EDITORS-IN THIS LIGHT AND ON THIS EVENING-2xCD
Eines muss man den Editors wenigstens anrechnen, ihre limitierten CDs
erscheinen stets zum normalen Releasedatum des Albums und nicht als Fanverarsche
zwei Monate nachdem schon jeder die Platte hat. Für die Frühaufsteher
gibt es hier eine Doppel-CD mit fünf Extrastücken auf einer zweiten
CD, die den fahlen Geschmack auf der Zunge allerdings auch nicht besser
macht. Habe ich die ersten beiden Platten der Engländer noch über
alles geliebt, muss ich gestehen, das jede Liebe irgendwann auch mal ein
Ende hat. Die Editors haben ihren Stil geändert. Raus mit den Gitarren,
rein mit den Synthesizern und Sequenzern, bleibt eigentlich nur noch die
markante Stimme, die sie von einer schlechten Kopie früher Depeche
Mode abhebt. Ein bisschen Elektrokrautrock hier, ein wenig geklaut da,
viel Gerede über Flood als Produzenten, aber bis auf einen einzigen
brauchbaren Track (Papillon) nur jede Menge unausgegorenes Material ohne
Substanz und großen Wiedererkennungswert. Schon einige Bands haben
solche tiefen Griffe ins Klo hinter sich, aber doch nicht schon bei der
dritten Platte. Insgesamt ziemlich einheitlich scheiße und schon
jetzt mit Abstand die größte Enttäuschung des gesamten
Jahres. Nochmal drüber nachdenken, ich hör mit das Ding jedenfalls
kein weiteres Mal freiwillig an. Wer um alles in der Welt braucht eine
billige Kopie von Gore und Co.? (PIAS)
ANDALUSIANS-THE WORK-7”
Auf 500 Exemplare limitierte 3-Track-7”, der ein Downloadgutschein
für die EP und drei weitere Songs beiliegt. Aha, so sieht das „ungespielte
Vinyl“ der Zukunft aus. Female fronted Art-Post-Punk, als wären Liliput
nie aufgelöst worden oder die Slits hätten gelernt, ihre Instrumente
zu beherrschen. Die drei Bonusstücke sind übrigens kein Studioabfall
oder Demos, sie hätten mit den anderen gut und gerne eine Mini-LP
ergeben. (Dischord)
BILL SHANKLY-HATE WORLD-7”
Roher Old-School-Hardcore, der ausnahmsweise mal nicht aus den Staaten,
sondern aus Australien kommt. Die Referenzen lassen sich angenehmerweise
direkt von der Thanks-Liste ablesen: Void, Necros, Faith, Negative Approach
und weitere aus dem Zeitraum 82-84. Zehn Songs, allesamt kurz und knackig
auf den Punkt gebracht. Leider leidet die EP etwas darunter, dass es sich
hier offensichtlich nur um Demo-Aufnahmen handelt, die doch jemand auf
Vinyl pressen wollte. (KOP Records)
BIPOLAR BEAR-SAME-7”
Vier Songs, die wie die gesunde Schnittmenge aus entkernten, weniger
fiesen McLusky und Les Savy Fav klingen. Dominante Gitarrenführung,
relaxt, gelassen und gelungene Refrainparts. Zwischen Noise, heimlichem
Noisepop und jeder Menge Coolness. Ziemlich produktive Band, wie deren
bisheriges Werk spurlos an mir vorbeigegangen sein kann, ist mir ein Rätsel.
Sehr coole Sache und spätestens morgen so hip, dass es weh tut. (Labil
- Labil.org)
BLACK SUNDAY-CANT’T KEEP MY HANDS OFF YOU-7”
Zur Entrüstung über Hüllengrößen siehe auch
“Young Offenders”-Review, ansonsten haben wir hier zwei neue Songs aus
der Feder von Alicja Trout, von denen einer lupenreiner zuckersüßer
Elektropop ist, der andere hat ein wenig mehr Punk in der Gewürzmischung.
Nichts, wofür man töten müsste, aber auch kein rausgeworfenes
Geld. (Red Lounge/Disordered Records)
THE CUTE LEPERS-BERLIN GIRLS-7”
Herrlicher 77er-Pop-Punk mit großer Instrumentierung, Bläsern
und allem was einen radiotauglichen Ohrwurm früher ausgemacht hat.
