REVIEW MEINE OHREN
September 2006
 
TRAGEDY-NERVE DAMAGE-CD
Solides Handwerk, nicht mehr, aber auch nicht weniger. Wer großartige Stilwechsel, Imagewandel oder besinnliche Musik erwartet, der ist hier definitiv auf dem falschen Dampfer. Tragedy sind und bleiben eben Tragedy! Brachialer Endzeithardcore, eine mächtige Soundwand, die garniert mit dunklen Melodien wie eine gewaltige und gut geölte Maschine alles plattwalzt, was sich ihr in den Weg stellt. Die Jungs halten das bereits erreichte hohe Qualitätslevel, feilen hier und da eine neue Ecke, aber Überraschungen oder einen Überhit gibt es eben nicht. Qualitätsarbeit, so grandios und erhaben wie gehabt. Auf weiter Flur unerreicht, das wird sich so schnell auch nicht ändern. Eine der Bands, die man leise definitiv nicht anhören kann.

DICKS-TEN INCHES-10“/HOG HOG HOG-7“
Wunderschöne zehnzöllige Scheibe in Gelbrosa, wobei das Gelb bei den guten Exemplaren einen Ring zwischen den zwei rosa Rändern bildet. Sehr, sehr frühe Liveaufnahmen der Texas-Punks um Gary Floyd, die ähnlich wie die frühen Germs-Aufnahmen zwar schön anzuhören sind, aber nie den Eindruck dessen vermitteln können, was die Bands damals für eine Schockwirkung auf die Leute gehabt haben müssen. Sechs Songs, darunter solche Klassiker wie Bookstore, Kill from the heart oder Wheelchair epidemic, die anders als auf der Split-LP mit den Big Boys klingen, aber nicht unbedingt besser. Alles noch sehr roh und ungestüm, aber absolut inspirierend. Wenn jetzt noch jemand so nett wäre, die erste LP (Kill from the heart) neu aufzulegen, dann wäre ihm mein Dank gewiss. Schön, auch wenn ich wegen des Datums etwas irritiert bin, denn laut der Dicks 1980-1986-CD war die erste Probe erst im Mai 1980, das Konzert hier ist aber vom April desselben Jahres. Hmmm, da hat sich wohl jemand vertan, würde ich sagen und auf die Scheibe hier ein Jahr draufhauen. Essentiell ist dafür die blaugelbe „Hog Hog Hog“-Single mit dem bisher unveröffentlichten „Pigs run wild“ und einer alternativen Version des Überklassikers „Hate the police“, in einer wesentlich langsameren Version, die auf eine ganz andere Art angepisst wirkt als die ursprünglich veröffentlichte. Sehr genial und wie die 10“ natürlich limitiert. (deltapop.com) 

GRANDMAL-ZWISCHEN SCHLACHTHOF UND PASCHA-LP
Ist es schon Retro, wenn Bands in die zugegebenermaßen großen Fußstapfen von Bands wie Unsane, Karp oder den frühen Helmet treten? Ich würde sagen ja, aber nur wenn sie ihre Sache schlecht machen! Das hier ist jedenfalls kein Retro, denn das hier klingt verdammt gut, es stammt aus der Klangschmiede von Frank Bolz, und ich bin der festen Ansicht, dass es viel zu wenige Bands gibt, die ein Anrecht auf AmRep-Erbstücke haben. Seit dem Abgang von McLusky ist der Prinzregentenplatz auch immer noch frei verfügbar (solange Unsane sich nicht endgültig auflösen, brauchen wir über den ersten Platz ja nicht zu diskutieren) und wir haben hier einen vielversprechenden Kandidaten, der sich mit breiter Brust und dicker Gitarrenwand durch die Stücke walzt, deren Texte auf das Nötigste beschränkt sind. Jawohl, für solche Musik wurde einst der Phonograph erfunden, Herr Edison wäre entzückt gewesen! (renkontre.de)
 
