-Coverversion das Original um Längen abhängt. Wer das Ultravox-Original unter dem Rock’n’Roll-Feger erkennt, ohne nachzusehen, darf heute mal den Sport auslassen, und wer auf Deathpunk abfährt, der wird mit diesem Scheibchen definitiv seine helle Freude haben. Scheiß auf Lalalakinderpunk, das hier ist der richtige Stoff!!! (Beat Generation | munster-records.com)

MÖNSTER-OUT OF LUCK-7” 
Die gut geölte Dampframme Mönster schlägt vier breite Schneisen ins Gehölz. Ein guter Zeitpunkt, um mal wieder das alles entscheidende Stichwort fallen zu lassen, das da lautet: „mächtig“!!! Satter Sound, mit ordentlichen Bässen und dem mehr, das Kinder von Erwachsenen unterscheidet. Die Rucksackträger und Muttersöhnchen könnten sich hier ein neues Feindbild suchen, denn „Fuck those straight edge kids“ ist unmissverständlich. Den Barsong am Ende übergehen wir einfach, der müsste nicht zwingend auf einer Mönster-Platte sein. (unsociable.net / sabotagerecords.net)

NO AGE-ERASER-7”
Grandiose Bandbreite, die hier mit nur vier Stücken abgedeckt wird. Minimalpunk mit voll aufgedrehten Verzerrern, ein Gesang, der 1977 auf frühen Singles zu finden war, Garage, und ein Titeltrack, der erst kurz vor der Hälfte wirklich loslegt. Klingt zerfahren, ist aber völlig großartig, denn mit den drei Coverversionen der B-Seite decken sie den musikalischen Bandhorizont ziemlich genau ab (Urinals + Irgendwer + Nerves), geben bei allem aber noch eine Schippe drauf. Die gelb bedruckte Innenhülle des geklebten Kartoncovers hat was (SUB POP)

BLACK TIME-HATE SONGS FOR THE BLITZKRIEG BOPPERS-7”
Eine Band kurz vor dem Wahnsinn, zwischen zelebriertem Dilletantismus, Zerstörungswut und dem festen Willen, aus den auseinanderfallenden Einzelteilen doch noch so etwas wie einen Song zu bauen. Extrem übersteuerte, kantige Gitarrenriffs, die mit klassischen Songstrukturen kaum noch etwas gemein haben auf der einen, Garagenkracher, wie sie auch aus der Feder der Fatals stammen könnten, auf der anderen Seite. Zwischen John Spencer Blues Explosion und ein paar der bekannteren Tiefgaragenfranzosen, die an mancher Stelle gerade noch die Kurve kriegen. Ziemlich cool! (haterecords.com)

LIVE FAST DIE-BUZZ BUZZ BUZZARD-7“
Ha, dafür hätte ein junger GG Allin getötet, wenn seine Band einen dermaßen fetten Buzzersound (!) hinbekommen hätte. Die Gitarre klingt original so, wie sich ein Elektroschocker am Ohr anfühlt. Dazu diese kleine Kinderorgel, entzückend! Ähnlich angenehm wie das Urinieren auf einen Kuhweidenzaun. Auf der B-Seite gibt es zu diesem Sound auch noch einen gehörigen Tritt aufs Gaspedal, wobei die Gitarre hier schon fast den Sound eines Elektromotors imitiert und weniger den eines Saiteninstruments (Knopfdruck: brrrrrmmmm). Fettes Gebrazze, zwischen den Fatals ohne Höhen, einem ganz jungen GG Allin mit den Scumfucks und noch Haaren auf dem Kopf. Einen tieferen Sinn wird man hinter Stücken wie „(He’s got) pecker breath“ wohl kaum finden, aber dafür macht es verdammt viel Spaß. Killer!!! (Goodbye Boozy)