Klingt wie die Briefs mehr nach altem England-Punk als nach Seattle und
so frisch, dass man meint, nochmal (moment) 11 Jahre alt zu sein, als man
das erste Mal statt der Drones oder Eater eben AC/DC gehört hat. Wunderschönes
neongrünes Vinyl, eine Klasse B-Seite, ich freu mich auf die LP. (Damaged
Goods)
THE CUTE LEPERS/THE BITE-SPLIT-7”
Die Cute Lepers unterscheiden sich hier von den Briefs tatsächlich
nur durch den weiblichen Chorgesang, zumal hier auch der alte Schlagzeuger
noch einen Song spielt. The Bite steuern ebenfalls zwei Songs bei und klingen
natürlich wie 77er-UK-Punk, ein bisschen weniger poppig und catchy,
aber nicht schlecht. Erinnern mich an eine alte Band, deren Name mir partout
nicht einfallen will, egal. Blödes Cover, auf dem man jeden Schmutzfinger
sofort sieht, das an die CBS-Blitzinformations-Singles erinnert, orangenes
Vinyl, gut. (Daily Records)
INTEGRITY/AVM-SPLIT-7“
Zwei Songs je Band auf ultralimitiertem Vinyl, das sehr schnell zum
Sammleralptraum wird, da die Single kaum in den freien Verkauf gelangen
wird. Beide Seiten haben parallel laufende Rillen, je nachdem welche man
trifft, erwischt man den einen oder anderen Song. Im Falle von Integrity
die Coverversion von Septic Deaths „Silent dream“ oder „Poison Mask“. Bei
AVM gibt es GISM-Sound wie auf der „Detestation“ bzw. bei Erwischen der
zweiten Rille wie eines der Industrial-Stücke der „M.A.N.“ Es benötigt
etwas Fingerspitzengefühl oder Geduld, um an den zweiten Song zu gelangen,
aber es lohnt sich. Und wer die Platte nur einmal abspielt, wundert sich
kurz, warum da zwei Stücke stehen, er aber nur einen bekommt, anschließend
stirbt er dumm. (Holy Terror - holyterrorrecords.com)
ACCIDENTS-STIGMATE ROCK’N’ROLL-10”
Die Schweden sind irgendwie eine Bank in Sachen High-Speed-Rock’n’Roll-Punk
mit Schmalz und genügend Motörhead-Dampfwalze unter’m Arsch,
der so niemals langweilig wird. Klingt diesmal an der eine Ecke schon nach
Damned, an der anderen Ecke nach frühem 60er-Greaser-Sound, der warm
in fette Gitarren eingepackt wurde. Zwei „halbe“ Coverversionen, die gerade
mal soviel leihen, dass es immer noch rätselhaft bleibt (aber irgendwo
hab ich das doch schon mal ...), plus vier weitere Stücke, allesamt
ohne Ausfall, eingängig, unverkennbar und verdammt gut. Von den sechs
Stücken taugen mindestens vier für ein Mixtape oder den Bus-pod,
was auch immer in Deinem Ohr steckt. Spartanisch verpackte 10“, deren karger
Look schon fast wieder Stil hat. (Bootleg Booze)
A PLACE TO BURY STRANGERS-EXPLODING HEAD-CD
Das ging schnell! Nicht mal ein Jahr ist die erste Platte alt, schon
gibt es auf neuem Label Nachschlag. Klingt stellenweise etwas „fröhlicher“
als der Erstling, was angesichts der Lärmwände drumherum als
relativ zu sehen ist, denn wenn die Melodie schon nach Frühling klingt,
dann geht wenigstens der Text in eine andere Richtung und es endet wie
die Platte mit krachenden Boxen, in denen die Membrane um Gnade winseln.
Trotz heller Momente türmen die New Yorker immer noch gewaltige Soundgewitter
auf, mischen alte AmRep-Tugenden mit Shoegazer-Sound, etwas 80ern, frühen
Godflesh und Sisters of Mercy zu einem Höllengebräu zusammen.