HOT SNAKES-THUNDER DOWN UNDER-LP
Herzlichen Dank ... nie gesehen und schon wieder aufgelöst! Grm, die aufgepimpte Version Drive Like Jehu schmeißt das Handtuch (haben sie schon letztes Jahr gemacht, hat nur kaum jemand mitbekommen) und wir warten darauf, dass John Reis neue Leute finden wird, mit denen er wieder was auf die Beine stellt. Nach der Peel Session 7“ gibt es nun eine komplette Live-Radiosession, die angeblich in Australien aufgenommen wurde. Hört man zwar nicht unbedingt, dass das live ist, aber es klingt alles sehr genial, frisch und locker aus dem Ärmel geschüttelt, vielleicht sogar ein wenig peppiger als auf den regulären LPs. Naja, es gibt ein paar wenige kurze Ansagen, da erahnt man ein Publikum, aber was soll’s? Guter Abschied mit allen bekannten Hits auf lila Vinyl. Mehr Punkte hätte es gegeben, wenn die Herren nicht nur Songs gespielt hätten, die man schon mindestens 1x im Schrank hat. (swamirecords.com)

PISSED JEANS-SHALLOW-LP
Wahnsinn! Seit „Zombie“ von den Drunks with Guns habe ich kein Schlagzeug mehr gehört, das wie eine abgefeuerte 44er Magnum mit defektem Schalldämpfer klingt. Die Pissed Jeans hauen heftig in die Kerbe der ganz frühen Drunks und streuen eine Prise frühachtziger Blag Flag mit in die Suppe. Jaja, ich weiß, kennst Du nicht, aber was soll ich machen, einen solch kaputten Sound gab es bereits einmal, aber er wurde halbfertig liegengelassen beziehungsweise durch das lasche Spätwerk mehr oder weniger demontiert. Psychopathensound, kaputt, fertig, angepisst ... genau die Sorte Musik, die man im Ohrstöpsel haben sollte, wenn man mit der Halbautomatischen von Onkel Heinz den Beginn des neuen Schuljahrs feiert und den einen oder anderen Lehrkörper vom Vorjahr auf dem Gang trifft. Zumindest haben ein paar Willi Wichtigs danach mal wieder die Ursache für alles Weltübel auf dem Tisch: Solche Musik, Gewaltvideos und Computerspiele. Yeah, seit Jahren wirklich keine so kaputte Band mehr gehört, die sich auf einer Platte derart fertig durch die Stücke hackt. Herrlich, da fühlt man sich gleich besser, denn DIE sind richtig fertig und angefressen! Wem Flipper ein wenig zu drogenfrei und harmlos waren, der sollte hier sein Glück finden!!! (partsunknownrecords.com)

REPOS-HEARTS AND HEADS EXPLODE-LP
Heilige Scheiße, was für ein Durchlauf! Hätte es da vor Urzeiten nicht schon eine Band namens Septic Death gegeben, würde es hier schwer mit einem Vergleich. Aber die Jungs gab es, und das hier ist nichts anderes als eine 1.2-Version der Jungs um Brian Pushead Schröder, freilich ohne personelle Überschneidungen. Knapp 20minütiges Hardcoremassaker, jede Seite non-stop durchgehackt (das meine ich auch so, es gibt keine Pausen zwischen den Songs), ohne Rücksicht auf den Nebensitzer oder Verluste. Eckig, kantig, trotzdem mit dermaßen viel Tempo durchgeballert, dass man über die komplette Länge einer Seite gerne die Luft anhalten will. Hardcore, so wie er sein sollte, ohne Brimborium, Schnickschnack, Gimmicks oder viel Gesülze. P-e-r-f-e-k-t! Den einen Punkt Abzug gibt es nur, weil eine Band aus Boise/Idaho die Sache vorexerziert hat. Schniekes Wendecover aber auch! (Youth Attack)

WORLD INFERNO FRIENDSHIP SOCIETY-RED EYED SOUL-CD
Wäre da nicht die Wiederverwertung von vier Songs der letzten „Me vs. angry mob“ Mini-CD zu verzeichnen, dann hätten wir hier eine Platte mit komplett neuen Stücken. Warum nicht ein komplett neues Album aufgenommen wurde, entzieht sich meinem geistigen Auge, denn wenn schon, dann hätten auch noch die restlichen beiden Songs der Mini-LP draufgepasst. Stilistisch bewegt sich die Platte auf demselben Level wie der Vorgänger, das heißt, dass alles nach ein und derselben Session und wie aus einem Guss klingt. Musikalisch bleiben WIFS sich treu, will heißen, dass es auch hier wieder einen Sack voll wundervoller Songs gibt, die einen nicht großartig überraschen können, weil die Messlatte einfach schon so hoch liegt, dass man alles aus dem Kopf streichen müsste, was man von dieser Band kennt, um in pure Ekstase zu verfallen. Erneut ein grandioser Musikgenuss, jenseits der geläufigsten  Stilrichtungen und Trends. Das Kollektiv umfasst eine Unmenge von Musikern und ist damit das einzige echte Punk-Orchester dieses Planeten. Produziert und aufgenommen übrigens von Don Fury, der dem Ganzen eine Prise seiner Fingerfertigkeiten beimischt. (Company with the golden arm)