BILLY BAO-DIALECTICS OF SHIT-LP
Eine echte Herausforderung, die harmoniebedürftigen Menschen in etwa so viel Freude bereiten wird wie eine Wurzelbehandlung. Wer es gerne extrem mag, seine Nachbarn nicht leiden kann oder noch am Überlegen ist, ob es mit dem Wahnsinn klappt, der kann hier zugreifen. Pendelt zwischen Flipper, primitiven Antiseen, Drunks with Guns auf schweren Drogen, Pissed Jeans (ohne deren Songstrukturen), den Brainbombs purer Bosheit und Irrsinn mehr oder weniger munter hin und her, stets das Ziel vor Augen, Dir so gut es eben geht auf die Nerven zu fallen. Muss zugeben, dass es sogar mich fordert, denn sie machen ihre Sache wirklich gut. Inmitten von erkennbaren, wenn auch primitiven Songstrukturen, schlägt einfach eine Bombe oder ein fieses Rauschen ein, das alles zerhackt oder wie ein dichter Teppich zudeckt. Beim  Mastering wurde offenbar besonders Wert darauf gelegt, dass die Lautstärken der einzelnen Stücke extrem unterschiedlich ausfallen, so dass man instinktiv erst einmal lauter macht, bis einem die Boxen um die Ohren fliegen. Vielen Dank aber auch! Wenn’s dann mal tatsächlich wie ein richtiger Song klingt, kommt aus dem Nichts die Keule. Harter, wirklich harter Stoff, auf dem ein unsichtbarer Sticker prangt: Garantiert harmonie- und melodiefrei! (Parts Unknown)

BOHREN UND DER CLUB OF GORE-DOLORES-CD/2xLP
Eine vergleichsweise “fröhliche” Platte lassen Bohren hier vom Stapel, begleitet von einem der längsten Pressetexte ever, die den durchschnittlichen Musikredakteur vor unlösbare Probleme stellen wird, weil er hier Informationen herausfiltern oder (huch) die Scheibe selber anhören müsste (so kann ich nicht arbeiten!). Bohren haben einen Fehler gemacht und sich mit der „Sunset Mission“ den geeigneten Titel für diese Scheibe geklaut. Dolores ist entspannt ruhige, lähmend langsame Dämmerungsmusik, die dann passt, wenn man nach einer langen Nachtfahrt im ersten Morgengrauen in einer menschenleeren Stadt ankommt, in der noch alle schlafen. Jeder Ton hat seinen Platz, den er voll und ganz auskostet als gäbe es kein morgen. Perfekt auch, um nach einer durchgemachten Nacht einen kleinen Cocktail zu mixen, mit dem man auf dem Dach die ersten Vorboten der Sonnenstrahlen abwartet, zufrieden und eins mit der Welt. Seltsam, mit wie wenig Änderungen aus Tiefschwarz Helligkeit entsteht. Ich weiß nur zu gut, dass einigen bei Bohren zu wenig passiert, der fehlende Gesang, das “Tempo“ (welches Tempo?), aber dafür gibt es anderswo genügend „Action“. Geht einfach und lasst uns in Ruhe. Wie immer eine wohltuende Insel in einem viel zu schnelllebigen und hektischen Jahrtausend, jenseits des normalen Zeitgefüges. Erhaben und einfach nur schön! (piasrecordings.com)

INDIAN JEWELRY-FAKE AND CHEAP-LP
Fängt an wie „Bela Lugosi’s dead“, bei dem man einen Ton vergessen, aber dafür jede Menge komische Pilze zum Mittag hatte. Am ehesten erinnern diese Texaner an eine straighte Version von frühen Jesus & Mary Chain, denen man die Feedbacks und den Bubblegumfaktor verboten hat. Leicht nölig, gefühlt langhaarig, aber mit schweren Lederjacken und verdammt viel Coolness. Klassisch kaputter Shoegazersound mit Tiefgang trifft auf die späten 60er mit frühen Bauhaus. Zusammen ergibt das einen Sound, der einfach zuviel Klasse hat, um als Hippiemusik missverstanden zu werden, was mit einem Instrument wie einer Sitar wirklich schwer fällt. Soweit so gut, bis hier zehn Punkte, nur kommt dann die B-Seite mit Hippieindustrialambientsongs, die nicht mehr auf diesem Planeten stattfinden. Spacecakes treffen auf eine Fressattacke nach einen viel zu großen Bong. Live könnte das eine dieser Bands sein, bei denen man sich komplett verliert, sofern sie nur die erste Seite spielen. Entscheidet euch ... (deletedart.org)