Wie beim Debüt alles noch da: Feedbackorgien, Effektmassaker, das
Schlagzeug, das klingt wie ein getunter Drumcomputer, der entrückte
Gesang, trotzdem ist es keine Wiederholung derselben Platte. „Exploding
head“ ist in der Tat noch besser als der Erstling, weil sie einen roten
Faden zu haben scheint, der auf ein Ziel zusteuert. Wer bei Gitarrennoise
mitreden möchte, kommt an dieser Band nicht vorbei. Grandios!!! (MUTE)
BILLY BAO-MAY 08-LP
Billy Bao bewusst anhören ist ein bisschen wie Wettsaufen, bei
dem es darum geht, wer als erster kotzt. Hier geht es darum, wer als erster
aufgibt und die Nadel anhebt, denn diese Platte strapaziert Deine Gehörgänge,
sie geht Dir auf die Nerven, sie verursacht Unruhe und führt garantiert
nicht dazu, dass Du dich anschließend besser fühlst, wenn Du
doch die ganze Scheibe durchgehalten hast. Aber sie zerstört Deine
Grenzen, zeigt Dir neue auf, und kann Dir in der falschen Stimmung so tierisch
auf den Sack gehen, dass Du anschließend einigen Leuten endlich mal
die Meinung geigst, weil es dann auch egal ist. Mit großkalibrigen
Waffen auf ungeliebte Nachbarn schießen ist auch eine Option. Die
logische Fortführung dessen, was Flipper einmal so harmlos angefangen
haben, monoton, eintönig, fies und einfach nur bösartig wie ein
Tumor in Deinem Gehirn. Nicht in der Geschwindigkeit, in der Trägheit
liegt die wahre Gewalt. Unbewertbar ... (Parts Unknown)
SYPHILITIC VAGINAS/NUNSLAUGHTER-SPLIT-7”
Abnutzungserscheinungen machen sich breit, denn was auf den letzten
Tonträgern noch einigermaßen funktionierte, ist hier Wiederholung,
zumindest bei SV, die (oder besser „der“?) noch irgendwo einen Song herumliegen
hatte. Nunslaughter klingen wie Holterdipolter-Uftaufta-Blackmetal, weder
richtig böse noch evil, eher wie an Krücken gespielt. Meine letzte
Heizkostenabrechnung ist mehr Black Metal als Nunslaughter. (Rescued From
Life)
YOUNG OFFENDERS-BIG MAN, SMALL HOUSE-7”
Eine Sache, die mich als Archivar zunehmend annervt, ist die
Tatsache, dass sich keine Coverdruckerei mehr an die angestammten Größen
und Normen zu halten scheint. Hat früher noch jede Single in die handelsüblichen
Plastikhüllen gepasst, muss sich man heute entweder selber welche
schnitzen oder Übergrößen horten, bis eine Single wie diese
auftaucht, grrrr. 2x frischer New Wave-Punk oder schon wieder Post-Punk
mit Ohrwurmcharakter, such’s Dir raus. „Saints“ ist ein Hit und die eigentliche
A-Seite. Grandios!!! (| Deranged - derangedrecords.com)
FLIEHENDE STÜRME-DIE TIERE SCHWEIGEN-LP/CD
Die abwechslungsreichste Fliehende Stürme-Platte bisher würde
ich sagen. Waren alle Vorgänger meistens homogene Scheiben, die entweder
durchgehend langsam oder schneller, transparenter oder eben durchgehend
dichter (unzugänglicher) waren, schaffen sie mit dieser Scheibe endlich
den Brückenschlag zwischen allen Facetten der Band bis hin zum allgegenwärtigen
Vorgänger Chaos Z. Großartige Punkscheibe, die Bands Warsaw/Joy
Division und The Pack immer noch näher ist als den 80er-Nietenkaisern.