CHEVEU-DOG-7“/CLARA VÉNUS-7“
Aufgrund der großen Nachfrage wurde die erste Single von auf S_S wieder nachgepresst. Kommen zwar aus dem Umfeld von Volt und Frustration, überzeugen mich auf der „Dog“ Single aber weniger als auf der zweiten Single „Clara Vénus“, die wesentlich fieser und kaputter klingt als das relativ relaxte Erstwerk. Die zwei Stück der Clara-Single sind abgedrehter Elektroschrammelnoisepunk mit wirklich nervigen Zwischengeräuschen, die dem Stückchen Vinyl das I-Tüpfelchen geben. Nicht weit von dem entfernt, was Anfang der 80er von einigen Leuten in irgendwelchen Kinderzimmern auf Kassetten gebannt wurde, nur etwas moderner und dichter. Das besagte Umfeld plus etwas in den Raum geworfenes Spielzeug steckt den musikalischen Rahmen ganz gut ab. Ah ja, der Titelsong basiert auf einem Werk von Rimbaud, aber den werden sowieso die wenigsten von Euch kennen, also. (S_S/SDZ sdz.free.fr) 

DAMNATION KIDS-I WANNA DO IT!-7“
Zwei echte Kracher lassen die Kinder da durch die Boxen fegen. Grandios schmutzig produzierter Noise, der den dreckigen Melodien gerade noch die nötige Luft zum Atmen lässt, Wahnsinn! Dritte 7“ der Band, von der ich keine einzige Scheibe vermissen möchte. Ohne viele Worte: Das, was ich bei den Spits stets an Drive vermisst habe, ist alles hier, nur viel schmutziger, ohne Perwoll! Yeah, Hammersongs gehen so: Kabelknarzen, Rückkopplung, ab dafür! Schlagzeug nur auf der Standtom, Bass in den Unterleib, Rückkopplung an jeder Ecke, extrem angepisster Sänger oben drauf und die fiese Farfisa immer dazwischen, und wo’s passt, schrammt auch noch die Gitarre im unteren Frequenzbereich. Ganz klar Lärm, aber geil. „I wanna do it“ ist einer dieser Single-Kracher, die dieses Format so verdammt wertvoll machen, und weil die Rückseite nicht minder schlecht ist, gibt es hier volle Punktzahl! Sehr weit oben und vor allem sehr, sehr geil! (Highschool Refuse Records)
 
ANTISEEN/HANK III-SPLIT-Picture-7“
Aha, limitiert auf 2000 Exemplare, soso. Man sollte meinen, dass davon wohl ein paar unter dem Bett lagern müssen, denn die Zeiten, in denen 2000er-Limitierungen noch einen Kaufrausch auslösten, sind eigentlich seit Jahren gegessen. Aber man kann sich irren, denn bei TKO ist die Single bereits ausverkauft, die sich Hank III und die Vorsitzenden des Confederacy of Scum-Clubs teilen. Zwar sind die besten Tage der Jungs aus Charlotte doch schon ein paar Tage her, aber irgendwie muss es ja einen Grund für den Ruckzuck-Verkauf geben. Fuck the kids gab’s schon auf der Badwill-LP, wobei ich jetzt keinen großen Unterschied erkannt habe, das übliche Wiederverwertungsspielchen, das man von anderen Split-Releases ja schon kennt. Bliebe als Zugpferd Hank, der sich an ein bekanntes Johnny Cash-Schema hält, dazu einen netten Text zum Original von „The hills have eyes“ bastelt und bis auf den lärmigen Ausrutscher mitten im Song eindeutiger Gewinner bleibt. Wem die Coffinshakers zusagen, der sollte mit Hank III einen neuen Gesinnungsgenossen finden (tkorecords.com)

