REVIEW MEINE OHREN
Oktober 2009
EDITORS-IN THIS LIGHT AND ON THIS EVENING-2xCD
Eines muss man den Editors wenigstens anrechnen, ihre limitierten CDs erscheinen stets zum normalen Releasedatum des Albums und nicht als Fanverarsche zwei Monate nachdem schon jeder die Platte hat. Für die Frühaufsteher gibt es hier eine Doppel-CD mit fünf Extrastücken auf einer zweiten CD, die den fahlen Geschmack auf der Zunge allerdings auch nicht besser macht. Habe ich die ersten beiden Platten der Engländer noch über alles geliebt, muss ich gestehen, das jede Liebe irgendwann auch mal ein Ende hat. Die Editors haben ihren Stil geändert. Raus mit den Gitarren, rein mit den Synthesizern und Sequenzern, bleibt eigentlich nur noch die markante Stimme, die sie von einer schlechten Kopie früher Depeche Mode abhebt. Ein bisschen Elektrokrautrock hier, ein wenig geklaut da, viel Gerede über Flood als Produzenten, aber bis auf einen einzigen brauchbaren Track (Papillon) nur jede Menge unausgegorenes Material ohne Substanz und großen Wiedererkennungswert. Schon einige Bands haben solche tiefen Griffe ins Klo hinter sich, aber doch nicht schon bei der dritten Platte. Insgesamt ziemlich einheitlich scheiße und schon jetzt mit Abstand die größte Enttäuschung des gesamten Jahres. Nochmal drüber nachdenken, ich hör mit das Ding jedenfalls kein weiteres Mal freiwillig an. Wer um alles in der Welt braucht eine billige Kopie von Gore und Co.? (PIAS) 

ANDALUSIANS-THE WORK-7” 
Auf 500 Exemplare limitierte 3-Track-7”, der ein Downloadgutschein für die EP und drei weitere Songs beiliegt. Aha, so sieht das „ungespielte Vinyl“ der Zukunft aus. Female fronted Art-Post-Punk, als wären Liliput nie aufgelöst worden oder die Slits hätten gelernt, ihre Instrumente zu beherrschen. Die drei Bonusstücke sind übrigens kein Studioabfall oder Demos,  sie hätten mit den anderen gut und gerne eine Mini-LP ergeben. (Dischord)  

BILL SHANKLY-HATE WORLD-7”
Roher Old-School-Hardcore, der ausnahmsweise mal nicht aus den Staaten, sondern aus Australien kommt. Die Referenzen lassen sich angenehmerweise direkt von der Thanks-Liste ablesen: Void, Necros, Faith, Negative Approach und weitere aus dem Zeitraum 82-84. Zehn Songs, allesamt kurz und knackig auf den Punkt gebracht. Leider leidet die EP etwas darunter, dass es sich hier offensichtlich nur um Demo-Aufnahmen handelt, die doch jemand auf Vinyl pressen wollte. (KOP Records)  

BIPOLAR BEAR-SAME-7”
Vier Songs, die wie die gesunde Schnittmenge aus entkernten, weniger fiesen McLusky und Les Savy Fav klingen. Dominante Gitarrenführung, relaxt, gelassen und gelungene Refrainparts. Zwischen Noise, heimlichem Noisepop und jeder Menge Coolness. Ziemlich produktive Band, wie deren bisheriges Werk spurlos an mir vorbeigegangen sein kann, ist mir ein Rätsel. Sehr coole Sache und spätestens morgen so hip, dass es weh tut. (Labil - Labil.org)  

BLACK SUNDAY-CANT’T KEEP MY HANDS OFF YOU-7” 
Zur Entrüstung über Hüllengrößen siehe auch “Young Offenders”-Review, ansonsten haben wir hier zwei neue Songs aus der Feder von Alicja Trout, von denen einer lupenreiner zuckersüßer Elektropop ist, der andere hat ein wenig mehr Punk in der Gewürzmischung. Nichts, wofür man töten müsste, aber auch kein rausgeworfenes Geld. (Red Lounge/Disordered Records)  