TREND-VIER-CD
Hier müsste man eigentlich EA 80 zitieren und die Leute, die eine Weiterentwicklung vermissen, irgendwohin wünschen, am Besten zum Lidl. Anders formuliert: fast alle Stücke hätten auch durchaus auf den letzten beiden Langspielern stattfinden können, und das sind undiskutierbar großartige Platten, wie eben auch „Vier“. Den ewigen Nörglern wird trotzdem schon etwas einfallen, was sie auszusetzen haben: Stillstand, Reproduktion, was auch immer. Wer aber genau hinhört, wird entdecken, dass eine Weiterentwicklung stattgefunden hat, die sich unter anderem in einem Gitarrensound äußert, der auch von den Editors kommen könnte. Große raumgreifende Soundteppiche treffen auf die wahrscheinlich präzisesten Textfetzen, die es seit 1980 mit einer Platte aus Düsseldorf gegeben hat. Es gibt weiblichen Chorgesang, selbst das Schlagzeug fällt virtuoser aus, also halten wir fest: Progress ohne eine Neuerfindung! Wozu auch? Wer bei „Freundliches Feuer“ nicht an einen „Kalten Mammut“ denkt, der hat es nicht verdient, eine warme Mahlzeit zu bekommen! Es gibt kaum eine Band, die SO klar formulierte Texte hat, deren Refrains sich derart schnell festsetzen, aber trotzdem nicht als platte Slogans taugen. Wortspiele um den Plattentitel lassen wir andere spielen. Alle Achtung, ein extrem dichtes Werk an Demnächst-Klassikern mit ohne Lückenfüllern!!! (Sounds of Subterrania)

SYPHILITIC VAGINAS-SAME-MLP+COMPLETE STUDIO RECORDINGS-CD
Eine Band, von der in Japan kein Schwein etwas gehört hat, die so klingt als hätten GISM nach der 1. LP ein bisschen weniger Industrialnoise von Sakevi verschrieben bekommen, deren Platten nur auf amerikanischen Labeln erschienen sind, mit einem Logo, das deutliche Parallelen zu dem von Spinal Tap aufweist. Könnte tatsächlich auch nur ein einzelner Typ sein, der gekonnt irgendwo im Keller seinem Japan-GISM-Fetisch huldigt. Für Freunde der Stimme von Herrn Sakevi Yokoyama und dem Gitarrensound von Randy Uchida sind die syphilitischen Vaginen ausdrücklich empfohlen, die sich sicher nicht umsonst nach einem Song von GISM so benannt haben dürften. Fake oder Tribut, ganz egal, genialster Retro-Japanhardcore, der merkwürdigerweise unter Metallern als „Black Metal“ hoch gepriesen wird. Wer alles will, der holt sich gleich die „Complete studio collection“ mit allem, was bisher von SV aufgenommen wurde, inklusive grandioser Songtitel wie „Armageddon buttfuck“, „BBC Weapons“ oder „Hell in Hades“. Ein großartiger Spaß!!! (Hardcore Holocaust)

ANALS, THE-COMMANDO OF LOVE-7”
Angefahrener, kaputter Schleifsound, der sich monoton mit simpelstem Schlagzeug, Migränevocals und einigen Feedbacks durch beide Seiten quält. Ohne eigentlichen Höhepunkt, genau das, was man bekommt, wenn man zuviel Suicide in den Discolokosst-Auflauf kippt. Für Leute, die gerne auch mal ihren Goldfisch auf die Boxen stellen. „Wake up you’re dead“ gehört zu meinen Top-5 Songtiteln 2008. (Sweet Rot Records)

BOSOM DIVINE-SYSTEM DISCO-7“
Cool, endlich mal wieder eine französische Band, die nicht gleich nach irgendeiner anderen Band von der 100x ausgelutschten Speisekarte klingt. Die A-Seite ist ein kleiner Hit und ein Lehrstück in Sachen gut gemachter 77er-Power-Pop-Punk. Der leichte New Wave-Touch würzt die Sache zusätzlich. Während „I’m your animal“ regiert, ist die Rückseite „Hangover“ trotz Farfisa-Orgel so schnell vergessen wie gehört. Aber die A-Seite, alle Achtung, sehr fein. (Les Disques Steak)

HIROSHIMA ROCKS AROUND-THE MATTER OF FACTS-7”
Ui, was für ein Plombenfräser! Nicht zu empfehlen bei Kopfschmerzen, jedenfalls nicht die A-Seite, die hinter einen kaputten zerfahrenen Psychosong eine Breitseite hochfrequenter Töne liegen hat, die einem schon bei einem leichtem Kater schwer zusetzt. Die B-Seite ist vergleichsweise „seichte“ Kost, wie Flipper, nur bei Sonnenschein mit etwas Tempo. Weniger dumpf als die Drunks with guns, weniger debil und destruktiv, aber nicht minder kaputt und zugleich herausfordernd. Dabei hätte einen schon das Cover genügend warnen müssen, keine Angst, ist nur eine Single, die ist irgendwann vorbei. Spaß sieht anders aus, dafür wächst man mit solchen Platten! (s-s records)