HAUNTED GEORGE-THE DEVILS CANYON-7“
One-Man-Bands sind entweder der verzweifelte Versuch nicht teamfähiger Musiker, trotzdem Gehör zu finden, oder aber der einzige hörbare Ausweg aus besonders strukturschwachen Gegenden. Gibt ja mittlerweile schon eine ganze Handvoll solcher Solisten, allerdings keinen, der so klingt wie HG. Der Junge ist am ehesten mit dem Fluch aus Leverkusen vergleichbar (nur besser), oder mit einem knochigen, gut abgehangenen Tom Bagley (Forbidden Dimension). Erstaunlich, wie interessant es klingen kann, wenn man die Tonleiter einfach nur rauf und runter spielt, dazu etwas Hall, spooky Gesang und fertig. „The devils canyon“ und „graves in the desert“ sind auf jeden Fall kleine Hits, von denen sich so manche Horrorpunkband eine Schaufel Graberde abschöpfen kann. Prima Sound, um sich auf einem alten Friedhof gemütlich ein Grundstück auszusuchen. Bricht das Eis bei jeder Halloween-Party! (Nasty) 

PISSED JEANS-DON’T NEED SMOKE TO MAKE MYSELF DISSAPEAR-7“
Booooh, hier von einer Band und nicht von einer Split-Single zu reden, fällt wirklich schwer. Die B-Seite ist ein echter Hardcorehammer, wie ihn die Wrangler Brutes aktuell zelebrieren, während die A-Seite eine quälend schleppende und fertige Nummer ist, die Heroen von Kaliber Drunks with Guns oder Flipper zur Ehre gereicht. So kaputt habe ich lange nichts mehr gehört. Aber es ist nur eine einzige Band, die auf dieser Sub Pop-Single im Grunde die Früh- und die Spätphase von Black Flag vereinen, obwohl die nie so fertig geklungen haben. Erinnert einen nur daran, wie genial die bewaffneten Akloholiger einmal waren. (SUB POP)

LUZIFERS MOB-COMPLETE 50 SONGS DISCOGRAPHY-CD
Zum zehnjährigen Bandbegräbnis gibt es nun endlich die vollständige Werkschau der Lärmkönige aus Karlsruhe. Hier wurde alles zusammengetragen, was in den vier Jahren des Bandbestehens regulär in welcher Vinylform auch immer veröffentlicht wurde, obendrauf gibt es das erste Demo, das nur die Beinharten in ihrem Schrank stehen hatten. Tutto kompletto mit allen Texten, Linernotes, jeder Menge Fotos und an den Stellen, wo es möglich war, auch Soundupgrade. Erstaunlich, wie dieses Hammerhardcorebrett auch heute noch seine volle Wirkung entfaltet. Ohne viel Rumgewichse, Zielen und großes Rumgeschnatter wird gleich aus der Hüfte geballert, das volle Magazin leergepumpt und dann nachgeschaut, ob man was getroffen hat. Die fünfzig Songs gibt es in nicht mal 45 Minuten, was eigentlich schon mehr als genug über ausgedehnte Vorspiele sagt. Auf einer Höhe mit Bands wie Dropdead oder Assück, nur fand ich den Mob stets wesentlich interessanter, weil er einfach live spielte und sowohl auf Platte als auch auf der Bühne richtig bolzte, ohne jemals in dieses Hasenfickerschlagzeuggerammel zu verfallen. Außerdem hatten und haben die Jungs hier einfach mehr Humor. Noisecrusttrashgeballergeschichtsunterricht, der einfach in jeden Tinnitus-Haushalt gehört. Allerdings bezweifle ich, dass die reguläre 666er- + 100 Die-Hard-Fan-Auflage dafür ausreichen wird. Lärm kann tatsächlich so verdammt geil sein!!! (Repoman Records)

THE ITALIAN STALLION-THE COLLAPZE-7“
Wunderschönes Coverartwork mit Neonfarben, das als Equivalent zu einem Hardcoreklassiker aus Boston herhalten kann! Nachdem die Band so wunderherzig in einem putzigen Spiegel-Artikel über Straight Edge in der BRD mehrfach platziert wurde – was ihr letztendlich keine einzige mehr verkaufte Platte bescheren wird – an dieser geeigneten Stelle der Hinweis, dass die Scheibe nicht nur gut aussieht, sondern auch gut riecht! Es erstaunt mich immer wieder, dass es zyklisch Bands gibt, die mit einer Frische in ein bereits überdüngtes Genre stoßen und mit ihrem Humor der Sache noch einige Tropfen frisches Blut aus den Adern saugen können. 11 Songs, wild und ungestüm ... so als wäre wir live bei der ersten, zweiten oder dritten Hardcorewiedergeburt dabei. Ja, vielleicht wird auch Musik oder ein Gedanke ständig wiedergeboren! Frisch!!! (Musikzimmer)
 

 

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