THE CUTE LEPERS-BERLIN GIRLS-7” 
Herrlicher 77er-Pop-Punk mit großer Instrumentierung, Bläsern und allem was einen radiotauglichen Ohrwurm früher ausgemacht hat. Klingt wie die Briefs mehr nach altem England-Punk als nach Seattle und so frisch, dass man meint, nochmal (moment) 11 Jahre alt zu sein, als man das erste Mal statt der Drones oder Eater eben AC/DC gehört hat. Wunderschönes neongrünes Vinyl, eine Klasse B-Seite, ich freu mich auf die LP. (Damaged Goods)

THE CUTE LEPERS/THE BITE-SPLIT-7” 
Die Cute Lepers unterscheiden sich hier von den Briefs tatsächlich nur durch den weiblichen Chorgesang, zumal hier auch der alte Schlagzeuger noch einen Song spielt. The Bite steuern ebenfalls zwei Songs bei und klingen natürlich wie 77er-UK-Punk, ein bisschen weniger poppig und catchy, aber nicht schlecht. Erinnern mich an eine alte Band, deren Name mir partout nicht einfallen will, egal. Blödes Cover, auf dem man jeden Schmutzfinger sofort sieht, das an die CBS-Blitzinformations-Singles erinnert, orangenes Vinyl, gut. (Daily Records)  

INTEGRITY/AVM-SPLIT-7“ 
Zwei Songs je Band auf ultralimitiertem Vinyl, das sehr schnell zum Sammleralptraum wird, da die Single kaum in den freien Verkauf gelangen wird. Beide Seiten haben parallel laufende Rillen, je nachdem welche man trifft, erwischt man den einen oder anderen Song. Im Falle von Integrity die Coverversion von Septic Deaths „Silent dream“ oder „Poison Mask“. Bei AVM gibt es GISM-Sound wie auf der „Detestation“ bzw. bei Erwischen der zweiten Rille wie eines der Industrial-Stücke der „M.A.N.“ Es benötigt etwas Fingerspitzengefühl oder Geduld, um an den zweiten Song zu gelangen, aber es lohnt sich. Und wer die Platte nur einmal abspielt, wundert sich kurz, warum da zwei Stücke stehen, er aber nur einen bekommt, anschließend stirbt er dumm. (Holy Terror - holyterrorrecords.com)  

ACCIDENTS-STIGMATE ROCK’N’ROLL-10” 
Die Schweden sind irgendwie eine Bank in Sachen High-Speed-Rock’n’Roll-Punk mit Schmalz und genügend Motörhead-Dampfwalze unter’m Arsch, der so niemals langweilig wird. Klingt diesmal an der eine Ecke schon nach Damned, an der anderen Ecke nach frühem 60er-Greaser-Sound, der warm in fette Gitarren eingepackt wurde. Zwei „halbe“ Coverversionen, die gerade mal soviel leihen, dass es immer noch rätselhaft bleibt (aber irgendwo hab ich das doch schon mal ...), plus vier weitere Stücke, allesamt ohne Ausfall, eingängig, unverkennbar und verdammt gut. Von den sechs Stücken taugen mindestens vier für ein Mixtape oder den Bus-pod, was auch immer in Deinem Ohr steckt. Spartanisch verpackte 10“, deren karger Look schon fast wieder Stil hat. (Bootleg Booze)  

A PLACE TO BURY STRANGERS-EXPLODING HEAD-CD
Das ging schnell! Nicht mal ein Jahr ist die erste Platte alt, schon gibt es auf neuem Label Nachschlag. Klingt stellenweise etwas „fröhlicher“ als der Erstling, was angesichts der Lärmwände drumherum als relativ zu sehen ist, denn wenn die Melodie schon nach Frühling klingt, dann geht wenigstens der Text in eine andere Richtung und es endet wie die Platte mit krachenden Boxen, in denen die Membrane um Gnade winseln. Trotz heller Momente türmen die New Yorker immer noch gewaltige Soundgewitter auf, mischen alte AmRep-Tugenden mit Shoegazer-Sound, etwas 80ern, frühen Godflesh und Sisters of Mercy zu einem Höllengebräu zusammen. Wie beim Debüt alles noch da: Feedbackorgien, Effektmassaker, das Schlagzeug, das klingt wie ein getunter Drumcomputer, der entrückte Gesang, trotzdem ist es keine Wiederholung derselben Platte. „Exploding head“ ist in der Tat noch besser als der Erstling, weil sie einen roten Faden zu haben scheint, der auf ein Ziel zusteuert. Wer bei Gitarrennoise mitreden möchte, kommt an dieser Band nicht vorbei. Grandios!!! (MUTE)  