Die Synthesizer wie in „an einem besseren Tag“ oder das zaghaft eingesetzte
Klavier bei „In Sicherheit“ bekommt keine andere Band so hin wie die Stürme,
jedenfalls nicht, ohne aufgesetzt zu wirken, schon gar nicht, wenn sie
versuchen, dazu auch noch so einen Gitarrensound hinzubekommen. In dieser
Vielschichtigkeit und klaren Tiefe, die beste Fliehende Stürme Platte
bisher (auch wenn das schon wieder eine Floskel ist, die man ständig
liest, um dann doch einfach die Platte nach nur zweimal Hören in den
Schrank zu stellen, aber das Risiko besteht hier nicht). „Die Tiere schweigen“
hat das Zeug zu einem Klassiker, nur über das Cover sollte man noch
mal eine zweite Meinung einholen, denn das finde ich ziemlich hingeschludert
und über den Schrifttypen ... Für die Verpackung gibt es einen
Punkt Abzug. (Major Label/Shivering Jimmy)
HEX DISPENSERS-WINCHESTER MYSTERY HOUSE-LP
Der erste Gedanke nach dem allerersten Durchlauf: ach ja, sie haben
die erste LP einfach noch mal so ähnlich eingespielt, ganz nett, aber
... Nach dem dritten Durchlauf muss das revidiert werden, denn ja das Rad
haben sie nach nur einer LP zwar nicht noch mal neu erfunden, aber die
Details sehen doch anders aus. Immer noch schweben über allem die
allmächtigen Wipers, immer noch sind die Themen wie aus einem 60er-Jahre
B-Horrorfilm, immer noch der bluesige Garagensound, aber es ist eben doch
nicht einfach nur noch mal dieselbe LP mit anderen Vorzeichen. Nein die
Zwischentöne sind definitiv andere. Das Mystery House braucht etwas
länger als sein Vorgänger, auch weil ein Überhit wie Forest
Ray Colson diesmal fehlt. Gerade die Dichte an hervorragenden Stücken
macht es einfach schwer den am hellsten leuchtenden Stern unter ihnen auszumachen,
und genau das ist das eigentliche Dilemma der Platte, denn es gibt keinerlei
Füllmaterial oder Durchhänger. Das DEVO-Cover ist mehr als gelungen,
nur bei der Neuaufnahme der Single-Tracks „Lose my cool“ und „My love is
a bat“ bin ich ein wenig beleidigt, denn wozu kauft man sich die Singles?
Weil sie doch anders klingen, noch mehr aus der Hüfte als die LP,
die als 180 Gramm-Pressung und schönem Artwork ein richtiges Schmuckstück
ist. Wenn die Hex Dispensers hier wieder touren bist Du nicht weniger als
ein Depp, wenn Du nicht hingehst. (Alien Snatch)
LIGHTS OUT!/HIGH SOCIETY-SPLIT-LP
Hab ich wohl bekommen, dass ich was auf die Nase kriege, wenn ich die
Platte scheiße finde, weil Lights Out! aus Stuttgart kommen. Keine
Gefahr, denn die Jungs machen ihre Sache richtig gut. Für mich klingt
es wie rotzfrecher 77er-Punk vom Schlage Killjoys; Jolt, Eater, eben Raw
Records, Small Wonder ein paar anderen plus Hardcore der ersten Sunde als
Geschmacksverstärker, oder aber auch gleich früher Cali-Punk
gehen da natürlich als Referenz. Flott heruntergespulter Punk mit
Hardcoreeinschlag, minimalen aber feinen Melodien und dem entsprechenden
Biss, nicht unähnlich Short Fuse oder den Idle Hands. Sehr vielversprechend
und in der Tat sehr gut. High Society wären in der mittleren 80ern
wahrscheinlich auf unzähligen Tapesamplern vertreten gewesen. Die
Wasted Sperms, die hier natürlich kaum jemand kennt, klangen ziemlich
exakt so, aber auch Abfallbeseitigung (ohne die Orgel) oder flottere Crowds
(ebenfalls ohne Orgel/Synthesizer) passen durchaus als Vergleich. Wer auch
immer hier den Begleitzettel geschrieben hat und da die mighty Black Flag
oder Reagan Youth heraushört, hat entweder etwas an den Ohren oder
ich hab eine Fehlpressung mit einer falschen Band bekommen. High Society
sind deutscher mittachtziger Punk, wie er klang als man sich noch nicht
ganz auf Hardcore festlegen wollte (weil man weiß ja nie), aber wenigstens
metalfrei. High Society leiden ein wenig unter dem kränklich dünnen
Sound der Aufnahme, aber das ist ja nicht meine Schuld. Hätte ich
mir eindeutig wegen Lights Out! gekauft. (Twisted Chords) |