SEDATIVES-CANNOT CALM DOWN-7”
In einer Welt, in der es gerecht zugehen würde, hätte eine Hammer-EP wie diese nicht nur eine Auflage von 300 Exemplaren, was nur dazu führt, dass außer einer Handvoll Glücklicher und Sammler, die das Scheibchen wie einen Schatz horten werden, kaum jemand sonst seine Ohren an dieses Juwel bekommen wird. Im Land zwischen den Lost Sounds und den Hex Dispensers liegen diese fünf Songs, jeder davon ein Hit, herausstechend dabei der Titeltrack und „Slip away“. Soundtechnisch  mehr Dispensers als LS, inklusive dem original Orgelsound aus dem Film der „Omega Mann“. All killers no fillers!!! Ein wirklich schlaues Label lizensiert hiervon eine Lizenzpressung und holt die Band auf Tour!!! (Going Gaga Records)

SYPHILITIC VAGINAS-BLACK MOTOR COVENANT-7”
Entweder einer der besten Fakes der letzten Jahre oder es gibt tatsächlich jemanden, der einen Sakevi-Schrein in seiner Tokyoter Butze stehen hat. Vier astreine Japan-Kracher, im Stile von 80% GISM, und zu gleichen Anteilen Outo, Lip Cream, Zouo, Comes und Gauze. Hier hat sich jemand richtig Mühe gemacht, inklusive japanischem Englisch (fuck off all one) und Gitarrensound, bei dem nur die Qualität der Aufnahmen Rückschlüsse auf das neue Jahrtausend zulässt. Herrlicher Spaß! (Rescued from life records) 

TERRORIZE KIDS-HISTORY REPEATS ITSELF-7”
Herrlich selbstreferentieller EP-Titel. Jedes der fünf Stücke hätte auch auf dem Boston not LA, dem Flex your head oder dem Unsafe at any speed sein können. „Waschechter“ frühachtziger Boston/Washington-Sound, der schnörkellos heruntergespult wird. Im Gegensatz zu vielen anderen erkennbaren Epigonen, die eher bemüht sind, klingen die Terrorize Kids wie frisch aus der Tupperdose. (Search for fame records) 

UNDEAD-STILL UNDEAD … AFTER ALL THESE YEARS-CD/PICTURE-LP
In minimalster Aufmachung (selbst die Picture-Version haut mich grafisch nicht vom Toilettensitz) gibt es eine handvoll neuer Songs und ein paar altbekannte in neuen Aufnahmeversionen. Um meinen alten Freund Preussi zu einer anderen Platte einmal zu zitieren: „Der hat seine besten Songs längst geschrieben.“ Besser wird es nicht wirklich, nur wesentlich rockiger. Die halbe Scheibe besteht aus Livematerial, wobei das auch eine Aufnahme aus einem Demostudio sein könnte, Liveatmosphäre kommt jedenfalls nicht auf. Trotzdem sind die scheppernden Livesongs das musikalisch bessere Material. Okay, die Liveversion von "Bullet" klingt wie mit einer verstimmten Ukulele gespielt, und gehört zu den zehn schlechtesten Coverversionen der letzten 27 Monate. Hmm, kann man sich kaufen, muss man aber nicht, denn die besten Platten hat man von Bobby Steele schon längst gehört. (Black Bird/No Balls)

DIGITAL LEATHER-SORCERER-LP/CD
Hmm, dafür, dass die Plate so verdammt lange gedauert hat, etwas ernüchternd, was letztendlich auf dem Teller gelandet ist. Okay, die komplette erste 7“ noch mal (wer sie nicht hat, selber schuld), ein paar verstreute Tracks und auf der zweiten Seite ein Liveset. Nicht Keks, nicht Schokolade, denn Stimmung will nicht so recht aufkommen, dafür sind die Songs zu unhomogen. Entweder eine komplette Liveplatte oder eine Sammlung der verstreuten Tracks plus ein paar unveröffentlichte Songs. Bis jetzt die laueste Platte von Shawn, kann mir nicht helfen. Sorry, aber wenn man neben die eigene Messlatte springt ... (Goner)

 

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