BILLY BAO-MAY 08-LP
Billy Bao bewusst anhören ist ein bisschen wie Wettsaufen, bei dem es darum geht, wer als erster kotzt. Hier geht es darum, wer als erster aufgibt und die Nadel anhebt, denn diese Platte strapaziert Deine Gehörgänge, sie geht Dir auf die Nerven, sie verursacht Unruhe und führt garantiert nicht dazu, dass Du dich anschließend besser fühlst, wenn Du doch die ganze Scheibe durchgehalten hast. Aber sie zerstört Deine Grenzen, zeigt Dir neue auf, und kann Dir in der falschen Stimmung so tierisch auf den Sack gehen, dass Du anschließend einigen Leuten endlich mal die Meinung geigst, weil es dann auch egal ist. Mit großkalibrigen Waffen auf ungeliebte Nachbarn schießen ist auch eine Option. Die logische Fortführung dessen, was Flipper einmal so harmlos angefangen haben, monoton, eintönig, fies und einfach nur bösartig wie ein Tumor in Deinem Gehirn. Nicht in der Geschwindigkeit, in der Trägheit liegt die wahre Gewalt. Unbewertbar ...  (Parts Unknown)

SYPHILITIC VAGINAS/NUNSLAUGHTER-SPLIT-7” 
Abnutzungserscheinungen machen sich breit, denn was auf den letzten Tonträgern noch einigermaßen funktionierte, ist hier Wiederholung, zumindest bei SV, die (oder besser „der“?) noch irgendwo einen Song herumliegen hatte. Nunslaughter klingen wie Holterdipolter-Uftaufta-Blackmetal, weder richtig böse noch evil, eher wie an Krücken gespielt. Meine letzte Heizkostenabrechnung ist mehr Black Metal als Nunslaughter. (Rescued From Life)  

YOUNG OFFENDERS-BIG MAN, SMALL HOUSE-7” 
Eine Sache, die mich als Archivar zunehmend annervt,  ist die Tatsache, dass sich keine Coverdruckerei mehr an die angestammten Größen und Normen zu halten scheint. Hat früher noch jede Single in die handelsüblichen Plastikhüllen gepasst, muss sich man heute entweder selber welche schnitzen oder Übergrößen horten, bis eine Single wie diese auftaucht, grrrr. 2x frischer New Wave-Punk oder schon wieder Post-Punk mit Ohrwurmcharakter, such’s Dir raus. „Saints“ ist ein Hit und die eigentliche A-Seite. Grandios!!! (| Deranged - derangedrecords.com)  

FLIEHENDE STÜRME-DIE TIERE SCHWEIGEN-LP/CD
Die abwechslungsreichste Fliehende Stürme-Platte bisher würde ich sagen. Waren alle Vorgänger meistens homogene Scheiben, die entweder durchgehend langsam oder schneller, transparenter oder eben durchgehend dichter (unzugänglicher) waren, schaffen sie mit dieser Scheibe endlich den Brückenschlag zwischen allen Facetten der Band bis hin zum allgegenwärtigen Vorgänger Chaos Z. Großartige Punkscheibe, die Bands Warsaw/Joy Division und The Pack immer noch näher ist als den 80er-Nietenkaisern. Die Synthesizer wie in „an einem besseren Tag“ oder das zaghaft eingesetzte Klavier bei „In Sicherheit“ bekommt keine andere Band so hin wie die Stürme, jedenfalls nicht, ohne aufgesetzt zu wirken, schon gar nicht, wenn sie versuchen, dazu auch noch so einen Gitarrensound hinzubekommen. In dieser Vielschichtigkeit und klaren Tiefe, die beste Fliehende Stürme Platte bisher (auch wenn das schon wieder eine Floskel ist, die man ständig liest, um dann doch einfach die Platte nach nur zweimal Hören in den Schrank zu stellen, aber das Risiko besteht hier nicht). „Die Tiere schweigen“ hat das Zeug zu einem Klassiker, nur über das Cover sollte man noch mal eine zweite Meinung einholen, denn das finde ich ziemlich hingeschludert und über den Schrifttypen ... Für die Verpackung gibt es einen Punkt Abzug. (Major Label/Shivering Jimmy)  

HEX DISPENSERS-WINCHESTER MYSTERY HOUSE-LP
Der erste Gedanke nach dem allerersten Durchlauf: ach ja, sie haben die erste LP einfach noch mal so ähnlich eingespielt, ganz nett, aber ... Nach dem dritten Durchlauf muss das revidiert werden, denn ja das Rad haben sie nach nur einer LP zwar nicht noch mal neu erfunden, aber die Details sehen doch anders aus. Immer noch schweben über allem die allmächtigen Wipers, immer noch sind die Themen wie aus einem 60er-Jahre B-Horrorfilm, immer noch der bluesige Garagensound, aber es ist eben doch nicht einfach nur noch mal dieselbe LP mit anderen Vorzeichen. Nein die Zwischentöne sind definitiv andere. Das Mystery House braucht etwas länger als sein Vorgänger, auch weil ein Überhit wie Forest Ray Colson diesmal fehlt. Gerade die Dichte an hervorragenden Stücken macht es einfach schwer den am hellsten leuchtenden Stern unter ihnen auszumachen, und genau das ist das eigentliche Dilemma der Platte, denn es gibt keinerlei Füllmaterial oder Durchhänger. Das DEVO-Cover ist mehr als gelungen, nur bei der Neuaufnahme der Single-Tracks „Lose my cool“ und „My love is a bat“ bin ich ein wenig beleidigt, denn wozu kauft man sich die Singles? Weil sie doch anders klingen, noch mehr aus der Hüfte als die LP, die als 180 Gramm-Pressung und schönem Artwork ein richtiges Schmuckstück ist. Wenn die Hex Dispensers hier wieder touren bist Du nicht weniger als ein Depp, wenn Du nicht hingehst. (Alien Snatch)  

LIGHTS OUT!/HIGH SOCIETY-SPLIT-LP
Hab ich wohl bekommen, dass ich was auf die Nase kriege, wenn ich die Platte scheiße finde, weil Lights Out! aus Stuttgart kommen. Keine Gefahr, denn die Jungs machen ihre Sache richtig gut. Für mich klingt es wie rotzfrecher 77er-Punk vom Schlage Killjoys; Jolt, Eater, eben Raw Records, Small Wonder ein paar anderen plus Hardcore der ersten Sunde als Geschmacksverstärker, oder aber auch gleich früher Cali-Punk gehen da natürlich als Referenz. Flott heruntergespulter Punk mit Hardcoreeinschlag, minimalen aber feinen Melodien und dem entsprechenden Biss, nicht unähnlich Short Fuse oder den Idle Hands. Sehr vielversprechend und in der Tat sehr gut. High Society wären in der mittleren 80ern wahrscheinlich auf unzähligen Tapesamplern vertreten gewesen. Die Wasted Sperms, die hier natürlich kaum jemand kennt, klangen ziemlich exakt so, aber auch Abfallbeseitigung (ohne die Orgel) oder flottere Crowds (ebenfalls ohne Orgel/Synthesizer) passen durchaus als Vergleich. Wer auch immer hier den Begleitzettel geschrieben hat und da die mighty Black Flag oder Reagan Youth heraushört, hat entweder etwas an den Ohren oder ich hab eine Fehlpressung mit einer falschen Band bekommen. High Society sind deutscher mittachtziger Punk, wie er klang als man sich noch nicht ganz auf Hardcore festlegen wollte (weil man weiß ja nie), aber wenigstens metalfrei. High Society leiden ein wenig unter dem kränklich dünnen Sound der Aufnahme, aber das ist ja nicht meine Schuld. Hätte ich mir eindeutig wegen Lights Out! gekauft. (Twisted Chords)  

 

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